Archive for März, 2010

Zeitgeist: Die Drohung ist verklausuliert

Samstag, März 27th, 2010

Sonntag, 28. März. 2010


Autor: Hannes Nagel

Die Drohung ist verklausuliert

Umweltminister Norbert Röttgen von der CDU und der GenSek der Liberalen, Christian Lindner, schickten der Süddeutschen Zeitung einen gemeinsamen Beitrag, den diese auch veröffentlichte. Und das war vor zwei Tagen, als das so war. Der Beitrag vom 26. März hieß „Eine neue Ordnung mit bewährten Prinzipien“. Die Zeitung moderierte den Text an als „Plädoyer für eine moderne Ausrichtung der sozialen Marktwirtschaft“. Angesichts der kämpferischen (insbesondere wahlkämpferischen Forderungen) bleibt der Text unbehaglich allgemein. Sie werden bestimmt mein Unbehagen verstehen, wenn ich das Verklausierte anhand meines „Wörterbuches historischer Parallelen“ ins Konkrete übersetze. Was ist zum Beispiel eine moderne Ausrichtung der sozialen Marktwirtschaft? Eine Anpassung an das Notwendige: Linderung der Armut, Umweltschutz, gemäßigte Lebenshaltungskosten und so weiter oder eine dem Geist der Zeit angepasste Marktwirtschaft? Dann allerdings kündigen die beiden Herren westerwellistische Arbeitslager mit „Leistung muss sich lohnen“ als ein dringend anstehendes Projekt an. Kann das sein?

Zitat: „Wachstum setzt Freiheit voraus, weil nur die marktwirtschaftliche Wettbewerbsordnung Initiative belohnt und das in der Gesellschaft dezentral vorhandene Wissen mobilisiert“. Nur die MWWBO (Marktwirtschaftliche Wettbewerbordnung) ? Und alle anderen? Meinungsvielfalt ist, wenn jeder ungestraft Thesen der Formaldemokratischen Partei Deutschlands vertreten darf. Und was ist „dezentral vorhandenes Wissen“, welches „mobilisiert“ werden soll? Mobilisierung klingt nach Mobilmachung. Dezentral vorhandenes Wissen: Wer wenig weiß, wird für die Interessen der Reichen mobil gemacht – warum nennen die Autoren nicht den Marschbefehl?

Zitat: „Der Preis politischer Untätigkeit wären in Detuschland bislang unbekannte soziale Unsicherheit und Ungleichheit“. Meine Herren, glauben Sie mir: Die soziale Unsicherheit ist bereits sattsam bekannt, siehe Hartz Vier. Und die Ungleichheit – ach Gottchen, aber gelle, Ihr wolltet wohl nur provozieren, wie Euer Bundereiseguido, was?

Zitat: „Die soziale Marktwirtschaft in die neue Zeit zu setzen heißt, ihre gesellschaftliche Friedensidee als ihre eigentliche kulturelle Errungenschaft wieder in den Mittelpunkt zu stellen“. Die neue Zeit zieht mit uns dem Morgenrot entgegen, und über uns breitet Spaniens Himmel seine Sterne aus, so etwa? Erst den Kommunismus verteufeln, und dann an seinem Liedgut Anleihen nehmen, was? Was kommt jetzt, wenn Ihr Freiheit und Frieden auffahrt?

Zitat: „Und mit neuen Finanzinstrumenten sichern sich auf den Weltmärkten agierende Unternehmen gegen Währungs-und Rohstoffrisiken ab“. Ment Ihr Krieg als Finanzinstrument? „Die Finanzmarktkrise hat die Ordnungsbedürftigkeit des Finanzmarktes aufgezeigt“. Also den nächsten Krieg? Afghanistan reicht wohl nicht mehr?

Da passt dann auch der Bezug zum Kaiser, Verzeihung, zum Präsidenten.

Zitat: „Der Bundespräsident hat recht: Die Nation, die sich am schnellsten und am intelligentesten auf die ökologischen Herausforderungen einstellt, wird Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen“. Wer darf dann den Platz an der Sonne einnehmen? Die Nation? Hat die auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung? Oder handelt es sich um nationale Arbeitsplätze und nationalen Wohlstand? Was ist dann mit den anderen?

Aber Ihr wollt ja die schnellste und intelligenteste Nation werden. Darum wollt Ihr ja ein „nationales Stipendienprogramm“. Für die Besten. Nationale Stipendien für nationale Eliten.

