BARON VON FEDER: Bahnremmidemmi in Mirow

BARON VON FEDER

Bahnremmidemmi in Mirow
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Sonntag Mittag, 05. Juni. Herrliches Wetter, aber mein kaputter Fuß schmerzt. Der Bewegungsdrang ist größer als das Ruhebedürfnis. Der Drang und das Bedürfnis schließen ein Abkommen: Wenn ich rechtzeitig zum Bus komme, fahre ich zum Bahnhof und von dort nach Mirow. Wenn nicht, verbringe ich den Nachmittag auf dem Balkon und schreibe wütende, aufmüpfige politische Texte, damit sich auch Hartz-Vier-Opfer ihre wohlverdiente Naherholung leisten können. An der Bushaltestelle hat der Bus bis zu seiner fahrplanmäßigen Ankunftszeit noch zwei Minuten. Ich verschiebe daher die aufmüpfigen Texte auf die kühlen Abend-und Nachtstunden, wenn ich mich selbst genug naherholt haben werde, um dem neoliberalen Kapitalismus ein paar Hände voll Sand ins Getriebe werfen zu können.

Am Bahnhof greift der wilde Trotz mich an. Kein Einkommen, keine Anstellung, Gesundheit derangiert, aber mit dem bedingungslosen Anspruch auf ein Leben, dass nicht für jede kleine Freude das Portemonnaie um Erlaubnis fragen muss. Immerhin habe ich die Qualifikation zu einer soliden Mitarbeit an Tätigkeiten, bei der meine akribisch-detektivische Arbeitsweise gefragt ist. Ich weiß inzwischen, dass der Trotz einem berechtigten Triumph weicht, wenn man ihn mit einem kräftigen „Alledem“ begrüßt. „Habe nun, doch“, rufe ich und genehmige mir ein Eis für 2,00 Euro. Ich bezahle es mit zwei Ein-Euro-Münzen, die seit einer Woche unzertrennlich in meinem Portemonnaie wohnen. Ich habe sie schon als paar übernommen, so dass ich gar nicht weiß, wie lange sie schon unzertrennlich sind. Ich wünsche ihnen, dass sie es bleiben werden, egal in wessen Börse. Denn Einigkeit macht stark.

Am Bahnsteig stehen zwei Männer und eine Frau in DDR-Uniformen. Die Frau in blau mit ihrem rotlackierten Koppelzeug stellt offenbar eine Schaffnerin dar. Die Männer tragen Polizeiuniformen, mit denen etwas nicht stimmt. Die Hosen weisen nämlich auf Transportpolizei hin und die Hemden auf Abschnittsbevollmächtigte. Die Aufgaben der Transportpolizei der DDR hat mach der Wende der Bundesgrenzschutz übernommen. Aus dem Begriff Abschnittsbevollmächtigter wurde der Begriff Kontaktbereichsbeamter.

Als die Passagiere des Quassow-Expresses der Hanseatischen Eisenbahngesellschaft Potsdam in Mirow aussteigen, beginnt eine Schalmeienkapelle aus Wokuhl diverse Oldies, Schlager, Evergreens und Schnulzen zu intonieren. Schlagartig wird auch klar, dass der ganze Remmidemmi eine Veranstaltung der Eisenbahngesellschaft ist. Die beiden Transportpolizei-Hosenträger sind inzwischen auch da. Sie sind zu jung, um die diese Uniformen früher dienstlich getragen zu haben. Sie bestätigen auch, dass sie nur Darsteller sind. Die Darsteller sind Mitglieder der am 18. September 2004 gegründeten Interessengemeinschaft „IG VEB Schwellenschutz. Die Transportpolizei“. Ihren Standort hat die IG in Klink bei Waren an der Müritz. Eines Tages soll aus der IG ein Museum der Geschichte der Transportpolizei der DDR entstehen. Dazu passt auch ein Stand vom „Eisenbahn-Sammlershop“ Berlin. Zu sehen sind kuriose, befremdliche und dokumentarische Reichsbahnschilder, zum Beispiel „Bitte nicht in den Wagen spucken“, „Feind hört mit“ oder „Behelfsabort“. Auch längst vergriffene Bücher hat der Shop im Angebot. Davon kann das „Antiquariat im Speicher“ in Neustrelitz nur Träumen. Allerdings unterscheiden sich die Preise der Berliner („gepfeffert“) und Neustrelitzer („symbolisch“) beträchtlich voneinander.

Wenn die Schalmeienkapelle mal schweigt, pausiert sie. Ansonsten reicht ihr Repertoire von „Die Fischer von San Juan“ über „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ bis „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Bei „Haselnuss“ singt die Trapo mit. Bei „Weine nicht, wenn der Regen fällt“ bläht sich der Sommertag mit Lebenslust prall auf und benimmt sich wie eine rollige Katze. Es besteht kein Zweifel, dass eine Region mit solch aktiven Menschen aus allen Zeiten das Beste für Land, Leute und Gäste machen kann. Egal wie lange sie bleiben.

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