TAGESBEMERKUNGEN: 29.5.20020 Das Alibi vom Friseur

„Das Alibi vom Friseur“

Quelle: Wahrnehmungen aus dem Alltag

Am 29. Mai war Freitag und Geld auf dem Konto. „Wie schön“, dachte der Kopf, „da lass ich mich gleich wieder schick machen um Omme rum.

Das ging auch ganz gut. Waschen, Schermachine, Wolle runter, kurz mal Augen zukneifen, als die kahle Stelle am Hinterkopf unverschämt breit in die Gegend glitzerte. Seis drum: wo der Verstand wächst, weichen die Haare. So gesehen ist Kahlstellenbildung besser als wenn die Denkermurmel auf dem Hals wild zugewuchert wird.

Noch friedlich eingelullt von den Händen der Friseuse, die so wohlig die Kopfhaut massiert hatte, machte sich der Kopf bereit, die Zahlung der 18 Euro zuzulassen. doch noch vor dem Geld wollten sie dort im Laden Name und Anschrift des Kunden haben, der zu dem Kopf gehörte. Der Kopf wog ab und nannte dann Name, Straße und Hausnummer. Immerhin fragte keiner nach Handy-Daten oder Festnetztelefonnnummer.

Wie einfach wird in Zukunft die Arbeit der Kriminalpolizei: Wenn was ist prüft der Kommissar nur die Registrierungseintragungen. Dazu müssen alle mitmachen, auch Kaufhallen, Bäcker, Schreibwarenläden, Sparkassen, Busfahrer. Für Züge gehört ja schon seit Jahren die Ausstellung personengebundener Fahrkarten eingeführt – ein Wunder, wie lange die sich dem Trend schon entziehen können.

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für Juni ist fertig

Kiebe Leserinnen, liebe Leser, mit stilsicherer Feder ist wieder ein zum Teil scharf geschliffenes Flugblatt fertig geworden. Viel Spaß beim Lesen.

Beste Grüße

Hannes Nagel

und hier kommt der Link zum Blatt:

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TAGESBEMERKUNGEN: Sonntag, 24.Mai, Thema Arbeit

“Arbeit ist das Angebot des Könnens an den gesellschaftlichen Nutzen. Wo aber das Geld denkt, erkennt der gesellschaftliche Nutzen nicht die ihn erhaltende Bedeutung des Könnens von jedem Einzelnen Mitglied der Gesellschaft”

(Gerade gelesen an einer Hauswandbeschriftung)

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Baron von Feder: Lächelnde Bilanz

BARON VON FEDER

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„Lächelnde Bilanz“

Wenn Geister der Vergangenheit
der Gegenwart die Kräfte rauben,
sich wähnend als Unwägbarkeit,
und sie sagen, dass die Trauben

die deines Geistesstrebens Ziel sind
du niemals kriegst, und du sollst glauben
du bleibst ein nichts gewordnes Kind –

Dann wolln sie Dir die Ernte neiden
Du sollst die Lust zur Mühe meiden
indem die Geister krächzend schrein:
Das schaffst Du NIE -lass es doch sein –

dann lächel. Sprich mit Sprache klar
was längst schon auszusprechen war:

„Ich habe mehr geschafft, als Ihr
jemals könnt zerstören mir.

Das unterdrückte Selbstvertrauen
wird sich auch jetzt noch neu aufbauen.“

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FEUILLETON-ZEITGEIST: Zeitgeist und Geschichte beim Nachmittagstee

FEUILLETON-ZEITGEIST

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„Zeitgeist und Geschichte beim Nachmittagstee“

Die Geschichte hatte die Nase voll. Viele Tausende Jahre hatte sie Nachsicht mit den Menschen geübt. Denn sie besaßen doch die Fähigkeit zur Vernunft und zur Erkenntnis: Literatur und Kunst, Aufklärung und Philosophie, und sie kannten auch die dreistufige Entwicklung der Vernunft aus Emotionalität über die Tugend hin zur Rationalität. Sie müssten doch, dachte die Geschichte, alles gelernt haben, um als mündige Mitglieder einer Gesellschaft ihre Gesellschaft vernunftgemäß mit Lust und Leidenschaft zu verwalten und zu gestalten.

