BARON VON FEDER: Briefe vom Arbeitsmarkt (September 2017)

BARON VON FEDER

„Briefe vom Arbeitsmarkt (September 2017)“

Liebe Gefährtinnen und Gefährten aus der Hartz-Vier-Klasse,

der rosige Glanz der Arbeit bekommt Flecken. Sie vergrößern sich, wenn man versucht, sie wegzureiben. Sie beunruhigen. Ihre Verursacher sind Kunden. Es gibt welche mit unglaublich ungezogenen Ansprüchen und Erwartungen. Und es gibt sie überall: bei gutsituierten Familien, wo Mutti anruft und sagt; „Hörnse mal, mein Sohn muss in einer halben Stunde zum Springreiten und sein Smartphone kann grad kein Youtube. Also sehnse mal zu was sie können, sonst beschwer ich mich über Sie.“ Warum braucht man zum Springreiten Youtube? Madame sagten dann wenigstens noch, dass das Handy gar kein Internet konnte. Madame sollten bloß einen einen Internetzugangspunkt eintragen und anschließend neu starten. „Jaja is gut, ich sag meinem Lebensgefährten, dass er sich kümmern soll.“ Der arme Kerl tut mir immer noch leid. So eine Giftschrulle, furchtbar, wa? Aber es kommt noch schlimmer: Es gibt Kunden die surfen im Internet rum, kucken Videos und wundern sich dann dass ihr monatlich gekauftes Datenvolumen weg ist. Neukauf? Nein, sie wollens geschenkt, weil: „Es kann ja nicht sein, dass man in zwei Tagen drei Gigabyte verbraucht.“ Doch, kann sein. Ist aber nicht nachweisbar. Niemand kann sagen, von wann bis wann von welcher Seite Daten geladen wurden und wieviel. Nicht mal die Schnüffler von Mesiramis Drohne können das, obwohl sies gerne könnten. Und wenn man fünf beleidigende Trolls hinternander in der Leitung hatte, wird auch das dickste Fell dünn. Zu DDR-Zeiten müssen sich die Verkäufer im Konsum oder der HO so gefühlt haben, wenn sie das Gekeife der Kunden abbekamen, die zu dumm oder zu ungewillt waren, Zusammenhänge der Misswirtschaft zu erkennen. Aber wenn man dann einen Kunden Jahrgang 1935 hat, der sich am Handy ausprobiert, weil er mit den Enkeln mithalten will, und der müht sich ehrlich ab, dann freut sich das Herz wenn man helfen kann und singt Goethe: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir am End erlösen.“

Haltet durch

Euer Baron von Feder

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