BARON VON FEDER: Briefe vom Arbeitsmarkt (2)

BARON VON FEDER

„Briefe vom Arbeitsmarkt (August 2017)“

Liebe Gefährtinnen und Gefährten aus der Hartz-Vier-Klasse,

ich finde es beinahe obszön, dass ich für mein Agieren auf dem ersten Arbeitsmarkt ordentlich bezahlt werde. Bei jedem Euro fühle ich, dass Eure Bitten um ein paar Pfennige mehr als Unverschämtheit zurückgewiesen werden. Das Argument heißt dann immer, dass dieser Mehrbedarf schon im Regelsatz enthalten ist. Es muss ein virtueller unendlich großer Regelsatz sein, der schon Träume von kleinen Angenehmheiten als erfüllt deklariert. Das Amt tut so, als würde es Bedürfnisse erfüllen, ohne etwas zu tun. „Wir spielen das doch nur“, sagte Herr Preil in solchen Fällen zu Herrn Herricht, wenn der es gerne konkret gehabt hätte.

Die, welche unverschämt sind, sind aber solche, die Euch in Eurer Lage so rotzfrech behandeln. Ich werde gut behandelt. Wenn ich Fehler mache oder Normen nicht schaffe, erfahre ich Nachsicht und Ratschläge. Ich habe keinen Antreiber, sondern einen Trainer. Da habe ich Glück. Ansonsten bin ich ebenfalls abhängig in meiner Lebensqualität. Bei Euch wird die Miete gezahlt, aber wehe, Eure Btriebskostenabrechnung steigt. Die müsst Ihr Euch dann vom Leben abknapsen. Ich leg mir was zurück. Dann ist die Rücklage verbraucht, anstatt mir zu einem ästhetischen, geistigen oder kulturellem Extra zu dienen. Das sind wir in einer vergleichbaren Lage, aber auf unterschiedlichem Niveau. Und doch: Die Arbeitsmarktabhängigkeit fühlt sich freier an als die Arbeitsamtsabhängigkeit. Im Gegensatz zur Abhängigkeit vom Arbeitsamt zahlen die Arbeitsgeber wenigstens Rentenbeiträge. Amtsabhängige werden erst um das Erwerbslosen und dann um eine Rente betrogen. Wenn bei einem Arbeitsmarktabhängigen die Vertaqgslaufzeit mal nicht verlängert wird, ist wengistens „ein Stück weit“ für die Zukunft vorgesorgt. „Ein Stück weit“ heißt, es ist nie ganz ausreichend, wie der berühmte Kalauer aus der Öko-WG, wo einer sagte: „Klaus-Dieter, bring mal den Müll ein Stück weit runter“.

In Finnland versuchen sie gerade, mit einem „bedingungslosen Grundeinkommen“ für Arbeitslose . Ihr zu experimentieren. 560 Euro sollen es sein. Das ist bestenfalls ein obszöner Witz. Ihr wißt es selbst. In Deutschland würde das Geld nicht reichen, wenn man auch kulturelle, geistige und ästhetische Bedürfnisse hat. Und da soll das ausgerechnet in Finnland reichen? Liebe Gefährtinnen und Gefährten, ich glaube das nicht. Im Grunde kann ich nach einem und einem halben Arbeitsmonat nur zu der vorsichtigen Aussage kommen: 1616 Euro sollten es netto sein. Als Leistung des Staates dafür, dass ein Mensch existiert, Teil der Gesellschaft ist, und sein Tun ihrer nachhaltigen Existenzerhaltung dient. Auch das Paradies ist ein Ort, der immer neu erhalten werden muss.

Das Paradies wäre vielleicht kein sicherer Ort, aber einer, der tätig-freies Wohnen ERFORDERT statt GNÄDIG ZU GEWÄHREN. Ein Ort, von welchem Olle Goethe sagen würde: „Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein.“

Haltet durch

Euer Baron von Feder

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