Eine Sache der Menschlichkeit: Befreit Kachelmann

Juli 11th, 2010

Sonntag, 11. Juli 2010

Autor: Hannes Nagel

Befreit Kachelmann

Als es noch kalt war und nicht wärmer werden wollten, schmissen sie Jörg Kachelmann, den Wettermann, in den Kerker. Heute stöhnen sie unter der Hitze. Die noch in Freiheit sind, können zur Abkühlung wenigstens baden gehen. Für einen Moment hilft das. Wie aber ertragen die ins Eisen Gehauenen die hohen Temperaturen? Kümmert es die Justiz überhaupt, was sie ihnen antut? Wohl nicht. Früher, wenn bei Dürren oder Missernten Schuldige gesucht wurden, klagte man schöne Frauen als Hexen an. Wenn das Wasser nicht schmeckte und Mensch und Vieh verdursteten, fand man die Schuldigen in den Juden. Bei Kachelmann heißt das Delikt Vergewaltigung, er wurde von vornherein für schuldig befunden, weil er prominent ist und seine Waffen ungeniert mit sich herum trägt: Zwei Eier und einen Schwanz. Das reicht für eine Vorverurteilung.

Kachelmann verschwand aus der Öffentlichkeit und die Behörden rühmten sich, weil es „gelungen ist, einen prominenten Bürger verschwinden zu lassen, ohne dass die Öffentlichkeit etwas mit kriegt“. Was ja eigentlich schon als Geständnis der Zielrichtung der Operation Kachelmann gelten muss.

Befreit Kachelmann. Denn man weiß noch nicht, wer die nächsten sind.

Heiße Sache: Der 900 Euro Testballon

Juli 9th, 2010

Freitag, 09. Juli 2010

Autor: Hannes Nagel

Heiße Luft: Der 900 Euro Testballon

Nichts wäre sozialer und menschlicher als ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Bürger. Nichts verursacht Regierenden aus konservativen, liberalen und ihren jeweiligen neo-istischen Lagern mehr Wahnvorstellungen, als wenn dieser Wunsch von linken Träumern vorgetragen wird. Daher ist es bemerkenswert, dass Ursula von der Leyen nun 1 Komma 3 Milliarden Euro in die Hand nehmen darf, um einem schwarz-gelben Testballon drei Jahre lang am Fliegen zum halten. Es soll gestestet werden, ob die Kohle reicht, um Hartz-Vier-Opfer mit 900 Euro im Monat zu bezahlen, wofür sie dann „Bürgerarbeit“ machen. (Übrigens: Kommunalpolitik ist eigentlich auch Bürgerarbeit). Als Optimist könnte man den Plan von der Menschlichkeit trotz Ausbeutung, juristischer Drangsalierung und mangelndem Schutz der Verbraucher vor Betrug und Westerwellen als Schritt in die richtige Richtung betrachten.

1 Komma 3 Milliarden geteilt durch 900 sind 144.444 Hartz-Vier-Opfer von 7 Millionen. 3 Jahre lang bekämen sie 900 Euro. Der Weg zum bedingungslosen Grundeinkommen ist beinahe frei. Wir müssen bloß dem Vorbild der Regierenden folgen, die die Dinge benennen, wie es ihnen gefällt, und das Arbeitsprogramm als Versuch zur allgemeinen Einführung des menschenwürdigen bedingungslosen Grundeinkommens bezeichnen.

Merkeln die nüscht?

Juli 7th, 2010

Mittwoch, 07. Juli 2010

Autor: Hannes Nagel

Wenn die in Berlin Ohren hätten, um damit zu hören, und einen Verstand dazwischen, um mal zu sich zu kommen, könnte man sie mal höflich fragen, ob sie eigentlich überhaupt noch was merkeln. Erst reden sie vom Sparen. „Wir alle“ sollen es tun. Aber wovon, wenn Phillipp Rösler, der Schmulla-Idt-Lehrling, die Krankenkassenbeiträge an den Rand der Unbezahlbarkeit treibt? Man mag gar nicht aussprechen, an wen der Mann mental und phänomenologisch erinnert, sonst wäre hier wieder ein an der Sache vorbei gehendes Geschrei los. (Heinrich hieß er wohl)

Herbert Grönemeyer forderte mal per Lied „Kinder an die Macht“. Einen so unreifen Bengel hatte er wohl nicht gemeint. Beißen Sie mal rein in den unreifen Apfel. Sie, der ist so sauer, dass sich blaues Lackmuspapier rot färbt. Und zwar dann, wenn Sie von Röslers mit dem Begriff „Reform“ falsch bezeichneten Asozialprogramm aufstoßen.