Wisst Ihr was: Wenn man Euer Programm so ansieht, habt Ihr noch einen weiten Weg vor Euch. Das ist fast schon wieder tröstlich.

Zeitgeist: Das Prekariat schafft den Klassenaufstieg

Samstag, März 27th, 2010

Sonntag, 28. März. 2010

Autor: Hannes Nagel

Das Prekariat schafft den Klassenaufstieg

Für Naturwissenschaftler war es ein Sensation, als sie aus Erbgutuntersuchungen eine bisher völlig unbekannte Menschenart entdeckten, deren Vertreter Zeitgenossen der Neandertaler waren. Das Erbgut fanden sie in einem Finger im Altai-Gebirge. Der Fingerzeig aus Ostsibirien wies die Forscher darauf hin, dass neben den Neandertalern und den modernen Menschen noch eine Gruppe von Menschen zeitgleich existierte. Sie war sozusagen eine Parallelgesellschaft zu den bekannten Menschengesellschaften vor unvorstellbaren 30.000 Jahren.

Neandertaler und moderne Menschen unterschieden sich in ihrer Lebensweise und ihren kognitiven Fähigkeiten, sagen Naturwissenschaftler. Die Erkenntnis könnte damit weitgehend abgeschlossen sein und müsste keines Menschen Geist mehr kitzeln. Was aber, wenn man, um die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Sensation zu würdigen, einen kleinen Analogieschluss vollzieht? Menschen, die sich in ihrer Lebensweise und den kognitiven Fähigkeiten voneinander unterscheiden, nennen Soziologen von heute gerne auch mal Klassen. Seit der Globalisierung und dem Dilemma von Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Verarmung werden hauptsächlich zwei Klassen von Menschen angenommen: Die Besitzenden und das Prekariat, welches alles verlieren kann und mit dieser Sorge von einem Tag in den folgenden lebt. Nach dem Prekariat kommt die Armut und nach der Armut der Tod. An der Stelle kommt Hoffnung. Hoffnung, das aus der Armut und der prekären Lage eine neue Parallelgesellschaft entsteht. Die Hoffnung hat schon einen Namen, die Hoffnung ist eine neue Klasse, die Hoffnung ist die Klasse der „Kulturellen Kreativen“.

Den Namen gab der Klasse ein amerikanischer Soziologe, Paul H.Ray heißt er – und wieso hat man den Klassennamen in Deutschland fast noch nie gehört, obwohl es den Namen bereits seit gut zehn Jahren gibt? Die Kulturellen Kreativen beschreibt ihr Entdecker als Menschen, die auf ihre zwischenmenschlichen Beziehungen achten, die ihre Persönlichkeit vervollkommnen, die umweltbewusster Leben, dabei auch Spiritualität und Tradition nicht verachten und daher Tradition und Moderne synthetisch verbinden. Das wird, so Paul H. Ray, eine Klasse, die ohne Klassenkampf auskommt, weil sie eine integrierende Klasse ist. Das wird Thilo Sarrazin nicht gefallen, aber das ist auch egal. Vielleicht lässt ja auch er sich integrieren.

Siehe auch: www.kulturkreativ.net, http://www.dosisnet.de/edi.pdf

Kommentar: Lech am Arlberg

Freitag, März 26th, 2010

Meinung und Kommentar

Freitag, 26. März. 2010

Autor: Hannes Nagel

Lech am Arlberg

Nur weiter so mit dem Untersuchungsausschuss zum Massenmord von Kunduz. Es wird zwar nicht die Wahrheit ans Licht kommen, aber das Verhalten der Täter in Bezug auf die Wahrheit. Auf einmal kommt heraus, dass von Anfang an jeder da oben gewusst hat, dass die Opfer Zivilisten waren. Also hat man den Mord gebilligt und, nachdem die Menschen erfolgreich getötet worden waren, mit viel kriminieller Energie versucht, ihn zu vertuschen. Ein Mord ist schnell getan, besonders ein militärischer Mord. Die Tat zu vertuschen ist schwerer. Mörder, die solche Vertuschungskünstler an ihrer Seite haben wie der Mörder von Kundus, brauchen sich um die strafrechtliche Würdigung ihrer Taten keine Sorgen zu machen. Aber wenn statt der strafrechtlichen Würdigung eine publizistische Würdigung kommt, dann wird kein Untersuchungsausschuss klären, wer wann welche Formulierung nutzte. Da wird dann gleich in einträchtiger Zwietracht draufgehauen. Sie da oben, das geht doch nicht, so kann man doch nicht, wie soll denn …. ach, lech am Arlberg, hat eh keinen Zweck.

