FEUILLETON-REZENSION: Schmutzige Demokratie. Ausgehöhlt Ausgenutzt Ausgelöscht

Rezension „Schmutzige Demokratie“

„Wenn Ideale zum Kotzen sind“

Irgendwann schwanken alle Heilsversprechen. Es schwankt die Marktwirtschaft, die viele meinten, wenn sie Demokratie und De-Mark sagten. Das war zwischen 1949 und 1989. Die Marktwirtschaft schwankt unter dem Marschtritt der neoliberalen Kapitalkohorten. Es schwankt der Glaube an die Demokratie, weil der Glaube an den Rechtsstaat durch das für Recht befundene dauerhafte Ausharren in Armut, Minilohn und Lohnersatzleistungsabhängigkeit abgelöst wurde. Es schwankt das Vertrauen in die Privatheit des Privaten, weil Arbeitsämter mit Zoll, Sparkasse und Finanzamt fröhlich Daten abgleichen, um aus unterschiedlichen Angaben über Einnahmen den Versuch abzuleiten, dass die auszuquetschenden Zitronen sich der gesetzlichen Fruchtpresse entziehen. Dabei ist doch völlig klar, dass ein ganzjahreszeitraum für das Finanzamt im Idealfall höhere Zahlungen ausweist als ein halbjahreszeitraum für das Arbeitsamt über eventuelle Zuverdienste. Sachverhalte werden nicht mehr geklärt, sondern als Gesetzverstoß deklariert und mit dem Entzug des Existenzminimums bestraft.

Das alles findet der Journalist und Buchautor Jürgen Roth zum Kotzen und schrieb gerade das Buch „Schmutzige Demokratie“. Es beginnt mit einer Kotztirade. Der Autor leitet mehrere aufeinander folgende Sinnabschnitte mit einander ähnelnden Formulierungen ein. Das klingt so:
Ich ertrage nicht…
Ich weigere mich…
Mir wird speiübel…
Ich kann die Lügen nicht mehr hören…
Ich will nicht schwermütig werden…

Das Buch ist aber genau das: eine penible Auflistung von undemokratischen Politikern, von Elitenformung und Verschwörungstheoretikern, von offenem nationalistischen Gesellschaftsidealen und eine lähmende Ohnmacht aller anderen, die nachher wegen der Kriegsvorbereitungen leiden müssen. Dabei wäre es so einfach, die Migration als Mittel zur Bewahrung des Friedens und der Schaffung sozialer Gerechtigkeit zu betrachten. Aber am Ende bleibt auch dieses Buch im Stadium eines Aufrufs stehen. Unter Aufruf verstehen viele heute, es reiche, eine Unterschrift unter eine Petition zu setzen. Aber es gibt da noch die Mühen der Ebenen. Niemand weiß, wieviel Zeit noch ist, aber es scheint die Ahnung zu knospen, das Politik und Gesellschaft es jetzt und sofort mit Kultur, Bildung und Geist probieren sollten. Sonst wird es unmöglich, Rassisten selbst in der Europäischen Union auf den Status „wirkungsloser Schreihals“ zurückzuführen. NATO, CETA, FPÖ, AfD und Bayern – man sieht schon in der ganzen Welt die Neolieralen feiern.

(Jürgen Roth, „Schmutzige Demokratie“, ecowin, Salzburg 2016)

Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton-Rezension abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf FEUILLETON-REZENSION: Schmutzige Demokratie. Ausgehöhlt Ausgenutzt Ausgelöscht

  1. Hannes Nagel sagt:

    Montag schicke ich Dir ein Erstkonzept eines Unterrichtsplanes zum Friedenmachen lernen. Lass uns den gemeinsam feinfeilen. Immerhin geht es um Möglichkeiten noch in den ersten 7 Stunden nach Kriegsbeginn das Ruder wieder herum zu reißen und statt Klippen die freie offene See zu gewinnen. Danke für Deinen Kommentar. Stell Dir mal vor, Du wärest Geschichtsberater. Wie könntest Du das attische Beispiel von seinen Fehlern befreien und es dann auf heutige Gegebenheiten anwenden? Ich denke auch mal mit, mal sehen, auf welche Ideen wir kommen.
    Hannes

