Die Wespe

Am 27. September schlüpfte in Berlin eine kleine schwarz und gelb gezeichnete Wespe aus ihrem Kokon. Mit viel Gesumm schaut sie sich nun um. Sie hat auch einen kleinen Stachel. So klein und niedlich ist der, aber damit kann sie mächtig juckendes Gift verspritzten. Leute, das geht vielleicht unter die Haut, wenn einen so eine kleine Wespe sticht. Besonders schmerzhaft trifft der Stachel Lippen und Hälse von Safttrinkern, Kuchenessern und Eislutschern, aber auch zwischen den Fingern und am Bauch tut es weh. Hinten eher weniger. Da gilt: Schmerz vergeht, Arsch besteht. Und doch: Welch ein faszinierendes Geschöpf. Was es wohl als nächstes tun wird? Müssen wir uns in Acht nehmen oder können wir es einfach beobachten? Mal sehen, was das kleine Geschöpf tut.

Samstag, 24. Oktober 2009

Spiegel Online und andere schreiben, dass Westerwelle und Seehofer sich jetzt mit Vornamen duzen. “Um 2 Uhr 15 sagen wir Horst und Guido zueinander”, zitierte SPON. Mein Freund Jakob von Rubens meinte trocken: “Was macht ein schwuler Adler am Freitag nachmittag? Er fliegt zu seinem Horst.” Mensch, Jakob, pass bloss auf, dass ich nicht erfahre, wo wir hier leben.

Hintergrund: Die Wespe hat ihre Koalitionsverhandlungen beendet. Westerwelle soll gesagt haben: „Alle, die behauptet haben, mit Schwarz – Gelb stehe eine Zeit der sozialen Kälte bevor, sind eines Besseren belehrt“. Genau, Guido: Und die Wahrheit bedarf keines Beweises, weil sie die Wahrheit ist. Jakob, wo ist das soziale Themometer? Ich hätte gerne eine klimatische Langzeitaufzeichnung.

Sonntag, 25. Oktober 2009

Das Online-Magazin „Telepolis“ titelte „Seehofers Verrat“ und schrieb dann über die geplante Einführung einer Kopfpauschale für die Krankenkassenbeiträge. Da zahlt dann jeder unabhängig von seinem Einkommen einen bestimmten Festbetrag an die Krankenkasse. So was habe es mal bei Maggie Thatcher gegeben und die sei dann darüber gestürzt. Schwacher Trost. Was sagt ein Blick auf das Thermometer? Nimmt die soziale Kälte schon zu? Wie hoch soll eigentlich die Kopfpauschale sein? Sollen sich auch die Millionen ohne Arbeit, ohne Einkommen und mit dem Stigma Hartz Vier Behafteten sie sich leisten können dürfen? Mich fröstelt bei dem Gedanken, ich müsse mich an die Arbeit machen und erstens rausfinden, was sie vorhaben und zweitens, was unsereins dagegen tun kann.

-abends: Summ, Summ, summt die Wespe. Guido erzählt seinem Parteivolk und über das anwesende Fernsehen denen, die ihn, wissend warum, nicht gewählt haben, folgende Bewertung des Koalitionsvertrages und der liberalen Handschrift, die er trägt: „Und wer das als kalt bezeichnet, dem ist in seiner Hirnverbranntheit nicht mehr zu helfen“. Jakob, warum zitterst Du? Es ist doch gar nicht kalt. Oder bist Du etwa hirnverbrannt?

Montag, 26. Oktober 2009

Jakob warf heute in der Redaktionsbesprechung ein paar Fragen auf. Wann ist ein sozialer Temperatursturz kausal mit einer politischen Handlung verbunden? Die Frage erinnerte mich vage an einen Politologieprofessor, der damals sagte: Na, an allem ist der Kohl auch nicht Schuld (damals war noch die Herrschaft von Helmut Kohl). Jakob wollte dann weiter wissen: Wenn plötzlich ein Krankenhausbetreiber kein Geld mehr hat, ist das dann Mißwirtschaft oder schwarz-gelbe Wespenpolitik? Dito, wenn eine Krankenkasse kräftiger und härter zulangt. Woran erkennt man und wie lange dauert es, bis ein Politbeschluss nach unten einschlägt?

Mal sehen, wie die Antwort aussieht, wenn man sie aus verschiedenen Zeitungen heraus filtriert. Der Berliner Tagesspiegel (www.tagesspiegel.de )hatte eine schöne Karikatur: Merkel sagt, es wird keine soziale Kälte geben, und Westerwelle sagt, die Leute müssten sich nur warm anziehen. Wovon? Dann die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung ( www.sueddeutsche.de) : Gewerkschafter, schreibt sie, nennen den Koalitionsvertrag sozialen Sprengstoff, jedenfalls im Bereich Gesundheit und Pflege. Irgendwo war noch die Rede von einer Pflicht zur Pflegezusatzversicherung. Wo abschließen, bei wem? Hat man eine Wahl, oder gleicht die Entscheidung für den Anbieter der Aufgabe, in einen Korb voller Schlangen zu greifen und auf Anhieb die einzige zu finden, die nicht giftig und nicht aggressiv ist?

