Rezension: Wellers Zorn

Helene Musfedder

Rezension „Wellers Zorn“

Dienstag, 02. April 2013

Mimis kleine Bettlektüre, Folge 7: Zum Verrat geschliddert

Etwas war anders, als ich heute morgen in die Redaktion kam. Ich kam nicht sofort darauf, was es war, aber dann hatte ich es. Es war die Begrüßung. Die Jungs grüßten mich das erste mal seit Januar mit „Hallo, Lenchen“. In den letzten Wochen hatten sie „Zombie“ zu mir gesagt. Sehr witzig. Bloß weil der Chefredakteur beim Verlag gequengelt hatte. „Kollegin Musfedder braucht was zum Lesen“, sagte er ins Telefon, „Die läuft hier rum wie ein Zombie mit flackerndem Blick und spricht kein Wort“. Für die Jungs war das ein gefundenes Fressen. Jeden morgen, wenn die Post kam, fragten sie: „Na, Zombie, immer noch kein Buch da?“ Heute schaute ich eigentlich nur zum Redaktionstisch, ob da vielleicht noch ein Osterkörbchen für mich stehen würde. Fast sofort erkannte ich ein Buchpäckchen. Ich drückte es fest an mich. „Zeig mal“, sagte der Volontär. Mit zusammengepressten Lippen schüttelte ich meinen Kopf. „Nun lass Helene mal arbeiten“, sprach der Chefredakteur zum Volontär, „sind die Leserbriefe schon fertig?“ Mit hochrotem Kopf zog der Voli ab. Ich nahm das Buch aus dem Umschlag. Welche eine Wohltat, einen neuen Ostseekrimi aus dem Hinstorff-Verlag in den Händen zu halten. „Wellers Zorn“ heißt der Krimi von Birgit Lohmeyer und fällt durch drei Merkmale auf: Erstens ist der Krimi in Ich-Form geschrieben. Zweitens ist das literarische Ich ein Mann, beschrieben von einer Frau. Das macht sie gut, mir scheint, sie kennt sich aus. Wenn eine Frau Details aus der Rolle eines Mannes erzählen kann, kennt sie Männer. Das ein Mann aus der Sicht einer Frau erzählen kann, ist für mich unvorstellbar. Drittens hat Frau Lohmeyer in der literarischen Rolle als Bewährungshelfer Uwe Weller die so genannte „allwissende Erzählperspektive“ gewählt. Diese Perspektive funktioniert eigentlich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr, passt hier aber hervorragend und zeigt: Es kommt alles mal wieder, es ist nie alles vorbei. Weil also die Erzählperspektive allwissend ist, kann der Ich-Autor Weller alles erzählen, ohne eine Handlung entwickeln zu müssen. Sie ist ja bereits gelaufen. Für den Bewährungshelfer ist auch etwas gelaufen, nämlich seine berufliche moralische Integrität. Die geht flöten, als die Distanz verschwindet. Denn jemand dringt in die Intimsphäre von Weller und seiner Frau ein. Und weil ein Mord passiert, hat Weller Angst um seine Frau. Wenn Männer lieben, sind die mutigsten Helden erbärmliche Feiglinge. Die Ideale von der Menschenwürde, mit der Bewährungshelfer Ex-Gefangenen resozialisieren soll, schmeißt Weller in dem Moment über den Haufen, als er seinen eigenen Mandanten verdächtigt, treibende Kraft in einem Fall von Voyeurismus mit Fotoapparat, Verletzung der Intimsphäre anderer Menschen und einem Mordanschlag mit Säure zu stecken. Aus Angst um sich und seine Frau will Weller nun seinen eigenen Mandanten lieber wieder hinter Gittern sehen und nutzt den kleinsten Bagatellverstoss gegen Bewährungsauflagen, um ihn wieder in den Knast zu bringen. Wellers blankgelegte Nerven steigern das Tempo des Misstrauens wie eine steuerungslose Rutschfahrt auf einer Schlidderbahn. Am Ende wars gar nicht der Ex-Gefangene, den der Bewährungshelfer wegen nichts um seine Resozialisierungschance gebracht hat, sondern der Gärtner. (Gärtner ist eine Platzhalterklischeevariable für einen unerwartet anderen Täter). Irgendwie erinnerte mich das Buch an einen anderen Krimi, den ich mal gelesen hatte, aber ich kam nicht drauf. Abends fragte ich meinen Freund: „Sag mal, kennst Du einen Krimi, wo einer in Ich-Form rückwirkend einen Fall erzählt, wo der für unschuldig gehaltene Vater der Freundin des Erzählers der Täter ist und am Ende sogar noch seine Tochter tötet, wenngleich versehentlich?“. „Ja klar“, sagte mein Freund, „Fred Unger, „Das verbotene Zimmer“.

Birgit Lohmeyer, „Wellers Zorn“, Hinstorff-Verlag, Rostock, 2013

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