Als die Geschichte das Refugium des Zeitgeistes erreichte, stoppte sie. „Zeitgeist, bis du da?“, fragte sie. „Jaa“, schnaufte der Zeitgeist, denn er hatte sich mit den neuesten Beschwerden der Spötter am Handlungsrepertoire des Politikpersonals befasst und sie in einem Anfall von Ärger in den Papierkorb geworfen. Nun brauchte er sie wieder. Der Zeitgeist war ja auch nicht mehr der Jüngste, genauso wenig wie die Geschichte. Sie waren sozusagen ein älteres Direktorenpaar einer menschlichen Bildungseinrichtung, deren Motto Goethe mal für ein kurzes, beinahe nur hinskizziertes Schauspiel benutzt hatte. „Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter erst im Sturm der Zeit“. Die Geschichte schaute auf den Zeitgeist. „Deine Weste ist verrutscht“, sagte sie und zupfte am Bund der Weste und am Kragen des Hemdes. Dann betrachtete sie ihr Werk: „Siehst gut aus für dein Alter“, sagte die Geschichte. Der Zeitgeist grinste. „Dir sieht man deines gar nicht an, nur die Filigranität deiner Erfahrungen, welche….“ Mitten in den Satz hinein lachte die Geschichte, und der Zeitgeist lachte mit. „Willst du einen Tee nehmen?“, fragte der Zeitgeist. „Ja gerne“, sagte die Geschichte, „aber bitte mit Sanddornlikör.“ „Dann nehmen wir den Tee aber im Garten“, schlug der Zeitgeist vor. „Oh ja“, stimmte die Geschichte zu, „dann können wir im Sonnenschein auf einer Bank sitzen und unser abgeschlossenes Lebenswerk betrachten“, sagte die Geschichte. „Unser Lebenswerk ist nie abgeschlossen“, tadelte der Zeitgeist milde. Die Geschichte lachte. „Hegel würde sich ein Loch in die Socken freuen“, sagte sie. Der Zeitgeist sagte: „Apropos Hegel. Wie hieß noch mal der vergleichsweise junge Mann, der Politikprofessor in Amerika war und meinte, die Menschheitsentwicklung sei mit dem Untergang von Ostblock und Sozialismus an ihrem Ende angekommen?“ Die Geschichte versuchte sich zu erinnern. „Irgendwas mit Fuck You“, murmelte sie. Dann hatte sie es: „Fukuyama, Francis Fukuyama. Und das Buch hieß „Das Ende der Geschichte“. „Ach, liebe Geschichte, da hat der Professor schon beim Titel Schwachsinn verfasst. Is ja ne Blasphemie gegen dich.“ „Na so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Denn Blaspemien und andere Schmähungen – da stehen wir doch drüber, was, Zeitgeist, wir stehen doch drüber, oder?“ Der Zeitgeist nickte bedächtig. Blasphemien, Schmähungen: sowas gabs tatsächlich. Manchmal wurden sogar die besten Ideen und edelsten Gedanken verlacht und Geschmäht. „Blaspemien und Schmähungen gibt es wirklich. Das Darüberstehn ist bisweilen schwer“, sagte der Zeitgeist, „aber hier möchte ich mal gerne Gandhi zitieren: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“