Mittwoch, 28. Oktober 2009

In einer lokalen Tageszeitung, deren Name irrelevant ist, ist eine Meldung der Nachrichtenagentur AP abgedruckt. Die lokale Tageszeitung titelte: „Ab Montag werden Milch und Butter teurer“. Ist das eine Reaktion der Lebensmittelbranche auf die Wespe? Oder vorbeugende Folgenabfederung der kommenden schmerzenden Stiche? Und überhaupt: Macht, wer mitmacht, nicht das gleiche unsoziale Verhalten mit, das der Wespe argwöhnisch, aber nicht unbegründet, unterstellt wird? He, aber das wäre doch ein Schutz gegen Wespenstiche: Nicht mitmachen. Dann sticht sie ins Leere. Und ist einfach nur noch ein faszinierendes kleines buntes Geschöpf.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Die Königin im Wespennest hat gesummt. Das macht sie öfter. Gut an ihrem Gesumm ist, dass es ein Thema gibt, das nicht mehr verschwiegen werden darf: In Deutschland gibt es doch Hartz-Vier-Opfer. Und viele davon haben Kinder. Und damit Kinder in der Gesellschaft einmal eine Chance haben, aus dem Hartz-Vier-Bezug herauszukommen, aus dem ein Entkommen den Eltern durch Anwendung der bestehenden Gesetze verwehrt ist, brauchen Kinder Geld: Für Kleidung, Gesundheit, Ernährung, Bildung und Freizeit. Soweit gut angedacht, Wespe. Nur der Inhalt liegt arg daneben. Geld soll es nämlich nicht geben, soll die Wespenkönigin gesummt haben. Gutscheine – das wäre die Lösung. Weil, wie neulich so ein anderer Abkühler des gesellschaftlichen Klimas sagte, Hartz-Vierer Geld sowieso nur versaufen würden. Das Gesumm der Wespenkönigin soll der Paritätische Wohlfahrtsverband (nicht: paritätischer Wohlstandsverstand) als „beispiellose Diskriminierung“ bezeichnet haben. Es gibt in jedem Bundesland eine Unterabteilung des Verbandes, und einen Gesamtverband, der heißt im Internet www.der-paritaetische.de. Und dort steht in einem Text von Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider als Forderung an das Wespennest und seine Königin: „Sie sollte dringend unterlassen, arme Kinder und ihre Eltern mit zweifelhaften Gutscheinsystemen zu stigmatisieren, während an wohlhabende Familien familienpolitisch völlig sinnlose Geldgeschenke verteilt werden“.

Noch ist aus dem Gesumm kein Gesetz geworden. Es war nur eine öffentlich vorgetragene Überlegung. Mithin eine Drohung mit einem Planspiel. Das erinnert irgendwie entfernt daran, wie aus abstrakten Militärmanöversandkastenspielen furchtbare Kriege werden.

Montag, 02. November 2009

Die Wespe ist sozusagen auf Kavaliersreise. Dort soll sie lernen, wie man sich in fremden Salons benimmt. Die Wespenkönigin hofft, dass das kleine Brummerchen nicht ungefragt um fremder Leute Ohren summt. Denn, nicht wahr: A bisserl lästig ist die Summserei schon, gelle?

Montag, 09. November 2009

Es regnet und im Haus ist es kalt. Das kommt davon, dass das Heizen rund um die Uhr unwirtschaftlich ist, also teuer, und auch unsinnig, weil es nicht im Einklang mit Mutter Natur und Vater Gott ist. Immerhin treibt Stimmung dem Schläfer Adrenalin ins Blut und sofort aus dem Bett. Mit Adrenalin geht es weiter, nämlich bei der morgendlichen Zeitungslektüre. „Krise trifft vor allem Geringverdiener“, steht da. Gutverdiener von der Bertelsmann-Stiftung haben das heraus gefunden und in einer Studie aufgeschrieben. Wie die Studie heißt, steht nicht dabei. Aber der Grund ist erkannt worden: Die Agenda 2010 ist die Ursache.

Also die Krise trifft die Armen, und der Grund ist die Agenda 2010, also der Verarmungsplan für Menschen ohne Arbeit. Soweit ist das alles klar, das verstehen Hartz – Vier – Opfer und Arbeitssklaven. Aber warum treffen die Gegenmaßnahmen gegen die Krise dann auch zuerst die Armen? Ich wollte gerade Hans Werner fragen, ob der den Sinn davon versteht, aber da fiel mein Blick bereits auf die nächste Überschrift: „Top-Ökonom fordert regional gestaffelte Hartz-Vier-Sätze“. Die Wespe hat, so scheint es mir, recht willige Helfer. Und sie hat gesagt, mit ihr käme keine Kälte. Dann hat sie aber die falschen Helfer. Alles nur Kühlaggregate. Und wer heizt den Kamin für die Behaglichkeit?

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