Archive for the ‘Kultur’ Category

Apropos Sarrazin sein Kampf

Mittwoch, September 1st, 2010

Mittwoch, 01. September 2010

Autor: Hannes Nagel

Sarrazin sein Kampf

Thilo Sarrazin hat ein Buch vorgestellt, welches niemand wirklich lesen will, aber jeder hält die Thesen darin für genauso schrill, krank und gefährlich wie die Thesen, die ein anderer in einem anderen Buch dargelegt hat. Das Buch von dem anderen hieß „Mein Kampf“, und die erste Rezension dazu soll in der Vossischen Zeitung unter gestanden haben. Sie trug wohl den Namen „Mein Kampf – mit der Deutschen Sprache“. Seins heißt „Deutschland schafft sich ab“. Ich werde es nicht rezensieren. Ich werde es schon deshalb nicht tun, weil sich dieses Buch beharrlich jedem Integrationsversuch in meinen Bücherschrank verweigert. Dabei passen viele unterschiedliche Bücher in meinen Bücherschrank. Einträchtig steht die Bibel neben dem Kamasutra. Neben einer Biographie von Kurt Tucholsky stehen die Memoiren von Henry Kissinger. Das instinktive Ordnungsprinzip heißt „Lachen und Weinen“. Über Sarrazin zu lachen fällt schwer. Versuchen wir es trotzdem. „Intelligenz und Leistung vererben sich“, sagt Reichsrassenwart Sarrazin. Sie, Sarrazin: „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. Das ist – kennen Sie den? – von Goethe. Und was man nicht erworben hat, kann man auch nicht weiter vererben. Insofern zuckt Sarrazins Intelligenz mangels Potential noch ein bisschen, vererbt sich aber nicht. Das ist, weil Klassik erben und genetisch erben völlig unterschiedliche Dinge sind. Hätten Sie aber selbst drauf kommen können, Sarrazin. Oder nicht? Nein? Dann kucken Sie sich noch noch mal die Fernsehbilder an, die das Volk draußen demonstrieren zeigte, als Sie drinnen Ihr geistiges Spitzenprodukt anpriesen. Da stand auf einem Plakat „Halts Maul“. Herr Sarrazin, Sie wissen, was zu tun ist.

Kultur: Schachkonstrukte aus Apolda

Dienstag, August 31st, 2010

 

Kultur

Donnerstag 26. August 2010

Schachkonstrukte aus Apolda

Autor: Hannes Nagel

Schachkonstrukte aus Apolda

Es ist August. In Apolda wird Schach gespielt. Schach ist ein altes Spiel und Apolda eine Stadt in ihren besten Jahren. Apolda ist wie eine reife attraktive Frau, die mit Pflege und Kosmetik immer noch Herzklopfen bewirken kann. Frauen und Städte sind sozusagen das, was sie aus sich machen. Apolda wurde, wie Apolda ist, durch das lebhafte Gewerbe, welches hier seit dem 14. Jahrhundert betrieben wurde. Die Tendenz ist zur Zeit leider abflauend. Stat dessen gibt es in Apolda aber lebhaftes Schachspiel. Schach wird seit 1992 gespielt. „Open Schach“ heißt die Veranstaltung, seit es sie gibt, und ebenso lange hat Lutz-Dieter Gruber mit dem Open Schach von Apolda zu tun.