Dann zupfte er an seinem Strohhut und anschließend an der Fliege, die er trug, weil er keine Krawatten mochte. „Dabei gab es im 17. Jahrhundert Fächerartig um den Hals gebundene Tücher, die richtig elegant aussahen. deren Ursprung manche in Kroatien sehen, woraus dann sprachgeschichtlich auch der Ausdruck „Krawatte“ abgeleitet wurde. Kroatien heißt in der Landesprache Hvratska. Das H hört man nicht. Der Teil, den man sofort hört, hört sich nach vrat an, und mit ein bisschen linguistischer Fantasie kommt von von vrat auf kravat und somit auf die Krawatte.“, dozierte der Zeitgeist. Die Geschichte lauschte andächtig in ihren Erinnerungen. „Moment, moment“, sagte die Geschichte, „lieber Zeitgeist, du bist grad ein wenig schnell mit Deinen Zeitsprüngen. Wie kommst du jetzt von den Schmähungen zu den Kravatten?“ „Da gibts keinen Zusammenhang, jedenfalls keinen kausalen.“ „Ach?“ sagte die Geschichte. Aufmerksam kam sie näher. Dinge aus ihrem Fachbereich, wenn sie zeitlich zusammenfielen, interessierten sie sehr. „Haben die Kravatten historische Bedeutung?“, fragte die Geschichte. „Liebe Geschichte, wenn die Abfolge des Geschehens kausal wäre, dann würde doch gar nicht alles passieren können. Dann würde doch nur passieren, was Ursache und Wirkung ist. Aber es passieren in einem Zeitabschnitt immer so viele Dinge, von denen manche gar nichts miteinander zu tun haben. Und von zwei Dingen, die nichts miteinander zu tun haben, kann eines nicht die Ursache des Andern sein.“ „Den kenn ich, lieber Zeitgeist, der hieß Baruch Spinoza. Mit dem hab ich auch mal Tee getrunken.“ Die Geschichte und der Zeitgeist kuckten sich an. Die Geschichte forschend, der Zeitgeist verständnislos, bis sie beide lachten. „Und weißt du was, wenn ich dem Spinoza nicht Zitrone in den Tee getan hätte, dann wäre seine Darstellung der Ethik nach der geometrischen Methode nie fertig geworden.“ „Ja, liebe Geschichte, so sind es mal wieder die Unwägbarkeiten, die selbst unseren Plänen einen ungewissen Ausgang bereiten.“ „Duhuu, Zeitgeist? Wolln wir mal kucken, was wir können? Wolln wir mal kucken, obs wieder eine kleine Unwägbarkeit gibt, die den Gang der Dinge entscheidet? Wolln wir mal die Menschen auf die Idee bringen, einen Kongress der Weltanschauungen abzuhalten, wo sie sich aus unserem Wirken wie von einem üppigen Geistesbüffett bedienen und ihren Verstand vor dem Sodbrennen ihrer ständigen Kriege bewahren? Denn eins sag ich Dir, lieber Zeitgeist: es gibt keinen gerechten Krieg – ich hab ihn nicht vorgesehen – und Konflikte kann man auch anders lösen. Oder wie dein famoser Gandhi sagt: Der Schmerz, den ich Dir zufüge, verletzt mich selbst viel mehr.“

„Liebste Geschichte – ja, die Unwägbarkeit. Mir isses so, als kenne ich einen, der Fontane mag. Der macht aber nur mit, wenn er sich nicht instrumentalisiert fühlt. Die Unwägbarkeit, die wir suchen, muss jemand sein, dessen Herzensbedürfnis es ist, übrigbleibende Wege zu finden, wenn die Hauptkräfte der Entwicklung ex Kathedra festlegen, dass es zwei Wege gibt, und tertium non datur.

„Hach, lieber Zeitgeist, wenn am Ende rauskommt, dass der Erfolg jeglichen Streben davon abhängt, dass niemand in fremden Hamsterrädern Rollen spielen muss, die nicht mit den eigenen Wohlfühlmomenten überein stimmen, dann wird das Tun der Leute im Laufe der Zeit und der Sammlung von Geist in dieser Zeit dazu führen, dass die Menschheit mit der Schöpfung klüger umgeht.“

„Boah, liebste Geschichte, was für ein epochales Statement. Wenns uns nicht gäbe, keine Geschichte und keinen Zeitgeist, dann gäbs auch keine Hoffnung da unten.“

An die kleine Unwägbarkeit des Schöpfers dachten sie in diesem Moment gar nicht.

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TAGESBEMERKUNG: Die Nichtstörer-App

Mein Computer hat mir gerade mitgeteilt, dass er meiner Nichtstörerliste eine neue Nichtstörer-App hinzugefügt hat.

Das finde ich komisch. Ich führe keine Nichtstörer-Liste. Und ich möchte nicht ohne mein Wissen eine App zugefügt bekommen, von der ich nicht erfahre, was sie tut oder wozu sie fähig ist.

