FEUILLETON-REZENSION: „Wörterbuch des besorgten Bürgers“

Rezension „Wörterbuch des besorgten Bürgers“

„Sprache ist Erbe“

Gerade war im Januar das „Jahrbuch rechte Gewalt“ erschienen. Darin listeten Andrea Röpke und ihre Mitautoren Fälle von rassistischen, fremdenfeindlichen und volksverhetzenden Gewalttraftaten auf, die Personen begehen, deren Sprache nach Drittes Reich und neorechter Aufwiegelung zu feindseligen Akten gegenüber Ausländern klingt.
(Andrea Röpke, „Jahrbuch rechte Gewalt“, Knaur Taschenbuch, München 2017)
Diesem disharmonischen Klang geht nun ein weiteres Buch nach von vier Autoren, denen eines gemeinsam ist: Sie haben sich mit Politik und Sprache befasst sowie mit Politikwissenschaft und Linguistik.
(Robert Feustel, Nancy Grochol, Tobias Prüwer, Franziska Reif, „Wörterbuch des besorgten Bürgers“, Ventil-Verlag, Zweite Auflage: Mainz 2017)
Die Sprache ist das Erbe einer Sprecherfamilie. Die Sprecher einer Sprache bilden eine Erbengemeinschaft. In einer Erbengemeinschaft steht es jedem frei, seinen Anteil  zu verschleudern oder zu bewahren und zu ehren. Aber keiner darf auch die Anteile der Miterben verschleudern. Was aber machen die „Besorgten“? Sie verschleudern die Sprache durch Umdeutung und Verdrehung der Bedeutung von Wörtern. Die
Autoren haben ein Glossar der häufigsten Phrasen, Wörter und Gebrauchsformen der Sprache durch Pegide, Afd-ler und richtige herkömmliche Nazis erstellt. Es beginnt mit dem Phänomen der Umdeutung des allgemeinen menschlichen Sprachgebrauchs um mit schönen Worten menschenverachtende Ansichten auszudrücken. Ziel solcher Umdeutungen sei es, dass man das unschuldige Wört Heimat nicht mehr benutzen kann, ohne in einen Topf mit den Nazis geworfen zu werden, und gleichzeitig aus Sicht der Nazis so zu tun, als sei die nazistische Sprachdeutung der Gemeinsinn der gesamten Bevölkerung mit Afd und Pegida als Sprachrohr.
Die Autoren des Glossars benutzen nun eine Form von Sprachironie, mit der sie die braunen Sprecher lächerlich   machen. Die Braun-Sprecher müssen ja keine Braun-Schweiger werden. Sie sollen ruhig sagen, was sie denken, damit man weiß, was man von ihnen halten soll. Aber sie sollen die Sprache der Nächstenliebe und der Herzlichkeit nicht überbrüllen.
Schaut man sich das Glossar an, merkt man, dass die Braun-Sprecher nicht besonders kreativ sind. Entweder sie eignen sich Wörter an und füllen sie mit ihren Inhalten, oder sie erfinden neue, die aber immer ziemlich plump weit unterhalb der ersten Stufe der Intelligenz bleiben. „Besorgte Bürger“ zum Beispiel. Bevor die Pegiden den Begriff für sich reklamierten, hätten, so die Autoren, Medien in Berichten versucht, damit diejenigen Menschen klassifizierend zu beschreiben, die mit Angst um die nicht vorhandenen Arbeitsplätze oder die nicht mehr für sie reichenden finanziellen Mittel der Gesundheitsversorgung im Falle der medizinischen Behandlung von Ausländern auf die Asylpolitik reagierten. Das heisst, sie kritisieren etwas mit Behauptungen, die nicht aus einer sorgfältigen Analyse der vermeintlichen Konfliktlage ableitbar sind. Das ist dumm. Asyl schürt keine Ängste. Asyl ist eine Mindestanforderung an eine Gesellschaft, die das Prädikat humanistisch zu tragen beansprucht. Ein weiteres Beispiel für die echt pegidische Wortschöpfungsintelligenz ist „Ficky-Ficky-Gesellschaft.“ Wissen Sie was: Wenn schon der Inhalt eines Begriffs dumm ist, dann würde auch keine Intelligenzbemühung helfen, um den Begriff zu einem klugen Subjekt oder Objekt eines Satzes zu machen.
Das Buch ist gut, denn es zeigt am Gebrauch der Sprache, welcher Sprecher wie erkennbar ist. „Je weniger Argumente und je mehr Agitation desto pegider der Sprecher“, lässt sich als Überschlagsformel sagen. Das Buch belustigt sich, indem es die Selbstlächerlichmachung der Pegiden unerbittlich ins Rampenlicht stellt, so dass sie nicht einmal die Gnade des schamhaften Versteckens in der Versenkung haben.
(Robert Feustel, Nancy Grochol, Tobias Prüwer, Franziska Reif, „Wörterbuch des besorgten Bürgers“, Ventil-Verlag, Zweite Auflage: Mainz 2017)

 

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