Rezension Mörder im Gespensterwald

 Helene Musfedder

Rezension „Mörder im Gespensterwald“

Dienstag, 13. November 2012

Mimis kleine Bettlektüre, Folge 4: Akute Lektüreschübe

Mittags gegen 11 Uhr 10 kam mein Freund zurück. Nach der ersten Freude hab ich zu ihm gesagt, „Freund“, sagte ich zu ihm, „es ist schön, wenn Du mal eine Zeit lang weg bist, denn dann merke ich, dass ich noch Sehnsucht nach Dir habe.“ Er hat mich ziemlich verdattert angeschaut, und dann hat er aus seiner Reisetasche ein kleines Päckchen herausgeholt. „Für Mimi“, stand darauf und ich ahnte sofort, es konnten nur Krimis darin sein. Schließlich hatte er auf der Rückfahrt von seiner Dienstreise einen Zwischenstopp bei seiner Tante in Crimmitschau eingelegt, die dort eine kleine Buchhandlung betreibt. Bevor ich das aber heraus finden durfte, wollte mein Freund unbedingt Wiedersehen mit mir feiern. Gott ja, irgendwie war mir auch so danach, und als er selig auf dem Stubensofa einschlief, stiebitzte ich mein Geschenk und huschte in mein Leselümmelzimmerchen. Hmm, dachte ich beim Betrachten des Päckchens: Doppelt zugenähter Umschlag, mit Hartwachssiegel petschiert – wie eine Geheime Kommandosache. „Nur für den Dienstgebrauch“ ist fast harmlos langweilig. „GVS- Geheime Verschlußsache“ (mit dem roten Dreieck links oben) ist schon etwas brisanter und damit spannender, aber eine Bestätigung für die Stufe „Gekados“ kriegt man nur, wenn man dem Teufel seine Seele verkauft. Dann ist es doch besser, Historiker zu werden, dann kriegt man die Infos auch so. Wenn also mein Freund das Spiel „Gekados“ spielt, will er mir andeuten, das der Inhalt des Päckchens spannend sein könnte. Da kann er gar nicht anders. Mit den Händen fühlte ich nach dem Inhalt. Ahh, dick. Könnten 400 Seiten sein. 400 Seiten. Ich überlegte: Könnte das am Ende… Ist das vielleicht…? Ich riss Siegelschnur und Schließnaht auf. Tatsächlich: „Mörder im Gespensterwald“, blinzelte es mich verheißungsvoll an. Autor Frank Goyke. Klang ebenfalls verheißungsvoll. Und dann, dann kam der Text. Und der klang – Sie ahnen es schon – verheißungsvoll. Mit Verheißungen ist es so eine Sache. In Frank Goykes Krimi wechseln Phasen von Humor mit Phasen von Fatalismus, die dann in einen akuten Schub von Zuendelesenwollen ausarten. Hauptsache fertig werden, denn ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende. Die Humorphasen des Krimis könnten richtig gut sein, aber man wird dann immer unsanft aus der Stimmung gerissen, als wenn eine eiskalte Dusche mitten in die Kuschelstimmung schwappt. Denn die Kommisarin ist Alkoholikerin. Ständig fürchtet man beim Lesen, sie könnte ein Kind oder einen Radfahrer umsemmeln. Das tut sie aber nicht. Angenehm ist hingegen die genüßliche Demontage der von Fernsehkrimis aufgebauten Klischeekulissen. Selten bekommt man in Literatur oder Film Polizisten serviert, die tatsächlich noch Herz und Menschlichkeit haben. Der Humor geht meistens so, dass Vorkommnisse aus der gesellschaftlichen Realität mit sarkastischen Bemerkungen bedacht werden. Es handelt sich mithin um Situationskomik. Einmal fragt ein Polizist schwedische Touristen, ob sie in Rostock jemals Erlebnisse mit Ausländerfeindlichkeit hatten. „Wieso“, fragt eine Schwedin verständnislos, „wir sind doch blond“. Falls den hier einer nicht verstanden hat, stellt der Polizist einem Neonazi die gleiche Frage, aber weil der richtig schwer von Begriff ist, wiederholt der Polizist die Blondheitsfrage, aber er ersetzt „blond“ durch „arisch“. Tusch, Helau unnd Alaaf.

Da fällt mir gerade ein: Kennen Sie den? Erdogan und Merkel machen Gespräch zum Thema EU-Beitritt der Türkei. Erdogan säuselt: „Nur wer sich selbst und andre kennt, der wird auch hier erkennen – Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“ „Ah, Sie kennen Goethe“, sagt Merkel, „Sagen Sie: Sagt Ihnen Götz von Berlichingen was?“

Ich musste bei den 400 Krimiseiten viele Pausen einlegen. Denn er erzeugt so viele einander widersprechende Stimmungen gleichzeitig, das spielt der Herzschlag Gefäß-JoJo. Mal jagt ein Schub von Adrenalin durch den Körper, mal treibt man locker entspannt wie ein Blatt auf dem stillen Herbstsee. Man weiß nie, wann welche Stimmung kommt. Hinterher ist man total verwirrt. Ein Glück bloß, dass die Kommissarin am Ende nach 22 Stunden Trockenheit den weg zur Therapie findet. Wenigstens eine solide Entwicklung. Oder Happy End? Apropos Happy End: Nach diesem Krimi brauchte ich auch eins.

Ich schlich mich auf Samtpfötchen zum Sofa,auf dem mein Freund schnarchte, und maunzte lieb. Er nahm mich in den Arm und ich konnte schnurren. Der Krimi war aber auch hart. Edgar Wallace geht einen irgendwie nichts an. Hier aber kribbelte ständig die Kopfhaut, wenn die Polizei einen befragte, als ob man selber befragt würde. Und so oft – man war in jeder Szene jeder Befragte. Das war anstrengend. Es war so – so realistisch, verstehen Sie?

Frank Goyke, „Mörder im Gespensterwald“, Hinstorff-Verlag, Rostock, 2012

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