Das Wetter ist eigentlich viel zu schön um sich mit Ärger-Energie auf das Pieselpampen-Niveau der Leute um die Alte vom Kuppelbau herab zu begeben. Lasst und lieber schwimmen gehen und alberne Lieder singen. Refrain: „Röslein, Röslein, Röslein doof“

Von Sparkursen und offenen Rechnungen

Juli 6th, 2010

Dienstag, 06.Juli 2010

Hannes Nagel

Von Sparkursen und offenen Rechnungen

Vor das Apropos ist das Zitat zu setzen: „Rüttgers hatte diese Zerstrittenheit als Vorsitzender überwunden. Natürlich nicht immer mit dem Einverständnis aller Beteiligten. Rechnungen, die dabei offen geblieben sind, sollten jetzt offenbar beglichen werden“. So analysierte ein Politikwissenschaftler im Focus (www.focus.de) den Rückzug von Jürgen Rüttgers aus der Politik. Offene Rechnungen spielten Analysten zufolge auch bei der Wahl von Christian Wulff zum Bundespräsidenten eine Rolle. Als er erst beim dritten Versuch in dass für ihn demokratisch vorbestimmte Amt gehauen werden konnte wie ein Gang ins Getriebe ohne Kupplung, fand man die Ursache im Abstimmungsverhalten von Leuten mit offenen Rechnungen, die Frau Merkel zeigen wollten, dass der längste Schalthebel nichts taugt, wenn unten im Getriebe der Macht die Kupplung nicht mitspielt. Die Legende der gewissenlosen Rechnungsbegleicher war geboren. Aber immerhin: Die faire Demokratie blieb im Felde unbesiegt.

Vielleicht entsteht aus dem Begriff eine neue politische Mode. Wenn also auch in Zukunft mal wieder etwas nicht klappt, dann wollte wohl jemand eine Rechnung begleichen. Das gute an beglichenen Rechnungen ist, dass die Zinsgeschwüre bewirkende Last von den Schultern des Zahlers verschwindet. Das ist beim Rechnungen begleichen der Fall. Aber das ist nicht beim Sparen der Fall. Sparen will die Regierung, aber sie will keine offenen Rechnugen begleichen. Wahrscheinlich kennt sie keine Zinsgeschwüre, weil sie die Last auf andere Schultern verteilt . Sie kann also ohne Sorgen von einem Sparkurs faseln, den sie einschlagen will. Sie sollte ihn nicht einschlagen. Die Regierung sollte vielmehr einen Sparkurs belegen.

Kommentar: Amtsinvestitur mit Hindernissen

Juni 30th, 2010

Christian Wulff wurde so knirschend ins Amt gehauen wie der erste Gang ins Getriebe ohne Kupplung. 

Nun ist er drin und freut sich über die „faire Art der Demokratie“. Na gut, kann man so sehen. Als der Bundestagspräsident begann, das Abstimmungsergebnis zu verlesen, da brandete stürmischer, nicht enden wollender Applaus auf bei der Verkündigung der 492 Stimmen für Joachim Gauck. Derzeit ist es typischer Ausdruck des Zeitgeistes, dem Unterlegenden einer Wahl als Ausdruck der Erleichterung stürmischen Beifall zu gewähren. Dann sagte der Verkünder des Abstimmungsergebnisses, dass sich 120 Abstimmer der Stimmabgabe enthielten. Das waren offenbar die 120, die vorher für Luc Jochimsen stimmten, aber im dritten Gang nicht mehr konnten, weil ihre Kandidatin nicht mehr mitmachte.

Dann spielten sie noch die Hermine, Verzeihung, Hymne, und nun herrscht wieder Einigkeit und Recht und Freiheit in der Koalition.

Eine Frage von Ida L. aus M. A. A

Juni 28th, 2010

Montag, 28. Juni 2010

Autor: Ida Lobenstein

Sachleistungen für Griechenland

Wie kommt das eigentlich, dass die Politik für unsereins ungeniert erörtert, ob und wann die Sozialleistungen in reine Sachleistungen ungewandelt werden, aber für Griechenland steht ausreichend Geld zur Verfügung? Griechenland darf nicht pleite gehen und zu Hause geht ein Volk vor die Hunde. Wenn die griechische Wirtschaft im Hades ist, warum soll man sie nicht auch mit Sachleistungen da heraus holen? Geht das etwa nicht? Und wenn Sachleistungen nicht geeignet sind, jemand aus der sozialen und wirtschaftlichen Misere raqus zu holen, warum wird es dann am eigenen Volk versucht? Kann mir das jemand erklären?