  2. Tom C. Zak sagt:

    Die Erfinder der Demokratie im griechischen Attika vor rund 2 1/2 tausend Jahren waren Krieger, freie Bauern je nach Grundbesitz in 4 Kohorten eingeteilt. Nur die Mitglieder der Kohorte mit dem höchsten Jahresernteertrag kamen für ein Regierungsamt (Archont) in Frage. Um allfällige Korruption und Vetternwirtschaft zu minimieren, wurden Archonten nicht gewählt, sonmdern aus einer Reihe von geeigneten Kandidaten durch Losentscheid bestimmt. Das hatten die Griechen uns voraus. Heerführer (Strategen) dagegen wurden gewählt, scheinbar auch nicht schlecht. Aber das waren meist Adelige oder ihre Söhne, Großgrundbesitzer, die auch den König wählten, der natürlich auch oberster Heerführer war, oberster Gesetzeunterschreiber auch. Daher hielt sich Demokratie als Regierungsform auch nicht lange. Aristoteles, der größte Denker seinerzeit. hatte sich sowieso nicht dafür ausgesprochen und wurde lieber Lehrer von Alexander, dem späteren Großen. Doch mit dessen Feldzügen zur Eroberung eines Großteils der damals bekannten Welt, war er auch nicht so richtig einverstanden.
    Als „Volksgenossen“ (Demonten) galten in der attischen Demokratie nur freie Landbesitzer – Sklaven, Frauen, Handwerker und anderes Gesocks nicht.
    Um als „das Volk“ amtlich registriert zu werden, mussten sie ihre Militärausbildung hinter sich haben, ihre Waffen und sonstige persönliche Kriegsausrüstsung selbst bezahlen können (das wäre aus heutiger Sicht ja auch gar nicht so schlecht: Wer Krieg machen will, muss ihn selbst fianzieren und auch selbst an die Front).
    Aber wie gesagt, Demokratie hat sich damals nicht lange gehalten. War ja auch ätzend, jeweils nach einer Olympiade von 4 Jahren, so wollten es die Götter auf dem Olymp, musste der Krieg schon wieder unterbrochen werden, damit die jungen Krieger zu Hause in Wetkämpfen zeigen konnten, was sie an praktischen Kriegsfertigkeiten inzwischen erworben hatten. Vielleicht wollten die Götter jedoch auch nur, dass wieder Kriegergene in den Reproduktionszyklus einflossen. Für Kriegsgott Zeus wurde es wohl ziemlich anstrangend, das alles selbst zu erledigen. Worüber seine Frau auch nicht gerade begeistert war, wie die Sage berichtet.
    Die Frauen in Griechenland schonn – so oder so. Sie haben in dieser Angelegenheit sogar mal gestreikt, um die eigenen Männer zurück ins Bett zu holen. Ein Dichter hat ein amüsasntes, ziemlich ernst gemeintes Drama darüber geschrieben.

    Es dauerte rund 2000 Jahre und bedurfte der Aufkärung, bis ein aufstrebendes Bürgertum Demokratie als politisches Geschäftsmodell wieder aus der Schublade holte, weil sie sich als repräsentative Variante geeignet erwies, Freiheit, Gleicheit und Brüderlichkeit, die Ideale der eigenen Revolution, zu politischen Worthülsen verkommen zu lassen, mi denen Kampf und Krieg gegen Jeden und Alles zum profitabelsten Geschäft aller Zeiten gemacht, Kriegslogik zur dominierenden Prämisse, fairer Wettkampf zum Doping-Sport und tödliche Konkurrenz im Finanzgeschäft zu staatlich organisierter Kriminalität in Polizei, Spezialkommendos, Geheimdiensten und ihren vielfältig global vernetzten Organisastionsformen der reichen Eliten.
    Krieg ist Programm in Erziehung, Ausbildung, Recht, mit Bildern und Sprache in den Medien, der 4. Gewalt.

    Trotz Gewaltenteilung ist Demokratie Gewaltherrschaft geblieben. Das müssen wir gemeinsam mit unseren Enkeln ändern: Friedenmachen lernen!

Schreibe einen Kommentar