Quergedachtes: In Zukunft Sozialfaschismus

Mittwoch, März 24th, 2010

Quergedachtes

Mittwoch, 24. März. 2010

Autor: Hannes Nagel

In Zukunft Sozialfaschismus

Kürzlich betraten alte Worte in neuen Zusammenhängen den öffentlichen Raum. Sie hielten sich hauptsächlich im Medienwinkel auf, so dass sie sie hauptsächlich von den Medien wahrgenommen wurden. Zuerst äußerte ein Wissenschaftler in der FAZ ein paar Gedanken über Hartz Vier und Hartz-Vier-Opfer. Sie waren, dem Ungeist der Zeit gehorchend, entsprechend menschlich im Duktus. Dann wurde noch etwas geplaudert in der Medienecke, wobei man peinlich bemüht war, die Äußerung nicht zu ernst zu nehmen. Aber einer im Medienwinkel namens Telepolis machte doch den Mund auf. Und da steht nun seit dem 16. März ein bitterböses Wort im Raum. „Klassenhygiene“ heisst es.

He, habt Ihr das gehört, Ihr Gruppen in den anderen Winkeln des Öffentlichen Raumes? „Klasseneugenik“ hat Telepolis gesagt. Frau Knobloch, können Sie mal herüber kommen, wir brauchen Ihren Rat. Der in der FAZ schlug vor, Geld für Arbeitslose auf fünf Jahre zu begrenzen. Ein paar Zitate: „Eine demographische Zukunft haben nur die Bildungsfernen“. Dumm kopuliert halt gern, wissen Sie, die kennen zwar das Wort nicht, aber man muss ja dabei auch nicht reden, nicht wahr. Und weil die einen kopulieren und keine Rücksicht auf den demographischen Wandel nehmen, werden die Kinder nicht mehr „den hohen Qualifikationsanforderungen der High-Tech-Gesellschaft“ gewachsen sein. Meint der Wissenschaftler, der in der FAZ was geschrieben hat. Besser: abgeschrieben hat, nämlich bei einem anderen Herrn, der aus England kommt, aber den gleichen Beruf zu haben scheint wie der Wissenschaftler. Auf den bezieht sich der aus Deutschland, und nun sagte er das im Medienwinkel des öffentlichen Raumes. Jetzt kommt ein Beispiel für Gesprächskultur in Deutschland, wo zuhören und verstehen im Einklang mit voreiligen Interpretationen stehen. Also wurde aus „Sozialhilfe auf fünf Jahre beschränken“ die Überschrift „Das unwerte Hartz-Vier-Leben“. (gemeint war, dass Inhaber eines H 4 – Lebens wertlose Menschen sind, unwerte Esser, im Gegensatz zu den Leistungsträgern mit dem Weltreisemännchen an der Spitze)

Klassenhygienik, Klasseneugenik. Wann wird das Wort ausmerzen wieder salonfähig? Und ist das ganze nicht eine Art „Sozialfaschismus“? Und wie kann der verhindert werden?

Glosse: Zugriff auf Grundstücke

Sonntag, März 21st, 2010

Apropos Zugriff auf Grundstücke

„Doch dem Vorhabensträger sei es nicht gelungen, den Zugriff auf sämtliche benötigte Grundstücke zu erlangen, sagte Bauamtsleiter X.“ (Aus einer OZ-Meldung über ein Bauvorhaben einer Gemeinde)

Samstag, 20. März 2010

Hannes Nagel

Manchmal gibt es Beispiele, dass es nicht nur Kommunalpolitik gibt, sondern auch Kommunalcourage. In einer Küstengemeinde wollte die kommunalpolitische Führung für die noch Reicheren mit ihren noch größeren Schiffen einen Hafen erweitern, damit noch mehr Touristen auf gleichbleibend großer Fläche Erholung suchen, aber vor lauter Gedrängel schwer finden. Zusätzlich zum Hafen sollten auch Geschäfte und Hotels und Restaurant entstehen. Aber das Land gehörte bereits einigen Leuten. Und einige weigerten sich standhaft, zu verkaufen. Um ehrlich zu sein: Bei der geplanten Goldgrube, wenn sie denn zustande gekommen wäre, hätte die Gemeinde gar nicht die Kohle gehabt, um einen angemessenen Preis zu zahlen. Da machte sie das, was in solchen Fällen seit je her geschieht: Sie bot ein paar Groschen für den Quadratmeter und nannte das angemessen. Und nun wurde auf öffentlicher Sitzung das Projekt abgesagt. Weil: „Dem Vorhabensträger (Gemeinde also) war es nicht gelungen, den Zugriff auf sämtliche benötigte Grundstücke zu erlangen“. Den Zugriff erlangen. Die lange Hand plante den Zugriff. Der Polizeieinsatzleiter befiehlt Zugriff. Die andere Analogie spare ich mir vorläufig noch auf. Aber irgendwann kommt sie noch, versprochen. Immerhin verrät die Wortwahl, was die kommunalpolitische Führung vorhatte. Einen Zugriff. Auf das geschützte Eigentum anderer Leute. Darum tut es gut, wenn es außer Kommunalpolitik auch Kommunalcourage gibt.