Mit freundlichen Grüßen – Ida L aus M am A

Asoziales: Kein Postgeheimnis für Arbeitslose

Juni 25th, 2010

Freitag, 25. Juni 2010

Autor: Hannes Nagel

Asoziales: Kein Postgeheimnis für Arbeitslose

Langzeitsarbeitslose Ex-Stasi-IMs können ab dem ersten Oktober auf Vollbeschäftigung bis Überbeschäftigung hoffen, wenn wahr wird, welchen Terroranschlag auf die Privatsphäre der Bürger die Bundesagentur für Arbeit verüben will. Wie verschiedene Medien berichten, will die Bundesagentur für Arbeit Postmitarbeiter für das Öffnen, Lesen, Scannen und Weiterleiten der Korrespondenz von Hartz-Vier-Opfern mit der zuständigen Behörde dienstverpflichten. Die Dienstverpflichteten solen zunächst in Halle und Berlin Briefe von Arbeitslosen öffne. Dies stelle keinen Verstoß gegen die Grundrechte dar. Vermutlich deshalb, weil Hartz-Vier-Opfer sowieso keine Grundrechte mehr haben. Das Recht auf Privatsphäre ist ihnen genommen, jeder Cent in ihren Taschen wird ohnehin zuerst von der Agentur begutachtet, bevor sie entscheidet, ob der Cent die letzen Schritte zum Hartz-Vier-Opfer machen darf oder nicht. Wie die Post die Dienstverpflichtung erfüllen will, weiß noch keiner. Ebensowenig ist bekannt, ob sie das Recht auf Zivilcourage kennt und anwendet, indem sie nur eine Frage stellt: „Sagt mal, piepts bei Euch unterm Pony?“Mit dem Fingerchen an Schläfe tippen geht auch.

Also könnten und sollten die Hartz-Vier-Opfer künftig ihre Behördenkorrespondenz über einen gewählten persönlichen Sendboten erledigen. Die Behörde ist dann nämlich verpflichtet, die Briefe anzunehmen oder ihre Annahme schriftlich zu verweigern. Dann kann sie auch keine Sanktionen verhängen. Vielleicht könnte der Arbeitslosenverband die Anregung aufgreifen und sehen, was man praktisch daraus machen kann.

Einstweilen ein schönes Wochenende trotz alledem.

Quergedachtes: Mit konstanter Bosheit

Juni 24th, 2010

Autor: Hannes Nagel

Schimären, Schichten und Kulturen

Früher gab es gefährliche Schriften. Sie wurden verdächtigt, die öffentliche Ordnung zu bedrohen. Die Autoren wurden verfolgt. Denken war der Versuch, den Staat zu stürzen. Revolution durch Denken gibt es zur Zeit nicht. Gäbe es sie, würde Ulrike Herrmann für ihr Buch „Hurra, wir dürfen zahlen“ verfolgt werden. Der Spiegel, wenn er außer seiner Bestsellerliste auch noch eine Umstürzlerliste führte, würde das Buch auf Platz Eins anführen. Denn es geht darin um Klassen und Schichten und eine Gesellschaft, der ein marktwirtschaftlicher Sozialstaat vorgegaukelt wird. Nur durch die Schimäre des sozialen Aufstiegs kann diser Staat seine Gesellschaft bei Laune und Fahne halten. Um die Abhängigkeit der Lebensweise von einem fremden Trugbild abzuschütteln muss nur erst einmal der Staat als Organisationsform einer Interessengruppe erkannt werden. Eine Interessengruppe ist nur eine Teilmenge der ganzen Gesellschaft. Den anderen dient die Organisation nicht, aber es sie braucht sie, um erhalten zu werden.Unter dieser Prämisse kann man verstehen, warum „Hurra, wir dürfen zahlen“ von einem Selbstbetrug der Mittelschicht spricht: Weil die Organisation die Schichten glauben läßt, sie könnten selbst einmal Teil der Interessengruppe werden. „Und sie sagten mir, wenn ich brav bin /dann werd ich dasselbe wie sie / Doch ich dacht: wenn ich ihr Schaf bin / Dann werd ich ein Metzger nie“ Das hat Bertolt Brecht im Lied vom Klassenfeind gedichtet. Am Ende heißt es: „Der Regen kann nicht nach aufwärts / weil ers plötzlich gut mit uns meint / was er kann ist: er kann aufhören / nämlich dann, wenn die Sonne scheint“.