Lutz-Dieter Gruber ist einer von den Schachspielern, die sich am Ende eines Spieles mit den Möglichkeiten befassen, wie das Spiel auch hätte ausgehen können. Eine Schachfigur hat mehrere Optionen, aber der Spieler kann sich nur für eine einzige entscheiden. Schach ist die Reduzierung der Möglichkeitsvielfalt auf eine einzige EntscheidungDas kann zum Sieg führen oder auch nicht, und dann kommen Lutz-Dieter Gruber und die Schachfreunde von der Disziplin Schachstudien-Entwicklung zusammen und denken die nicht genutzten Möglichkeiten durch. Das Militär würde dazu „Manöverkritk“ sagen. Vielleicht sind deshalb so viele Politiker, Staatsmänner, Wirtschaftsführer und Machtinhaber vom Schachspiel fasziniert. Die „Deutsche Schach Zeitschrift“ befragte einmal berühmte Schachspieler nach den typischen Charaktereigenschaften von Spielern. Manchen Spielern bescheinigten die Befragten „einen Hang zum Zynismus, der Abschrecken kann“. Andere hatten in der Schachszene „viele freundliche, offene und beeindruckende Menschen kennengelernt“. Es konnte auch beobachtet werden, dass „die meisten Spieler recht intelligent sind, aber nicht alle von ihnen nutzen diese Fähigkeiten auf sozialem Gebiet“. Das müssen vermutlich die Politiker und Staatsmänner unter den Schachspielern gewesen sein. Wenn einmal die Schachfiguren selber Spieler wären, dann wären sie bestimmt aus ihrer Erfahrung heraus daran interessiert, die andere Seite zu erreichen, ohne die jeweils andersfarbigen Figuren vom Brett zu schlagen. Lutz -Dieter Gruber meinte, eine solche Spielweise sei nur dann möglich, wenn die Regeln zuvor geändert würden. „Es liegt an den Bauern. Alles hängt von den Bauern ab. Und immer werden sie geopfert“, sagt er. Das ist wie im wahren Leben. Wenn man einmal im Reglement zuließe, dass die Bauern auch dann schräge Züge machen dürften, um den Andersfarbigen aus dem Weg zu gehen oder um sie herum, und das Ziel des Spieles nicht wie im kriegerischen Sinne im Sieg bestünde, sondern im humanistischen Sinne darin, dass Weiß Scharz besucht und Schwarz Weiß, dann könnte man so spielen. Aber das wäre ein anderes Spiel. Und wenn Weiß nicht will, braucht Schwarz es gar nicht erst zu versuchen, Regeln und Ziele ändern. Das ist beinahe schon revolutionär.

Arbeitswelten: Fit für den Job, Spaß bei der Verarschung

Sonntag, August 15th, 2010

Quergedachtes

Sonntag, 15. August 2010

Fit für den Job, Spass bei der Verarschung

Autor: Hannes Nagel

Fit für den Job, Spaß bei der Verarschung

Schreib doch eine Beschwerde“, sagte Sandor Sanddorn, „denn die haben Dich doch völlig verarscht“. „Besser als eine Beschwerde wirkt eine publizistische Würdigung“, sagte ich. Nachdem wir beide dann eine Weile verständnisvoll unsere weisen Häupter gewiegt hatten, sagte ich: „Aber helfen tut das auch nicht. Helfen könnte bestenfalls eine Revolution“.

Revolutionen fangen an, wenn Franzosen kein Brot zu Essen haben und ihre Königin sagt bloß: „Puh, sollen sie doch Kuchen essen, wenn sie kein Brot haben“. Oder wenn Matrosen auf Kriegssiffen meutern, weil in dem Zwieback, den sie zu essen kriegen, Maden so dick und wohlgenährt wie ihre Offiziere herum krabbeln. Kürzlich sagte jemand, dass die Wirtschaftskrise eigentlich keine Krise ist, sondern sondern eine Umwälzung, also eine Revolution.

Eine V erarschung alleine ist also kein hinreichender Grund für eine Revolution. Jedenfalls nicht, wenn man sie mit Maden im Zwieback und Hunger im Gedärm vergleicht. Einen Tritt in den Arsch haben die Damen und Herren von der behördlichen Verscheißerung allemal verdient.

Die Verarschung begann, als man mir nach den Maßstäben der Gesetze und dem Maßstab der Menschlichkeit zugestand, durch eine geförderte Maßnahme mit einem am Bürgergeld orientierten Quasigehalt in die Arbeitswelt zurück integriert zu werden. Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsmarkt heißt das und soll dazu beitragen, die durch Arbeitslosigkeit, Einkommenslosigkeit und Hartz Vier verursachten gesundheitlichen Folgen zu überwinden und eine bezahlte Arbeit zu erhalten, die den unterdrückten Fähigkeiten entspricht. Unbezahlt gearbeitet habe ich lange genug.