Besonders dann, wenn die App durch meine Ablehnung – nur mal angenommen – so richtig böse, grantig oder fies wird wie die NSA oder Marc Zuckerberg persönlich.

Ich fühle mich von einer unaufgefordert an mich heran tretenden Nichtstörer-App gestört.

Und es soll doch bitte kein Brauner den Frieden stören. Näheres unter Wagner, “Der Ritt der Walküren”

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REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für Mai ist fertig

Es lebe der Erste Mai. Das Flugblatt ist fertig.

Hier kommt es:

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Tagesbemerkungen: Berufswunsch Mauerspecht

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TAGESBEMERKUNGEN: Wenn Spenden eingeklagt werden

Manchmal gibt’s es kuriose Dinge. Spenden zum Beispiel. Hochedel ist es, wenn Hartz-Vier-Opfer sich für einen Sozialverband mühsam sechs Euro im Monat vom Munde absparen und dann zum Zahlen verdonnnert werden sollen, weil das Geld vorne und hinten nicht reicht, und von irgendetwas will ja auch ein Hartz-Vier-Opfer leben.

Ein erster Anruf beim Verband stieß noch auf Verständnis: Die Spenden wurden zurück gebrucht, eine Wiederaufnahme in Aussicht gestellt, sobald sich die Lage gebessert haben würde. Sie besserte sich nicht, und der Verein buchte munter weiter ab. Rückbuchung folgte auf dem Fuße – neuerliche Anrufversuche gingen ins Leere. Und dann mahnte der Verein mit Mahngebühren seinen Spendenbezug ein.

Sachen gibt’s. Und andre sind nicht viel besser.

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FEUILLETON-REZENSION: Deep Green Resistance

FEUILLETON-REZENSION

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„Deep Green Resistance“

„Es geht darum, zurück zu schlagen“

Deep Green Resistance ist ein Buch mit außerordentlich radikalen Einfällen. Eine der ersten Formulierungen hißt: „Es geht darum, zuück zu schlagen“. Zurück schlagen bedeutet, das jemand zuerst schlägt. Auf dieser „Jemand“, der Ntur, Kultur, Schöpfung und Geist schlägt, zeigen die Autoren mit dem Zeigefinger und rufen „Der ist es“, und wenn man hinschaut, sieht man den Neoliberalismus. Man solle ihn aber nicht mit der Globalisierung als Ganzem werwechseln. Neoliberalismus ist nur eine faschistische Ausprägung vom Wegfall der Grenzen, weltweitem Handel freiem Personenverkehr, den viele am Anfang der Globalisierungg seit ungefähr 1990-95-97 erwartet hatten. Diese Erwartung von Globalisierung könnte man eher „Kosomopolitismus“, also „Weltbürgerschaft“, nennen. Daran hatten sogar schon Gotthold Ephraim Lessing und Johann Wolfgang von Goethe herum gedacht.

Bremsklötze vor die für den Profit rollenden Räder

Im zweiten Weltkrieg forderten Durchhalteparolen in Deutschland: „Räder müssen rollen für den Sieg“. Wer bremste, wurde erschossen. Die für den Profit rollenden Räder des Neoliberalismus wollen die Autoren von Deep Green Resistance“ unbedingt bremsen. Also werfen sie Bremsklötze vor die Räder.

„Das Buch handelt vom Gegenschlag“, schreiben die Autoren. Sie machen unmißverständlich klar, dass sie mehr von tatkräftigen Handlungen halten als vom vernunftorientierten Handlungen. Dann könne der auf die Klippen zutreibende Kahn „Erde“ wieder auf die freie See zu bekommen. Die Erde muss sich aus der Gefahr ihrer eigenen Strandung freisegeln. Wenn nichts hilft, muss die Mannschaft also meutern.

Starker Tobak, was? Aber das ist noch gar nichts. Der richtig harte Stoff kommt erst noch.