Rezension: Die korrupte Republik

Dienstag, März 16th, 2010

Rezension: Die korrupte Republik

Dienstag, 16. März 2010

Durch und durch verlogen

Autor: Hannes Nagel

Durch und durch verlogen

Hans Martin Tillack hat ein ein Buch das Ausmaß des Korruptionsbefalls von Staat und Wirtschaft in Deutschland geschrieben. Schaut man sich die Titelüberschriften im Literaturverzeichnis an, hat man das Gefühl, das im ICE ausliegende Faltblatt „Ihr Zugbegleiter“ zu lesen. Es zeigt, wohin die Reise geht und welche Trends dem vertrauenden Volk am Wegesrande blühen. Die Reise geht in raschem Tempo weg von Anstand und Rechtmäßigkeit der Behörden, weg von ehrlichem kaufmännischen Betragen, hin zu einem Zustand, der sonst mit Geringschätzung Entwicklungs-und Ostblockländern zugeschrieben wurde.

Korruption ist ein Alltagsphänomen. Ihre Merkmale reichen von Machtmissbrauch zu persönlichem Vorteil bis zu einer allgemeinen Kommerzialisierung aller Bereiche des Lebens, damit möglichst jeder in ein System von Abhängigkeiten und Gefälligkeiten hinein gezogen ist. Sie verdirbt den Charakter oder lässt verdorbene Ansätze ungehemmt wuchern. Inzwischen können Politiker ungeniert zu weiterer Korruption aufrufen, oder wie ist der Ausspruch zu erklären: „Der linke Zeitgeist hält Geschäftemachen für fragwürdig. Die Gesellschaft muss sich dran gewöhnen, dass das künftig anders ist“ . Heißt das, vor dem Hintergrund des Buches von Hans Martin Tillack, dass die Gesellschaft sich an Korruption und Korrumpierbarkeit des gesamten Lebens gewöhnen muss? Eine grausliche Vorstellung. Wo sind „Die Unbestechlichen?“ Gibt es so etwas überhaupt noch? Wird die Weigerung zur Korruption Schritt für Schritt ausgemerzt? Durch „herrisches Auftreten des Staates gegenüber den Bürgern“? Das merkt man laut Tillack daran, dass auf die Forderung nach Transparenz sinngemäß kommt: Es herrscht genug Transparenz, wenn ein Beamter hinter verschlossenen Türen die Aktenvermerke eines anderen liest. (Die dann bestimmt – es würde nicht wundern – „nur für den Dienstgebrauch“ sind.

Sponsoring-Korruption. Drittmitteleinwerbung. Gelder werden oft nicht eingeworben, sondern erpresst. Behörden treten vor aller Augen strafrechtlich in Erscheinung und können nicht belangt werden. Das liegt vermutlich an dem Sprichwort mit den Krähen.

Nach der Lektüre des Buches hält man Politik als den höchsten Organisationsgrad krimineller Energien und Handlungen.

Ergänzung: Gut, das Bücher über solche und andere Zustände erscheinen dürfen, während diese Zustände noch andauern. Spätere Veröffentlichungen wirken oft so lasch.