Zwei Jahre lang verzögerten die Ämter eine Entscheidung. Dann kam das Arbeits-und Therapiezentrum Saarbrücken. Es testete sechs Wochen lang soziale, geistige und körperliche Fähigkeiten durch und befand, es sei zwingend erforderlich, mich sofort mit Gehalt, beruflicher Umschulung und Arbeitsplatz auszustatten. Es fehlte nur noch die Zustimmung der Rentenversicherung. In der Rentenversicherungsanstalt funktionierte die Klimaanlage nicht, die Chefs piesakten die Sachbearbeiter, die Luft war stickig, der Schweiß rann in Strömen, und die Aktenberge waren so hoch, so hoch. Und die Sachbearbeiterin stand kurz vor Eisprung und Urlaub. Ihr rechter Arm nahm Kampfhaltung ein und schrieb NEIN auf den Antrag.

Zwei Jahre Hinhaltetaktik mit Verarschung. Ein Glück, dass ich so ungeduldig bin und inzwischen schon mit der Freilegung eines übrigbleibenden Weges begonnen hatte. So können sie wenigstens die publizistische Laudatio ihres grandiosen Versagens entgegen nehmen.

Als würden Lippen knutschen

Dienstag, August 10th, 2010

Quergedachtes

Dienstag, 10. August 2010

Als würden Lippen knutschen

Autor: Hannes Nagel

Als würden Lippen knutschen

Ärger gibt es immer mal. Ärgernisse sind genauso vielseitig wie die Möglichkeiten, den Grund des Ärgers zu beseitigen. Oder zu beenden. In Freude umzuwandeln. Unzählige Möglichkeiten gibt es. Umso ärgerlicher ist es, dass nur einer Berufsgruppe die Kompetenz zugesprochen wird, die brodelnden Emotionen des Ärgers zu beschwichtigen: Die Juristen. Die Juristen sind überall. Wo immer eine Entscheidung getroffen werden soll oder eine Aufgabe zu lösen ist, wo Klugheit und Verstand gefragt sind, hat irgendein Jurist die Position des Bevollmächtigten Beauftragten eingenommen.

Ein Rechtsstaat ist ja von der Idee her etwas Schönes. Wenn jedoch der Rechtsstaat zum Juristenstaat wird, entsteht ein Zerrbild der schönen Idee. Es findet eine Wandlung vom Engelsbild in eine Teufelsfratze statt. Juristen übersetzen die Umgangssprache in justitiable Äußerungen, gegen die sie dann im Auftrag von Mandanten vorgehen. Aus „Lassen Sie mich doch zufrieden“ wird etwas, was keiner gesagt hat. Also eine behauptete, aber nie getätigte Äußerung, gegen die man Paragraphen schwingen kann.

So dämlich kann man gar nicht denken, bevor man spricht, dass man juristischen Wortverdrehern keinen Verdrehungsspielraum mehr lassen muss. An sich wäre das nicht weiter schlimm. Man könnte mit5 den Schultern zucken und sich sagen: „Red’ Du man, red’ Du man, wat Du seggst, geiht mi gor nix an“. Wenn da nicht die spaßlose Allmacht wäre, mit der Juristen die Sprache in einen Maßregelvollzug stecken würden. Wenn erst mal ein Gericht sich mit einem behaupteten Sachverhalt befasst, ist alles zu spät. Sie reden vielleicht von einem harmlosen Satz, einem Blick, einer Geste, Ihre Gegenseite, von der Sie bis heute nicht wissen, wo die plötzlich her gekommen ist, redet von Nötigung, Beleidigung, Betrug. Wenn Ihre Gegenseite solche Worte in den Mund nimmt, wertet sie, und ein Gericht kuckt ins Lexikon, da steht, wenn einer nötigt, gehört er bestraft, was soll das Gericht anderes machen? Bloß weil man Ihnen was in die Umgangssprache rein interpretiert, was Sie nicht mal im Entferntesten gedacht haben, stehen Sie da wie Max in der Sonne.

Zum Glück hat der umgangssprachliche Kriegsminister Guttenberg mit der Formulierung vom umgangssprachlichen Krieg die Möglichkeit gezeigt, dass Sie sich in allem, was gegen Sie unternommen wird, auf die Umgangssprache zu berufen. Ob Sie damit durchkommen, hängt davon ab, ob das Gericht außer Juristendeutsch auch noch normales Deutsch versteht. Normales Deutsch ist das, was in den zwischenmenschlichen Sprachbereichen gesprochen wird. Also in den Bereichen Liebe, Freundschaft, Solidarität, Nachbarschaftshilfe, Satire, Kunst, Kultur, Geist, Witz. Sprache kann zärtlich sein. Freundlich. Stundenlang anhaltende gute Stimmungen hervorrufen. Alles nur mit den Lippen und der Zunge. Beim Küssen und beim Sprechen benutzt man die gleichen Organe. Küssen ist nur deshalb nicht das gleiche wie Sprechen, weil man beim Sprechen zusätzlich noch andere Organe benötigt. Stimmbänder. Zum Küssen sind sie nicht nötig.

