BARON VON FEDER: Wenn Geschichten auf der Straße liegen

BARON VON FEDER

Wenn Geschichten auf der Straße liegen

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Jeder einzelne Tag besteht aus einer Vielzahl von Geschichten. Jeder erlebt welche und viele glauben an die Kompetenz, die Geschichten zu bewerten, um die Schicksalsfrage „Verbreitung oder Schublade“ zu entscheiden. An sich erzählt jedes Leben eine Geschichte. Mal ist es eine Geschichte von Einsamkeit, mal eine von enttäuschten Hoffnungen, mal eine von gelungener Karriere bei gleichzeitig misslungener Liebe. Mal erzählt ein Leben vom Gestaltungswillen der Lebensbedingungen des Lebenden, mal erzählt es von der Übermacht der Zwänge, die den eigenen Gestaltungsspielraum beengen. Viele Lebensgeschichten werden gar nicht wahrgenommen. Manche Leben wollen aber wahrgenommen werden. Um diese Geschichten soll es gehen. Geschichten und Geschichten erzählen kann man sammeln und aufschreiben wie seinerzeit die Herren Grimm, die als Märchensammler und Erzähler in der deutschen Literaturgeschichte ihren dauerhaften Platz haben.

Manche Geschichten möchte man gar nicht kennen, manche sollte man kennen, an manche erinnert man sich, und jede Geschichte könnte eigentlich ihren Hörer finden, wenn Erzähler, auftretende Person und mögliche Zuhörer zusammen kommen. Um sich zu finden, braucht man Gelegenheiten: Lesungen, Quasselabende oder die Suche nach Menschen, deren Erfahrungen mit einer konkreten ähnlichen Situation helfen können. Auch weltbewegende Geschichten können ihren Ursprung in dem Augenblick einer Beobachtung haben. Die Dauer eines Wimpernschlags kann die Länge einer abendfüllenden Geschichte erreichen. Einmal malte ein kleines Kind beim Eisessen irgendwas aufs Papier. „Kuck mal“, sprach das Kind zu der es begleitenden weiblichen Persönlichkeit, ich hab de Mann da gemalt.“ „Aber so sieht der Mann doch gar nicht aus“, sagte die begleitende Persönlichkeit. „Doch“, beharrte das Kind. „Aber von innen“. Die von dem Kind gemalte Innenseite des Mannes sah aus wie das Blatt einer Buche. Sowas kann man nicht ersinnen. Solches erlebt man in echt auf der Straße. Und fast alles andere auch.

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