Und darum macht die Werbung den kleinen Leuten vor, sie würden aufsteigen wollen, bis sie es geschafft haben, anstatt sich selbst klar zu machen, wo eigentlich die Interessen der kleinen Leute sind. Mit konstanter Bosheit lässt die Interessengruppe der Organisation Staat alle anderen nicht zu. Dazu benutzt sie Worte wie Chancengleichheit, dementiert schärfstens Gerüchte, es gäbe eine Zweiklassenmedizin und behandelt ihresgleichen mit Höflichkeit. Für die anderen gilt die ganze Härte der Gesetze – die von der Organisation gemacht wurden. Wenn nun aber jede Schicht eine eigene Organisationsform hätte? Die Arbeitslosen, die noch Arbeit Habenden, die Kleinunternehmer und was den Sosziologen noch einfällt, um eine ganze Gesellschaft in Gruppen Schichten oder Klassen einzuteilen? Wie könnten die Schichten der Gesellschaft miteinander existieren? Wie könnte die friedliche Koexistenz der Klassen und Schichten aussehen? Chacun a sont gout. Jedem das, was ihm gut tut. Dann müsste der Staat nicht die kleinen Leute in seine Interessenkämpfe hinein ziehen, dann könnten die Armen den Reichen gönnen und die Reichen müssten nicht nach dem letzten Hemd der Armen gieren. Ja das könnte schön sein. Ein Häuschen mit Garten. Und Blumen darin. Der Frömmste wird in Frieden leben, auch wenns der Obrigkeit mißfällt.

Gesellschaft: Kein geeigneter Kandidat

Juni 23rd, 2010

Mittwoch, 23. Juni 2010

Hannes Nagel

Wie das Land, so der Bundesrepräsentant

Der Bundespräsident soll den Staat im Ausland und bei Empfängen repräsentieren. Die Amtsinhaber sind wechselnde Köpfe auf dem sonst immer gleichen Etikett der Flasche „Deutschland“. Am 30. Juni ist Etikettenwechsel. Aber welcher Kopf paßt auf das Bild, das Volk und Ausland zu vermitteln ist? Der eine Bewerber war zuvor aktuell praktizierender Ministerpräsident. Seine Bewerbung sehen die Oppositionsparteien nicht gerne, weil sie nach Investitur von Merkels Gnaden aussieht. Der Herr Wulff sollte es eigentlich werden, weil eine derartige Einsetzung dem Volk und dem Ausland vermitteln, wieviel Essig im einst edlen Verfassungströpfchen ist. Sie brachten daher Herrn Gauck ins Spiel, den Bürgerbewegten und Bürger Bewegenden Schrecken der kleinen und großen Saugnäpfe an den Tentakeln des Kraken Staatssicherheit der DDR. Gewönne er die Wahl, stünde auf dem Etikett „Moselschlecker“. Schlecken hin, schlecken her – das Tröpfchen käme nicht von der Mosel, sondern aus dem Weingut Berlichingen an der Aar. Und das kann man keinem anbieten, der lieber Moseltröpfchen schleckt. Eine Alibikandiatin ist auch noch da. Sie heißt Frau Jochimsen und ist nur deshalb aufgestellt worden, weil sie es nicht werden kann. Aber man kann ja mal so tun, als ob drei Kandiaten für das Etikettenbildchen fair miteinander im Wettbewerb stehen. So gesehen gibt es nur einen Präsidenten, dessen Wahl kein Etikettenschwindel wäre, und der heißt Wulff. Aber schön wäre das auch nicht.


Gastbeitrag: Als der Kapitalismus noch gutmütig war

Juni 21st, 2010

Als der Kapitalismus noch gutmütig war

von Holdger Platta

Oskar Negts merkwürdige Plaudereien über unsere Wirtschaftsordnung

Und ich lernte, wieso und weswegen / da ein Riß ist durch die Welt/und der bleibt zwischen uns, weil der Regen / von oben nach unten fällt (Bertolt Brecht)

Wenn man der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (HAZ) vom 3. Juni des Jahres glauben darf, hat der emeritierte Philosophieprofessor Oskar Negt anläßlich der Vorstellung seines neuen Buches „Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform“ im hannoverschen Pavillon einen überaus kapitalismuskritischen Satz von sich gegeben: der Kapitalismus besäße inzwischen keinerlei „Beißhemmung“ mehr. In der Regionalausgabe der HAZ, dem „Göttinger Tageblatt“ (GT) vom 5. Juni 2010 (dort auf Seite 29), diente diese Aussage des Wissenschaftlers aus Hannover sogar als Überschrift: „Der Kapitalismus hat seine Beißhemmung verloren“. Stimmt natürlich, möchten wir da spontan als Linke sagen. Endlich hat Oskar Negt, nach allzulanger und merkwürdiger Duz-Beziehung zu Gerhard Schröder, wieder zurückgefunden zu seinem früheren Antikapitalismus. Doch ist er das wirklich, dieser Satz: antikapitalistisch?