Es kann doch daher nicht so schwierig sein, das Sprechen so freundlich zu gestalten, als würden Lippen knutschen. Einen jeglichen würdigte man so, wie er gewürdigt zu werden wünscht. Über einem Vormittag bei Ämtern und Behörden würde der Geist der Nächstenliebe schweben. Das wäre schön. Bussi.

Menschenrechte: Das Manöver Kachelmann

Mittwoch, August 4th, 2010

Mittwoch, 04. August 2010

Autor: Hannes Nagel

Das Manöver Kachelmann

Niemand soll lauter schreien, als der Skandal groß ist. Wenn man nicht einmal weiß, worin der Skandal besteht, soll man die Klappe halten. Wer schreit, soll schon wissen, worüber. Das Manöver Kachelmann zeigt, dass alle über Kachelmanns Männlichkeit als Bedrohungspotential für Alice Schwarzer und andere schreien. Sie schreien am Thema vorbei. Der erste Schrei muss der nicht mehr wiederholten Aussage der Polizei gelten, die sich brüstete, einen Prominenten in aller Öffentlichlichkeit verschwinden zu lassen, ohne dass die Bevölkerung etwas mit bekommt. Das war offenbar die Manöverlage, die durchgespielt werden sollte, um zu sehen, was eventuell als nächstes kommen könnte.

Seit kurzem ist Kachelmann wieder frei. Er gab ein Interview. Er sagte, die Behandlung war gut, und das Personal ging respektvoll mit den Gefangenen um. Der Satz erinnert an einen politischen Witz. Da wurde einer aus dem KZ entlassen und sagte, man konnte den ganzen Tag Sport machen, es gab genug zu essen, und mit Problemen konnte man sich vertrauensvoll an das Personal wenden. Ein Zuhörer entgegnete, seinen Nachbarn hätten sie auch entlassen, der hat aber das Gegenteil gesagt. „Aber der ist auch schon wieder drin“, sagte der soeben Entlassene. Aufschrei Nummer zwei: Sind alle öffentlichen Äußerungen zum Fall Kachelmann getürkt? Warum? Wer vertuscht hier was? Was kommt noch nach?

In einer Talkrunde bei Anne Will quatschten kürzlich ein Haufen Leute darüber, ob Kachelmann ein Vergewaltiger sei. Das waren ganz geniale Leute, denn sie alle sprachen, als ob sie in Kachelmanns Seele stecken würden und daher alles ganz genau wüssten. Nur der eigentlich Betroffene, der war nicht dabei. Die medialisierte Dummheit scheint der kümmerliche Geist der heutigen Zeit zu sein. Sozusagen der Letzte Schrei.

Heiße Sache: Der 900 Euro Testballon

Freitag, Juli 9th, 2010

Freitag, 09. Juli 2010

Autor: Hannes Nagel

Heiße Luft: Der 900 Euro Testballon

Nichts wäre sozialer und menschlicher als ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Bürger. Nichts verursacht Regierenden aus konservativen, liberalen und ihren jeweiligen neo-istischen Lagern mehr Wahnvorstellungen, als wenn dieser Wunsch von linken Träumern vorgetragen wird. Daher ist es bemerkenswert, dass Ursula von der Leyen nun 1 Komma 3 Milliarden Euro in die Hand nehmen darf, um einem schwarz-gelben Testballon drei Jahre lang am Fliegen zum halten. Es soll gestestet werden, ob die Kohle reicht, um Hartz-Vier-Opfer mit 900 Euro im Monat zu bezahlen, wofür sie dann „Bürgerarbeit“ machen. (Übrigens: Kommunalpolitik ist eigentlich auch Bürgerarbeit). Als Optimist könnte man den Plan von der Menschlichkeit trotz Ausbeutung, juristischer Drangsalierung und mangelndem Schutz der Verbraucher vor Betrug und Westerwellen als Schritt in die richtige Richtung betrachten.