Die Autoren benutzen ausgerechnet Ausschwitz, um den Umgang der Wirtschaft mit den Ressourcen der Erde mit dem Umgang der Lagerärzte nit den Opfern zu vergleichen. Das geht nicht. Es gibt logische Herleitungen, die einen Mord oder einen Krieg als gerecht aussehen lassen. Aber genau an dieser Stelle muss das Innere Stoppsignal sagen: Halt, Fehler in der Herleitung – Ergebnis ist falsch. Denn es gibt keine gerechte Gewalt und keinen gerechten Krieg. Die Autoren meinen mit ihrem Vergleich übrigens, dass der Neoliberalismus nur soviel Regenwald oder Bodenschätze übrig lässt, wie er braucht, damit sich seine Zerstörungswut nicht gegen ihn selbst richtet. Und die Opfer der KZ wurden nur minimal am Leben gehalten, um auch noch die letzten Kräfte zum Profit einzusetzen. Dann erst, nach vollständiger Ausquetschung, würden sie weg geschmissen. Die Autoren hier hätten ein Originalzitat von Heinrich Himmler benutzen müssen, wenn diese Vergleichskonstruktion ausgedrückt werden sollte. Himmler sagte nämlich 1943: „Ob ein paar Millionen russischer Weiber und Kinder beim Ausheben von Panzergräben verrrecken, interessiert mich nur soweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird.“ Dann wären sie der Eignung eines Vergleichs des Neoliberalismus mit dem Faschismus wesentlich näher gekommen.

Gründliche Untersuchung des Neoliberalismus

Mit dem Liberalismus und seiner jetzigen Form halten sich die Autoren lange genug auf, um festzustellen, dass er sich in seiner langen Geschichte ab Adam Smith 1776 einer gründlichen Analyse entzieht. Neoliberalismus basiert nämlich nicht auf dem Denken und aus der Basis von Ideen, sondern auf der materiellen Grundlage des Profits. (Seite 48). Das Denken überlässt er der Kultur, die er aber nicht bezahlt, weil sie ihm zu wenig materiellen Wohlstand einbringt. Wie sollte sie das auch, wenn sie so schlecht bezahlt wird?

Und dann wundert man sich jahrelang über das Gefühl, die Politik würde das Denken dem Geld überlassen

Danach kommt das Thema Gewalt.

Gewalt kann sich gegen Menschen oder Sachwerte richten. Wenn Randale ist und Autos angezündet werden, vermischen sich beide Formen. Fliegt ein Stein in eine Schaufensterscheibe, fliegt gleich darauf eine Bullenfaust in ein Demonstrantengesicht. Niemand kann dann mehr kausal erklären, wie die Gewalt zustande gekommen ist. Das ist im Falle Israel versus Palästina ähnlich. Niemand weiß mehr, ob Gewalt gerade Gegengewalt gegen eine vorher begangene Gewalttat der anderen Seite ist.

Vernünftige Menschen kommen da gerne mal auf die Idee, zur Gewaltlosigkeit überzugehen. Für diese Haltung werden sie meistens Spinner genannt.

Widerstand.

Die schwierigste Frage des Buches ist die Frage, wie eine Kultur des widerstands aussehen müsste und wie sie tatsächlich aussieht. Kann es also einen gewaltfreien Gegenschlag geben? Was ist überhaupt Widerstand? Die Autoren erörtern ernsthaft eine kleine jugendliche Rebellion als Aufstand gegen elterliche, schulische oder pädagogische Autorität. Aber das ist kein Widerstand, sondern das Trainieren von Kräften, um sie für vernünftige Zwecke einsetzen zu können. Ohne diese Erkenntnis bleibt Gewalt die ewig dumme Forderung: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Zum besseren Kaputtmachen behandeln die Autoren dann Taktiken des militanten Widerstands. Das geht bis hin zu Untergrundbewegungen und Einbeziehung der Bevölkerung in militante Aktionen. Aber von Frieden lernen, um Gewalt und Krieg überflüssig zu machen, steht nichts in dem ansonsten gründlich erarbeiteten Buch.

Und damit ist das 320 Seiten lange Buch zu kurz gedacht.

Derrick Jensen, Lierre Keith, Aric McBay, „Deep Green Resistance. Stratgien zur Rettung des Planeten“, Promedia-Verlag, Wien 2020)

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