Hans Martin Tillack, „Die korrupte Republik. Über die einträgliche Kungelei von Politik, Bürokratie und Wirtschaft“, Hofmann und Campe ( www.hoca.de ) , Hamburg 2009, 19,95 Euro

Glosse: Gschaftlhubers Zeitgeist

Sonntag, März 14th, 2010

Apropos Gschaftlhubers Zeitgeist

„Der linke Zeitgeist hält Geschäftemachen für fragwürdig. Die Gesellschaft muss sich dran gewöhnen, dass das künftig anders ist“ (Guido Westerwelle)

Sonntag, 14. März 2010

Hannes Nagel

Man muss ihm nur ein paar Jahre Zeit geben, dann wird man die Gesellschaft nicht mehr wieder erkennen können. Geschäfte, Geschäfte, Geschäfte. Das Gschaftelhubern wird zur einzigen Daseinsberechtigung werden. Denn das Leben muss ja keinen Spaß machen. Herrn W. macht es ja auch keinen Spaß. Herr W. erhält nämlich keinen Dank für sein Tun. Darum sagt er sowas. In der Beowulf-Sage kommt auch so ein Duktus auf. Eine Gestalt darin konnte es nicht verknusen, dass es Lachen gab. Fröhliche Menschen waren dem Sagenwesen Grendel ein Greuel. (Der Vergleich mit Beowulf ist übrigens gut. So kann keiner auf die Idee kommen, einen Hitler-Vergleich in den Text zu interpretieren.)

Westerwelle drohte der Gesellschaft über die Zeitung „Wirtschaftswoche“ und über Agenturen. „Der linke Zeitgeist hält Geschäftemachen für fragwürdig. Die Gesellschaft muss sich daran gewöhnen, dass das künftig anders ist“. Dann herrscht hier ein anderer Ton, verstehste?

In diesem Land muss tatsächlich einiges anders werden, aber nicht in Richtung Kälte, sondern in Richtung Herzlichkeit. Etwa so (Vorschlag): „Den Spaß betreibt mit Ernst, den Ernst lacht fort“.

Dann klappt es auch wieder mit dem Zeit-Geist in dieser politisch geistlosen Zeit.

Glosse: Kampfziel Urlauber

Donnerstag, März 11th, 2010

Apropos Kampfziel Urlauber

„Das Kampfziel für dieses Jahr muss lauten: Die Übernachtungszahlen von 2009 halten“ (Landestourismusverband auf Internationaler Tourismusbörse)

Donnerstag, 11. März 2010

Hannes Nagel

Wer einen Urlaub plant, glaubt im Allgemeinen, der Sinn von Urlaub sei Erholung. Entspannung. Abschalten. Leib und Seele wieder frisch zu machen. Für den Alltag. Bei der Arbeit. Für die tägliche Reaktion auf Stress und Sorgen und Belastungen. Und darum fährt ein Urlauber im Urlaub in einen Urlaubsort. Auf der Tourismusbörse zeigt die Tourismusindustrie dann, was sie hat. Betten. Hotels. Nervenkitzelmöglichkeiten. Geldausgebungsmöglichkeiten.

Glaubt man der Ostseezeitung, hat auf dieser Messe eine Person vom Landestourismusverband, die etwas zu sagen hat im Verband, für seine Region mit eher martialischen Tönen geworben statt mit den Möglichkeiten zu Entspannung und Erholung und so weiter siehe oben. „Das Kampfziel für dieses Jahr lautet: Die Übernachtungszahlen von 2009 halten“. Man mag sich gar nicht vorstellen, mit welchen Kampfmitteln das Kampfziel erreicht werden soll.

Satire: Mein kleiner gelber Duktus

Mittwoch, März 10th, 2010

Mein kleiner gelber Duktus

Keiner redet klarer

als ich es täglich tu

Ich bin der Staatsbewahrer

steh mit der Welt auf Du.

Ich bin ein großer Denker

im Feld der Politik

Auf mich hör’n Staatenlenker

aber ich nicht auf Kritk


Ich habe einen Duktus

der einzig ist und wahr

da machste Dir kein’ Reim drauf

ich find das wunderbar

Ich sprüh vor Geist und Du vor Gift

da nehm ich meinen Duktus

und der frifft – trifft – trifft


Ich schütz’, wer Freude spendet

vor Sozi – Al – Ismus

Dafür bin ich behändet

Und mit dem Faul- Pack mach ich Schluss

Was mühsam wir geklaut ha’m

Wollt Ihr für Saus und Braus?