1 Komma 3 Milliarden geteilt durch 900 sind 144.444 Hartz-Vier-Opfer von 7 Millionen. 3 Jahre lang bekämen sie 900 Euro. Der Weg zum bedingungslosen Grundeinkommen ist beinahe frei. Wir müssen bloß dem Vorbild der Regierenden folgen, die die Dinge benennen, wie es ihnen gefällt, und das Arbeitsprogramm als Versuch zur allgemeinen Einführung des menschenwürdigen bedingungslosen Grundeinkommens bezeichnen.

Asoziales: Kein Postgeheimnis für Arbeitslose

Freitag, Juni 25th, 2010

Freitag, 25. Juni 2010

Autor: Hannes Nagel

Asoziales: Kein Postgeheimnis für Arbeitslose

Langzeitsarbeitslose Ex-Stasi-IMs können ab dem ersten Oktober auf Vollbeschäftigung bis Überbeschäftigung hoffen, wenn wahr wird, welchen Terroranschlag auf die Privatsphäre der Bürger die Bundesagentur für Arbeit verüben will. Wie verschiedene Medien berichten, will die Bundesagentur für Arbeit Postmitarbeiter für das Öffnen, Lesen, Scannen und Weiterleiten der Korrespondenz von Hartz-Vier-Opfern mit der zuständigen Behörde dienstverpflichten. Die Dienstverpflichteten solen zunächst in Halle und Berlin Briefe von Arbeitslosen öffne. Dies stelle keinen Verstoß gegen die Grundrechte dar. Vermutlich deshalb, weil Hartz-Vier-Opfer sowieso keine Grundrechte mehr haben. Das Recht auf Privatsphäre ist ihnen genommen, jeder Cent in ihren Taschen wird ohnehin zuerst von der Agentur begutachtet, bevor sie entscheidet, ob der Cent die letzen Schritte zum Hartz-Vier-Opfer machen darf oder nicht. Wie die Post die Dienstverpflichtung erfüllen will, weiß noch keiner. Ebensowenig ist bekannt, ob sie das Recht auf Zivilcourage kennt und anwendet, indem sie nur eine Frage stellt: „Sagt mal, piepts bei Euch unterm Pony?“Mit dem Fingerchen an Schläfe tippen geht auch.

Also könnten und sollten die Hartz-Vier-Opfer künftig ihre Behördenkorrespondenz über einen gewählten persönlichen Sendboten erledigen. Die Behörde ist dann nämlich verpflichtet, die Briefe anzunehmen oder ihre Annahme schriftlich zu verweigern. Dann kann sie auch keine Sanktionen verhängen. Vielleicht könnte der Arbeitslosenverband die Anregung aufgreifen und sehen, was man praktisch daraus machen kann.

Einstweilen ein schönes Wochenende trotz alledem.

Quergedachtes: Mit konstanter Bosheit

Donnerstag, Juni 24th, 2010

Autor: Hannes Nagel

Schimären, Schichten und Kulturen

Früher gab es gefährliche Schriften. Sie wurden verdächtigt, die öffentliche Ordnung zu bedrohen. Die Autoren wurden verfolgt. Denken war der Versuch, den Staat zu stürzen. Revolution durch Denken gibt es zur Zeit nicht. Gäbe es sie, würde Ulrike Herrmann für ihr Buch „Hurra, wir dürfen zahlen“ verfolgt werden. Der Spiegel, wenn er außer seiner Bestsellerliste auch noch eine Umstürzlerliste führte, würde das Buch auf Platz Eins anführen. Denn es geht darin um Klassen und Schichten und eine Gesellschaft, der ein marktwirtschaftlicher Sozialstaat vorgegaukelt wird. Nur durch die Schimäre des sozialen Aufstiegs kann diser Staat seine Gesellschaft bei Laune und Fahne halten. Um die Abhängigkeit der Lebensweise von einem fremden Trugbild abzuschütteln muss nur erst einmal der Staat als Organisationsform einer Interessengruppe erkannt werden. Eine Interessengruppe ist nur eine Teilmenge der ganzen Gesellschaft. Den anderen dient die Organisation nicht, aber es sie braucht sie, um erhalten zu werden.Unter dieser Prämisse kann man verstehen, warum „Hurra, wir dürfen zahlen“ von einem Selbstbetrug der Mittelschicht spricht: Weil die Organisation die Schichten glauben läßt, sie könnten selbst einmal Teil der Interessengruppe werden. „Und sie sagten mir, wenn ich brav bin /dann werd ich dasselbe wie sie / Doch ich dacht: wenn ich ihr Schaf bin / Dann werd ich ein Metzger nie“ Das hat Bertolt Brecht im Lied vom Klassenfeind gedichtet. Am Ende heißt es: „Der Regen kann nicht nach aufwärts / weil ers plötzlich gut mit uns meint / was er kann ist: er kann aufhören / nämlich dann, wenn die Sonne scheint“.