So sehr ich den klugen Oskar Negt schätze, so sehr ich anerkenne, daß er dem Kapitalismus mit dieser Formulierung jetzt wieder jene gefährliche „Bissigkeit“ zuschreibt, die der Kapitalismus auch tatsächlich besitzt: dieser scheinbar so kritische Satz des verdienten Sozialphilosophen aus Hannover ist dennoch bloßer Unfug und verharmlost den Kapitalismus gleich in mehrfacher Hinsicht. Diese Bewertung möchte ich zu begründen versuchen:

Was ist „Beißhemmung“ eigentlich?

Der Begriff „Beißhemmung“ unterstellt, daß der Kapitalismus eigentlich von sich aus keine aggressiven Tendenzen besäße oder zumindest sofortest aufgeben würde, wenn er nicht mehr auf Widerstand trifft. Und Negts These vom „Verlust“ dieser Beißhemmung heißt: daß es dieses Wundertier mit Namen „friedfertiger Kapitalismus“ tatsächlich einmal gegeben hat, ergo, den harmlosen, braven, den gutmütigen Kapitalismus. Doch beides ist, Verzeihung, Traumtänzerei! Seit eh und je agiert der Kapitalismus weltweit mit brutalster Rücksichtslosigkeit und mit ungeheurer Destruktivität, mit einer Zerstörungskraft, die selbst vor dem Leben von Kindern nicht haltmacht. Alle fünf Sekunden stirbt auf dieser Welt ein Kind den Hungertod, obwohl das Vielfache des Ernährungsbedarfes für alle Menschen auf diesem Erdball zur Verfügung steht. „Jedes Kind, das auf dieser Welt an Hunger stirbt, ist ein ermordetes Kind“, hat deswegen Jean Ziegler diese Verbrechen bewertet –, jener Mann also, der bei der UNO viele Jahre lang als Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung gearbeitet hat. Kurz: draußen in der Welt war der Kapitalismus schon immer alles andere als ein friedliebendes Tier. Doch das bedeutet im Blick auf Negts scheinkritische Beißhemmungs-Theorie: dieser Emeritus aus Hannover schaut mit seinem merkwürdigen Satz weder zutreffend auf die Geschichte des Kapitalismus zurück noch auf dessen furchtbares Agieren jenseits der Grenzen unseres Kontinents bis auf den heutigen Tag.

Doch selbst wenn man Oskar Negts Beißhemmungs-Theorie lediglich aus bundesdeutscher Perspektive betrachtet, ist seine Aussage vollkommen falsch. Keine Frage: es dürfte richtig sein, daß der Kapitalismus bei uns bis vor rund zwei Jahrzehnten noch nicht so richtig zuzuschlagen wagte – wieder zuzuschlagen wagte, sollte man zutreffenderweise formulieren, in Erinnerung nämlich an dessen Komplizenschaft mit dem Nationalsozialismus. Aber diese Friedlichkeit erklärt sich nicht daraus, daß der Kapitalismus von sich aus so friedlich gewesen wäre, sondern weil es damals noch eine andere Machtverteilung gab als in der Epoche jetzt. Nicht „Beißhemmung“ also, nein, bestenfalls höchst widerwillig getragener „Maulkorb“ erklärt die damalige – übrigens: durchaus nur relativ zu nennende – Friedlichkeit des Kapitalismus bei uns. Und wieso sah das vor gut zwei Jahrzehnten bei uns noch anders aus? Nun, dank stärkerer Gewerkschaften seinerzeit, dank einer Sozialdemokratie, die sich noch nicht eingeschworen hatte auf den Neoliberalismus der letzten beiden Jahrzehnte. Hinzukam, daß der Kapitalismus – bei uns in den Industrieländern jedenfalls – vor gut zwei Jahrzehnten auch noch nicht mit dieser Brutalität zuschlagen mußte, wie er es heute tut, und zwar einfach deshalb nicht, weil bis zu diesem Datum, in puncto Konjunktur, alles so einigermaßen gut gelaufen war. Da ist, bei gefülltem Bauch, leicht friedfertig sein! Das gilt sogar für gesättigte Raubtiere jedweder Art – auf die später noch einmal zurückzukommen sein wird.