Solch dekadenter Schweinkram

muss aus dem Volke raus


Ich habe einen Duktus

der einzig ist und wahr

da macht Ihr Euch kein’ Reim drauf

ich find das wunderbar

Ich sprüh vor Wut auf Euch mein Gift

mich tröstet nur mein Duktus

denn der trifft – trifft – trifft

Sozialfrigider Schreihals

Dein Duktus ist schon alt

Magst Du den Klang des Beifalls

Verschwinde, aber bald

Und willst Du überwintern

am Fleischtopf Deiner Macht

tritt jemand Dir in’n Hintern

so kräftig, dass es kracht

Behüte Deinen Duktus

gib acht, wohin der schlägt

sonst spürst Du Volkes Duktus

weils dich nicht mehr erträgt

Rezension: Deutschland Dritter Klasse

Freitag, März 5th, 2010

Rezension: Deutschland dritter Klasse

Freitag, 05. März 2010

Vom Absturz des Klassenprimus in die Drittklassigkeit

Autor: Hannes Nagel

Vom Absturz des Klassenprimus in die Drittklassigkeit

Eigentlich hatten Karl Marx und andere die Existenz einer klassenlosen Gesellschaft angenommen. „Klassen sind….“ Pscht, jetze keine Definition aus PolÖk. Über die Zugehörigkeit zu einer Klasse entscheidet der Anteil am Wohlstand, der Existenzsicherung, der Annehmlichkeiten. Fast ist man geneigt, auch den Grad der Dekadenz als Klassenzugehörigkeitsmerkmal zu nennen, weil Guido WeWe diesen Stachel in den gesenkten Nacken der abgabengeplagten und belohnungsentwöhnten Gesellschaft gepiekst hat. Die klassische Klassengesellschaft war eine Gesellschaft, wo es eine Arbeiterklasse gab – man nannte sie Proletariat, was heute fast ein Schimpfwort ist, Du Proll, Du, verstehste, – und eine Ausbeuterklasse. Dazwischen gab es Bauern und kleine Krauter, wie ein heute ebenfalls verächtlicher Ausdruck sie nannte. Das waren Schichten, also nicht Fleisch noch Fisch. Das mit den Schichten ist wichtig, da kommt nach was nach.

Bei der Eisenbahn gab es seit der ersten regulären Personenbeförderungsverbindung ebenfalls Klassen. In der ersten Klasse saßen die Reisenden auf rotem Samt, das Abteil war gereinigt und der Schaffner riss sich den Arsch auf, um klassengerecht Kaffee, Baguette, Croissants, J.P.Chenet blanc und L.Mi.Do.A.A. zu servieren. Die zweite Klasse sass auf grünem Leder, wo man im Sommer mit dem Arsch auf der Bank festklebte, wegen der Hitze, und wenn man Lust auf Kaffee und so weiter hatte, riss man den Arsch von der Bank und ging zum Speisewagen. (Lange Schlange, viele Pöbeleien, Kaffee lauwarm und zu teuer: „Fahren Sie doch Erster Klasse, wenn et Sie nich passt“) Ganz zu Anfang gab es auch noch die Klasse, die mit Hühnern, Schweinen, Ziegen im Holzwagon reiste, das war die Dritte Klasse. Die konnten nicht mal bis zum Speisewagen gehen, um Wasser zu bekommen.

Der ICE Deutschland ist ein ICE mit erster, zweiter und dritter Klasse, und damit die Reisenden der Ersten Klasse es erfahren und die Reisenden der Zweiten Klasse sich nicht zu sicher führen, gibt es ein Buch: „Deutschland Dritter Klasse. Leben in der Unterschicht“ heißt es. Es erschien im Verlag Hofmann und Campe ( www.hoca.de ), Hamburg 2009. Verfasser: Julia Friedrichs, Eva Müller und Boris Baumholt.

Im Vorwort erklärt Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung, dass der abgestürzte Klassenprimus nicht verspottet werden darf, denn jahrelang konnte er sich an der Spitze halten. Das er abgestürzt ist, ist traurig, besonders für die Leidtragenden, aber es liegt nicht unbedingt nur am Klassenprimus selbst. Manchmal liegt es auch an den Lehrern, die den Primus fallen gelassen haben. Menschen in Deutschland führen ein Leben dritter Klasse. Es stimmt nicht, wenn behauptet wird, niemand müsse in diesem Land hungern. Hunger ist für viele monatliche Begleiterscheinung. Es berichten Betroffene. Wer den Lebensalltag von H4 kennt, weiß, dass kein Bericht über Hunger, Zahlungsunfähigkeit und barfuß im kalten Regen stehen übertrieben sind. Das ist Klassenalltag. In Deutschland. Einem Land, dessen Sozialsystem mal als Klassenprimus galt. Nur die Skandinavier waren ihm ebenbürtig.

Vielleicht ist es gut, dass die Autoren des Buches keine Empfehlung für Auswege abgeben. Denn dann kann das freie Denken von Vorurteilen frei zur Rückkehr der Menschenwürde führen.