Und darum macht die Werbung den kleinen Leuten vor, sie würden aufsteigen wollen, bis sie es geschafft haben, anstatt sich selbst klar zu machen, wo eigentlich die Interessen der kleinen Leute sind. Mit konstanter Bosheit lässt die Interessengruppe der Organisation Staat alle anderen nicht zu. Dazu benutzt sie Worte wie Chancengleichheit, dementiert schärfstens Gerüchte, es gäbe eine Zweiklassenmedizin und behandelt ihresgleichen mit Höflichkeit. Für die anderen gilt die ganze Härte der Gesetze – die von der Organisation gemacht wurden. Wenn nun aber jede Schicht eine eigene Organisationsform hätte? Die Arbeitslosen, die noch Arbeit Habenden, die Kleinunternehmer und was den Sosziologen noch einfällt, um eine ganze Gesellschaft in Gruppen Schichten oder Klassen einzuteilen? Wie könnten die Schichten der Gesellschaft miteinander existieren? Wie könnte die friedliche Koexistenz der Klassen und Schichten aussehen? Chacun a sont gout. Jedem das, was ihm gut tut. Dann müsste der Staat nicht die kleinen Leute in seine Interessenkämpfe hinein ziehen, dann könnten die Armen den Reichen gönnen und die Reichen müssten nicht nach dem letzten Hemd der Armen gieren. Ja das könnte schön sein. Ein Häuschen mit Garten. Und Blumen darin. Der Frömmste wird in Frieden leben, auch wenns der Obrigkeit mißfällt.

Gesellschaft: Kein geeigneter Kandidat

Mittwoch, Juni 23rd, 2010

Mittwoch, 23. Juni 2010

Hannes Nagel

Wie das Land, so der Bundesrepräsentant

Der Bundespräsident soll den Staat im Ausland und bei Empfängen repräsentieren. Die Amtsinhaber sind wechselnde Köpfe auf dem sonst immer gleichen Etikett der Flasche „Deutschland“. Am 30. Juni ist Etikettenwechsel. Aber welcher Kopf paßt auf das Bild, das Volk und Ausland zu vermitteln ist? Der eine Bewerber war zuvor aktuell praktizierender Ministerpräsident. Seine Bewerbung sehen die Oppositionsparteien nicht gerne, weil sie nach Investitur von Merkels Gnaden aussieht. Der Herr Wulff sollte es eigentlich werden, weil eine derartige Einsetzung dem Volk und dem Ausland vermitteln, wieviel Essig im einst edlen Verfassungströpfchen ist. Sie brachten daher Herrn Gauck ins Spiel, den Bürgerbewegten und Bürger Bewegenden Schrecken der kleinen und großen Saugnäpfe an den Tentakeln des Kraken Staatssicherheit der DDR. Gewönne er die Wahl, stünde auf dem Etikett „Moselschlecker“. Schlecken hin, schlecken her – das Tröpfchen käme nicht von der Mosel, sondern aus dem Weingut Berlichingen an der Aar. Und das kann man keinem anbieten, der lieber Moseltröpfchen schleckt. Eine Alibikandiatin ist auch noch da. Sie heißt Frau Jochimsen und ist nur deshalb aufgestellt worden, weil sie es nicht werden kann. Aber man kann ja mal so tun, als ob drei Kandiaten für das Etikettenbildchen fair miteinander im Wettbewerb stehen. So gesehen gibt es nur einen Präsidenten, dessen Wahl kein Etikettenschwindel wäre, und der heißt Wulff. Aber schön wäre das auch nicht.