Oskar Negt unterstellt dem Kapitalismus eine Friedlichkeit, die der Kapitalismus aus Systemgründen niemals besaß und aus Systemgründen auch niemals besitzen kann. Leider, es ist so: Oskar Negt will uns mit seiner Verlusttheorie zur angeblich vormals existenten „Beißhemmung“ des Kapitalismus einen weißen Rappen andrehen beziehungsweise ein Raubtier, das von Natur aus Vegetarier ist. Was in der Ethologie – in der Erforschung des Verhaltens bei Tieren – als „Beißhemmung“ bezeichnet wird, das Einstellen aggressiver Kampfhandlungen, wenn das unterlegene Tier Demut und Niederlage signalisiert, Wehrlosigkeit oder Unterwerfung, das ist genau das, was dem Kapitalismus prinzipiell fehlt und immer gefehlt hat. Und um bei dieser Mangelanzeige nicht stehenzubleiben: für den Kapitalismus ist sogar das genaue Gegenteil typisch – unvermeidbar aufgrund der ihm strukturell vorgegebenen Eigengesetzlichkeiten (ich nenne hier nur seine alles dominierende Profitorientierung und sein alles beherrschendes Konkurrenzprinzip). Je weniger Widerstand der Kapitalismus spürt, desto brutaler schlägt er zu. Je machtloser die Menschen sind, desto inhumaner beutet der Kapitalismus sie aus. Hat Oskar Negt das alles vergessen? Und wenn er bei der oben erwähnten Veranstaltung, dem Bericht der HAZ und des GT zufolge, zusätzlich noch den Satz geäußert hat: „Ohne Optimismus kann man nicht vernünftig denken“, dann kann man auch dieser törichten These lediglich eine andere und bessere entgegenhalten: „Nur ohne Beschönigungen hat man die Chance, die Welt realistisch zu sehen.“

Wieso ist auch der Ausdruck „Raubtierkapitalismus“ falsch?

Mir scheint: Oskar Negt hat seinen Realismus ausgetauscht gegen diese Beschönigungstendenz – weltvergessen und vergangenheitsvergessen zugleich. Sein scheinbar so kapitalismuskritischer Satz – ganz orientiert an den Exzessen dieser Weltwirtschaftsordnung jetzt – entlarvt sich bei genauerer Analyse zumindest als Freispruch für den angeblich braven Kapitalismus von einst oder sogar als Deklaration eines normalerweise friedlichen Kapitalismus an sich. Negts Metaphorik von der „Beißhemmung“, die sich ja aufs direkteste zurückbezieht auf den „Raubtierkapitalismus“, den vor einigen Jahren Ex-Kanzler Helmut Schmidt ins Gespräch brachte, ist so scheinkritisch, wie bereits Schmidts Vokabel scheinkritisch war. Was hier ebenfalls kurz erläutert werden soll.

Zunächst: in der Tat klingt ja auch Schmidts „Raubtierkapitalismus“ auf Anhieb ganz so, als wolle hier – mit dem Begriffszusatz „Raubtier“ – sogar ein Ex-Politiker der SPD nunmehr das wahre Wesen des „Kapitalismus“ entlarven. Aber sorry, Schmidt war und ist Sozialdemokrat, ergo kein Antikapitalist. Außerdem wäre „Raubtierkapitalismus“ dann so doppeltgemoppelt wie ein „Weißschimmel“ oder ein „fettleibiger Dickwanst“. Nein, Schmidt hat mit diesem Ausdruck etwas ganz anderes gemeint und angreifen wollen: nicht den Kapitalismus an sich, sondern das Ausrasten des gegenwärtigen Kapitalismus als Ausnahmezustand, die Brutalität des Kapitalismus als dessen Extrem- und Entstellungsvariante, die Destruktivität des Kapitalismus als atypischen Fall! Und damit hat auch Schmidt von seiner Seite aus die Sache Kapitalismus als per se destruktive Wirtschafts- und Gesellschaftsform wegformuliert aus der Debatte und zumindest indirekt suggeriert, daß normaler Kapitalismus in Wahrheit etwas viel besseres wäre, etwas durchaus Nettes und Positives, Regulierbares und Bezähmbares. Kurz: qualitative, substantielle Kritik am Kapitalismus wurde damit vom sozialdemokratischen Ex-Kanzler eben gerade nicht geübt, auch Strukturkritik nicht. Es war lediglich graduelle Kritik, Kritik an den ‚Übertreibungen’ des Kapitalismus, ganz so, als ob es einen Normalfall Kapitalismus geben könnte, einen Kapitalismus, der durchaus segensreich ist –; und Schmidt hatte seine Kritik so formuliert, daß typisch sozialdemokratischerweise seiner Ansicht nach ein bißchen Regulierung, ein bißchen mehr Staat, dem Kapitalismus schon wieder zu seiner eigentlichen Menschlichkeit zurückverhelfen würde.

