FEUILLETON-REZENSION: Handbuch Kommunikation:

FEUILLETON-REZENSION

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„Handbuch Kommunikation“

„Zügel lockern, aber die Führung des Gauls behalten“

Es war einmal ein freiberuflicher Journalist. Der wollte auf seine alten Tage noch einmal voll in seinem Job durchstarten.

Doch was er auch tat: keine Redaktion, kein Medienverlag reagierte auf seine Bewerbungen. Einmal sagten sie ihm sogar: „Was können Sie? Recherchieren können Sie? Brauchen wir hier nicht.“. Der abgewiesene Freie nannte von da an die abweisende Zeitung den „Seetang-Merkur“, obwohl sie in Wahrheit ganz anders heißt. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Auf einem weiteren anderen Blatt steht, wie der freie Journalist über die Runden kam. Das Blatt kam vom Arbeitsamt und war eigentlich ein ganzer Block von Blättern. Die reinste Zettelwirtschaft, und ein Blatt immer schikanöser als das andere. Aber der freie Journalist wäre nicht der freie Journalist gewesen, wenn er nicht gelernt hätte, auf einen Schelmen anderhalbe zu setzen. Und daher trug es sich zu, dass das Arbeitsamt eine Weiterbildungsmaßnahme im Köcher hatte, die der Journalist annahm, weil er annahm, daraus Nützliches für seine berufliche Zukunft kultivieren zu können. Das Kursziel hiess „Contentmanager“, und das klingt wörtlich betrachtet famos: Content ist die Bezeichnung für Inhalt von Webseiten. Das kann von Zeitungen über Kochbücher, Witzsammlungen, Pornofotos bis hin zu Werbung und Unternehmensmarketing reichen. Ein weites Feld also, dachte der freie Journalist, und hoffte, schon das eine oder andere Gebiet thematisch beackern zu können und, wie der zweite Wortbestandteil von Contentmanagement besagt, mit dem Inhalt auch Geld verdienen zu können. Und das ist der Punkt, wo die Stürme der Wirtschaft jede Flagge zerfetzen, mit der jemand seinen Claim abgesteckt hat.

Zu jeder guten Bildung gehören auch Fachbücher. Der zukünftige Contentmanager bekam daher das „Handbuch Kommunikation“ zur Verfügung. Marie-Christine Schindler und Tapio Silber haben es geschrieben und im Verlag O’ Reilly veröffentlicht. Die Autoren befassen sich mit veränderten Betätigungsbedingungen für die Öffentlichkeitsarbeit und die Kommunikation unter dem Einfluss der sogenannten „Social Media“ In den guten alten Zeiten gaben Unternehmen mit Deutungs-und Wertungshoheit vor, wie das Unternehmen in der Öffentkichkeit gesehen zu werden hat. Jetzt gibt es Social Media, und die haben ihr Potential noch lange nicht erreicht. Wenn sie es schaffen, sich zu voller Größe zu entfalten, könne soziale Medien tatsächlich ein Mittel der Kommunikation im Sinne von Verständigung werden. Aber die herkömmliche PR betrachtet die Sozialen Medien teils als Gegner, teils als Übernahmekanditat, Hauptsache untergeordnet. Es gibt zwischen beiden Seiten drei Möglichkeiten für einen Ausgang der Verschiedenheiten im Wesen: Miteinander, Gegeneinander oder Nebeneinander. Wobei Nebeneinander im Sinne einer friedlichen Koexistenz wünschenswert ist. Die Autoren fassten die Ansicht der PR im Umgang mit den sozialen Medien so zusammen:

„Lasst den Sozialen Medien ruhig die Zügel etwas lockerer, aber achtet darauf.dass Ihr dem Gaul nicht die Führung überlasst.“ (Seite 59)

Damit wird die Stoßrichtung klar: Journalismus, besonders die unkalkulierbaren Formen in den Sozialen Medien, in Blogs und auf Kurznachrichtendiensten oder Kommunikationsplattformen, soll sich vom ethischen Prinzip der Aufbereitung von Informationen und der Darlegung der Vielfalt der vorhandenen Wertungen zum Kommunikationskomplizen wandeln. Mit Kommunikation ist dann aber nicht das Ziel der Verständigung gemeint, sondern die vielfältigen Bejahung einer vorgebenen Aussage und ihrer Wahrnehmung. Für solchen „Journalismus“ ist dann auch Geld da, mit dem die Schreiber belohnt werden.

(Marie Chrisine Schindler, Tapio Silber: „Handbuch Kommunikation für Profis“, O Reilly 2019)

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