Gastbeitrag: Als der Kapitalismus noch gutmütig war

Montag, Juni 21st, 2010

Als der Kapitalismus noch gutmütig war

von Holdger Platta

Oskar Negts merkwürdige Plaudereien über unsere Wirtschaftsordnung

Und ich lernte, wieso und weswegen / da ein Riß ist durch die Welt/und der bleibt zwischen uns, weil der Regen / von oben nach unten fällt (Bertolt Brecht)

Wenn man der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (HAZ) vom 3. Juni des Jahres glauben darf, hat der emeritierte Philosophieprofessor Oskar Negt anläßlich der Vorstellung seines neuen Buches „Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform“ im hannoverschen Pavillon einen überaus kapitalismuskritischen Satz von sich gegeben: der Kapitalismus besäße inzwischen keinerlei „Beißhemmung“ mehr. In der Regionalausgabe der HAZ, dem „Göttinger Tageblatt“ (GT) vom 5. Juni 2010 (dort auf Seite 29), diente diese Aussage des Wissenschaftlers aus Hannover sogar als Überschrift: „Der Kapitalismus hat seine Beißhemmung verloren“. Stimmt natürlich, möchten wir da spontan als Linke sagen. Endlich hat Oskar Negt, nach allzulanger und merkwürdiger Duz-Beziehung zu Gerhard Schröder, wieder zurückgefunden zu seinem früheren Antikapitalismus. Doch ist er das wirklich, dieser Satz: antikapitalistisch?

So sehr ich den klugen Oskar Negt schätze, so sehr ich anerkenne, daß er dem Kapitalismus mit dieser Formulierung jetzt wieder jene gefährliche „Bissigkeit“ zuschreibt, die der Kapitalismus auch tatsächlich besitzt: dieser scheinbar so kritische Satz des verdienten Sozialphilosophen aus Hannover ist dennoch bloßer Unfug und verharmlost den Kapitalismus gleich in mehrfacher Hinsicht. Diese Bewertung möchte ich zu begründen versuchen:

Was ist „Beißhemmung“ eigentlich?

Der Begriff „Beißhemmung“ unterstellt, daß der Kapitalismus eigentlich von sich aus keine aggressiven Tendenzen besäße oder zumindest sofortest aufgeben würde, wenn er nicht mehr auf Widerstand trifft. Und Negts These vom „Verlust“ dieser Beißhemmung heißt: daß es dieses Wundertier mit Namen „friedfertiger Kapitalismus“ tatsächlich einmal gegeben hat, ergo, den harmlosen, braven, den gutmütigen Kapitalismus. Doch beides ist, Verzeihung, Traumtänzerei! Seit eh und je agiert der Kapitalismus weltweit mit brutalster Rücksichtslosigkeit und mit ungeheurer Destruktivität, mit einer Zerstörungskraft, die selbst vor dem Leben von Kindern nicht haltmacht. Alle fünf Sekunden stirbt auf dieser Welt ein Kind den Hungertod, obwohl das Vielfache des Ernährungsbedarfes für alle Menschen auf diesem Erdball zur Verfügung steht. „Jedes Kind, das auf dieser Welt an Hunger stirbt, ist ein ermordetes Kind“, hat deswegen Jean Ziegler diese Verbrechen bewertet –, jener Mann also, der bei der UNO viele Jahre lang als Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung gearbeitet hat. Kurz: draußen in der Welt war der Kapitalismus schon immer alles andere als ein friedliebendes Tier. Doch das bedeutet im Blick auf Negts scheinkritische Beißhemmungs-Theorie: dieser Emeritus aus Hannover schaut mit seinem merkwürdigen Satz weder zutreffend auf die Geschichte des Kapitalismus zurück noch auf dessen furchtbares Agieren jenseits der Grenzen unseres Kontinents bis auf den heutigen Tag.