Dieselbe Fantasie, dasselbe Wunschdenken, ist aber auch bei Negts „Beißhemmung“ am Werk: das Wunschbild von einem Kapitalismus, der doch eigentlich, seinem Wesen und seiner Struktur nach, überhaupt nicht böse sei. Das also ist für mich die brav-sozialdemokratische Gemeinsamkeit von Helmut Schmidts „Raubtierkapitalismus“ mit der „Beißhemmung“ von Negt. Ergo: wo bereits in der Begrifflichkeit des elder statesman aus Hamburg das eigentliche Wesen des Kapitalismus nicht als Raubtier, sondern als Kuschelkatze fantasiert worden ist, da geistert auch in Negts Metaphorik von der „Beißhemmung“ des Kapitalismus ein politökonomisches Verständnis im Kopf herum, das ebenfalls diesem Kapitalismus einen ‚von Natur aus’ guten und friedlichen Charakter zuspricht, das Bild von einem Kapitalismus, der sofort und mit Sicherheit innehalten würde, wenn er Schwäche spürt und keinen Widerstand mehr.

Doch leider: in Wirklichkeit ist das genaue Gegenteil richtig. Allein das dem Kapitalismus inhärente Konkurrenzprinzip sowie dessen systemunvermeidbare Gewinnorientierung verhindern diese Güte und Rücksichtnahme, dieses animalische Innehalten bei Aggression, das selbst die Raubtiere zeigen. Und ein homo politicus wie Negt, der die „Demokratie als Lebensform“ befördern will – siehe den Titel seines neuesten Buches! –, sollte das eigentlich wissen, er sollte das wissen wie wir und nicht mit verqueren Metaphern vergessen machen. Nein, Kollege Negt, der Kapitalismus hat nie eine „Beißhemmung“ besessen, die ihn zum Abbruch seiner Aggressionen zwang oder zwingt, wenn das Opfer wehrlos oder besiegt ist. Im Gegenteil: der Kapitalismus hat stets dann und gerade dann, wenn sein Gegner am Boden lag und sozusagen die Kehle zeigte, seine ganze bösartige Aggressivität an den Tag gelegt! Etwas netter formuliert: das relativ „gute Benehmen“ des Kapitalismus für einige Nachkriegsjahrzehnte bei uns war nie etwas anderes gewesen als Resultat seiner Hemmung von außen her, ergo bildlich gesprochen: das Ergebnis der Tatsache, daß es da, für einige bundesrepublikanische Jahrzehnte, so etwas wie eine „Gouvernante“ gab, die auf das einigermaßen sittsame Benehmen des Kapitalismus zu achten verstand. Und – merkwürdig genug! – im Grunde weiß dieses natürlich auch Oskar Negt selbst. Denn wenn man der Darstellung seines Auftritts in Hannover im „Göttinger Tageblatt“ glauben darf, äußerte er auf derselben Veranstaltung auch das Folgende noch: „Nach dem Mauerfall habe das Kapital seine Beißhemmung verloren.“ Sorry, aber das ist Widerlegung dieser Beißhemmungs-These sogar durch deren Urheber selbst: die Aggressivität des Kapitalismus war auch Negts Auffassung nach lediglich von außen her in Schach gehalten worden, nicht aber von einem im Kapitalismus-Innern selber angelegten Friedlichkeitsdrang, sie war in Schach gehalten worden von der Existenz solcher Nachkriegsrealitäten wie DDR und Warschauer Pakt, vor allem aber von der Existenz der Sowjetunion. Was zwischenbilanzierend heißt:

Man sollte dem Kapitalismus keine Friedfertigkeit zuschreiben, die er nie besessen hat – und dies im Kern sogar Oskar Negts eigener Einschätzung nach. Noch jede Safari in die Wildgehege der Kapitalismus-Vergangenheit zeigt dies, noch jede Safari heute – irgendwo draußen in der weiten Welt – führt uns dieses auf blutigste Weise vor Augen: der Kapitalismus war nie etwa anderes gewesen und kann nie etwas anderes sein als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln: des Krieges gegen die Menschen und gegen die Menschlichkeit!

Wen schont die „Beißhemmung“ des „Raubtierkapitalismus“ und wen nicht?

