BARON VON FEDER: Vor Neunundsiebzig Jahren

ZUEIGNUNG

===========

 „Vor Neunundsiebzig Jahren“

 Der Sommer 1914 soll noch sehr schön gewesen sein. Dann, mitten im Frieden, überfielen Willies Pickelhauben den Feind. Es scheint Kreise zu geben, die immer Feinde brauchen, um sich selbst definieren zu können.

Der Sommer 1939 soll sehr heiß gewesen sein. Am Ersten September 1939 fielen deutsche Teufel mit glühenden Schwänzen über Polen her. Es war Krieg.

Der Sommer 2018 war auch sehr heiß. Diesmal hatten sich die führenden Kriegsnationen auf die Erprobung eines neuartigen Kriegskonzeptes konzentriert. „Hybrider Krieg“ heißt das Wort. Das soll ein Krieg sein, bei dem keiner merkt, dass der Krieg schon im Gange ist und von wem er begonnen wurde. Wenn dann heraus kommt, was eigentlich geschehen ist, sind bereits längst vollendete Tatsachen geschaffen. Putin legte 2013 /2014 mit der Heimholung der Krim vor; Amerika probiert noch am Konzept des Regimewechsels herum und die Bundeswehr benennt im Weißbuch 2016 Cyberkrieg, hybriden Krieg und Krisenfrüherkennung als ihre neuen Kernkompetenzen. Es kommt in hybriden Kriegszeiten selten vor, dass das Militär in der Öffentlichkeit sichtbar wird. Es zeigt sich nur in vor Zivilisten sicherer Entfernung am Himmel durch Kriegsflugzeuge und Drohnen. In Neustrelitz sagte eine ältere Dame am Bus: „Die beschützen uns viel gründlicher als unsere Beschützer zu Ostzeiten es jemals konnten.“ Damals im Kalten Krieg war die Präsenz des Militärs offensichtlich. Entweder machte die Warnung „Militärischer Sperrbereich. Fotografieren verboten“ auf die Anwesenheit der Militärtätigen aufmerksam, oder man konnte sie mindestens zweimal im Jahr sehen, wenn sie unter Benutzung öffentlicher Straßen von den Kasernen zu den Truppenübungsplätzen zogen, um dort zu proben, wie sich das anfühlt, was man im Ernstfall tun würde. Es fühlte sich nie gut an. Es verbreitete auch im Übungsstadium Angst, und man fragte sich: Kann man das überhaupt mit dem kleinsten Funken Menschlichkeit vereinbaren, dass man diese selbst erlebte Angst anderen Leuten zumutet? Konnte das Argument überhaupt eine Rolle spielen, wonach die andere Seite ja auch ein paar Schrecken in petto gehabt hätte? Und warum schließlich sollte man von der andren Seite annehmen, dass dort die Leute skrupellos bereit zum Verbreiten des Schreckens gewesen wären, die eigene Seite aber notgedrungen, weil sie moralisch überlegen war? Im Krieg ist niemand moralisch überlegen. Die Moral beginnt erst wieder, wenn nach dem Krieg zwischen Freiheit und Dikatatur unterschieden wird. Manchmal, wenn man den Vergleich zum Kalten Krieg sucht, läuft man zum Bahnhof und beobachtet Güterzüge. Früher wurden Panzer verladen. Weil sie nicht sichtbar sein sollten, wurden sie mit einer Plane abgedeckt. Bloß doof, dass sie immer mit erigierten Kanonenrohren durch ihre martialische Welt krachten. Man sah also alles. Heute sieht man manchmal Güterwagen mit Quaderförmigen Aufbauten. Wer sagt, dass darin kein Panzer mit erigierter Kanone versteckt ist? Man kann nicht durch Container oder Planen kucken. Aber man müsste dies können, wenn man wissen will, ob Gütertransporte in west-östlicher Richtung schon verdeckte Truppentransporte ins Baltikum sind, um diesmal von dort Russland in den Hintern zu kneifen.

Seit 73 Jahren macht Europa eine relativ friedliche Phase durch. Das ist ungefähr ein Drittel der Zeit, die nötig wäre, um Friedensfähigkeit statt Wehrhaftigkeit zu lernen. Mit noch einmal 146 Jahren von Frieden, Schöpfungsbewahrung und nachhaltigem Umgang mit den zum Leben für alle nötigen Ressourcen kann Europa zum Gandhi der Welt werden.

Dieser Beitrag wurde unter Baron von Feder abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.