Aber es gibt noch einen allerletzten Punkt, der im Zusammenhang mit Negts „Beißhemmungs“-Theorie anzusprechen ist – ein Irrtum sozusagen hinter dem Irrtum. Ist Negts animalische Naturalisierungsmetapher bereits als solche falsch, so ist sie von ihm auch noch völlig falsch ausgelegt worden. Negt ist das Opfer eines Denkfehlers geworden, dessen Offenlegung die Sache noch schlechter macht, als sie jetzt bereits ist. Denn wem gilt die „Beißhemmung“ im Tierreich eigentlich? Der Nahrungsbeute oder dem Rivalen im eigenen Rudel? Rückübersetzt in unseren Zusammenhang: dem Klassengegner oder dem Klassenkumpan? Der lohnabhängigen Arbeitskraft oder dem Ausbeuterkollegen?

Die Antwort dürfte klar sein, einschränkungslos klar, was das Tierreich betrifft: natürlich greift die „Beißhemmung“ bei den Raubtieren nur, wenn es sich bei dem Gegner um den Rivalen aus dem eigenen Rudel handelt, um einen Artgenossen, der durch Demutsgesten seine Kampfaufgabe signalisiert. Vom fremden Beutetier aber läßt das Raubtier erst ab, wenn sein Hunger gestillt ist. Das bedeutet jedoch für unseren Zusammenhang: bis vor zwei, drei Jahrzehnten hat der Kapitalismus nur Frieden gehalten innerhalb der eigenen Reihen – so einigermaßen jedenfalls -, Frieden gegenüber dem Klassengegner aber aber gab es in Wirklichkeit nie. Nur im Binnenverhältnis mag es beim Kapitalismus so etwas wie relative Friedlichkeit gegeben haben, niemals aber gegenüber seinen Ausbeutungsobjekten. Was den Krieg gegen die Lohnabhängigen betrifft, tobt dieser Krieg des Kapitalismus seit ewigen Zeiten beziehungsweise von Anfang an. Lediglich die Schlachtfelder dieses Krieges wechselten oft ihren Schauplatz, waren mal vorrangig in England, Frankreich und Deutschland zu finden und mal in den Kolonien, mal in den Ländern der sogenannten Ersten und Zweiten Welt, mal vorrangig oder gleichbleibend in den sogenannten ‚Dritt’- und ‚Viert’ländern auf diesem Erdball. Und heute bzw. seit einigen Jahrzehnten? – Nun, je weniger die vormaligen Konjunkturherrlichkeiten aufrechterhalten werden konnten, desto stärker schlug die kapitalismustypische Brutalität auch in den Ursprungsländern des Kapitalismus zu. „Beißhemmung“ gab und gibt es gegenüber Beutetieren nie! Und Negts „Ende der Beißhemmung“ erweist sich im Lichte dieser Erkenntnis noch stärker als ideologischer Verharmlosungsquatsch. Mag hie und da auch zwischen den Kapitalfraktionen Kriegszustand herrschen, ein Ende der „Beißhemmung“ also auch zwischen den Angehörigen des eigenen Rudels, mag es vor allem so sein, daß die kleinen und kleinsten Unternehmen immer häufiger kaputtkonkurriert werden, mag das alles so sein – zeitweilig jedenfalls -: eine „Ende der Beißhemmung“ gegenüber dem Klassengegner gab es in Wirklichkeit nie. Sehr wohl aber gibt es seit Jahren Verschärfung des Kampfes gegen die Lohnabhängigen weltweit. Schlicht deshalb, weil der kapitalistische Mehrwert-Hunger gar nichs anderes erlaubt. Aus Renditesicht zählt der einzelne Mensch, der Lohnabhängige, gar nichts. Er gehört dem Rudel der Kapitaleigner nicht an, sondern hat als Beute deren Hunger zu stillen, bis diese satt sind. Und Ruhe gibt es für bestimmte Lohnabhängige nur dann, wenn das Rudel gerademal woanders seinen Hunger stillt. „Kehle“ zeigen hilft da gar nichts, sondern einzig und allein energischer Widerstand. Oder anders gesagt:

Wer sich da auf „Beißhemmungen“ des Kapitalismus verläßt, wird mit Sicherheit am Ende der „Gebissene“ sein. Einerseits weiß das auch ein Oskar Negt, doch andererseits weiß das ein Oskar Negt offenkundig auch nicht.

Der Regen kann nicht nach aufwärts / Weil ers plötzlich gut mit uns meint / Was er kann, das ist: er kann aufhörn / Nämlich dann, wenn die Sonne scheint

(Bertolt Brecht)