Doch selbst wenn man Oskar Negts Beißhemmungs-Theorie lediglich aus bundesdeutscher Perspektive betrachtet, ist seine Aussage vollkommen falsch. Keine Frage: es dürfte richtig sein, daß der Kapitalismus bei uns bis vor rund zwei Jahrzehnten noch nicht so richtig zuzuschlagen wagte – wieder zuzuschlagen wagte, sollte man zutreffenderweise formulieren, in Erinnerung nämlich an dessen Komplizenschaft mit dem Nationalsozialismus. Aber diese Friedlichkeit erklärt sich nicht daraus, daß der Kapitalismus von sich aus so friedlich gewesen wäre, sondern weil es damals noch eine andere Machtverteilung gab als in der Epoche jetzt. Nicht „Beißhemmung“ also, nein, bestenfalls höchst widerwillig getragener „Maulkorb“ erklärt die damalige – übrigens: durchaus nur relativ zu nennende – Friedlichkeit des Kapitalismus bei uns. Und wieso sah das vor gut zwei Jahrzehnten bei uns noch anders aus? Nun, dank stärkerer Gewerkschaften seinerzeit, dank einer Sozialdemokratie, die sich noch nicht eingeschworen hatte auf den Neoliberalismus der letzten beiden Jahrzehnte. Hinzukam, daß der Kapitalismus – bei uns in den Industrieländern jedenfalls – vor gut zwei Jahrzehnten auch noch nicht mit dieser Brutalität zuschlagen mußte, wie er es heute tut, und zwar einfach deshalb nicht, weil bis zu diesem Datum, in puncto Konjunktur, alles so einigermaßen gut gelaufen war. Da ist, bei gefülltem Bauch, leicht friedfertig sein! Das gilt sogar für gesättigte Raubtiere jedweder Art – auf die später noch einmal zurückzukommen sein wird.

Oskar Negt unterstellt dem Kapitalismus eine Friedlichkeit, die der Kapitalismus aus Systemgründen niemals besaß und aus Systemgründen auch niemals besitzen kann. Leider, es ist so: Oskar Negt will uns mit seiner Verlusttheorie zur angeblich vormals existenten „Beißhemmung“ des Kapitalismus einen weißen Rappen andrehen beziehungsweise ein Raubtier, das von Natur aus Vegetarier ist. Was in der Ethologie – in der Erforschung des Verhaltens bei Tieren – als „Beißhemmung“ bezeichnet wird, das Einstellen aggressiver Kampfhandlungen, wenn das unterlegene Tier Demut und Niederlage signalisiert, Wehrlosigkeit oder Unterwerfung, das ist genau das, was dem Kapitalismus prinzipiell fehlt und immer gefehlt hat. Und um bei dieser Mangelanzeige nicht stehenzubleiben: für den Kapitalismus ist sogar das genaue Gegenteil typisch – unvermeidbar aufgrund der ihm strukturell vorgegebenen Eigengesetzlichkeiten (ich nenne hier nur seine alles dominierende Profitorientierung und sein alles beherrschendes Konkurrenzprinzip). Je weniger Widerstand der Kapitalismus spürt, desto brutaler schlägt er zu. Je machtloser die Menschen sind, desto inhumaner beutet der Kapitalismus sie aus. Hat Oskar Negt das alles vergessen? Und wenn er bei der oben erwähnten Veranstaltung, dem Bericht der HAZ und des GT zufolge, zusätzlich noch den Satz geäußert hat: „Ohne Optimismus kann man nicht vernünftig denken“, dann kann man auch dieser törichten These lediglich eine andere und bessere entgegenhalten: „Nur ohne Beschönigungen hat man die Chance, die Welt realistisch zu sehen.“

Wieso ist auch der Ausdruck „Raubtierkapitalismus“ falsch?

Mir scheint: Oskar Negt hat seinen Realismus ausgetauscht gegen diese Beschönigungstendenz – weltvergessen und vergangenheitsvergessen zugleich. Sein scheinbar so kapitalismuskritischer Satz – ganz orientiert an den Exzessen dieser Weltwirtschaftsordnung jetzt – entlarvt sich bei genauerer Analyse zumindest als Freispruch für den angeblich braven Kapitalismus von einst oder sogar als Deklaration eines normalerweise friedlichen Kapitalismus an sich. Negts Metaphorik von der „Beißhemmung“, die sich ja aufs direkteste zurückbezieht auf den „Raubtierkapitalismus“, den vor einigen Jahren Ex-Kanzler Helmut Schmidt ins Gespräch brachte, ist so scheinkritisch, wie bereits Schmidts Vokabel scheinkritisch war. Was hier ebenfalls kurz erläutert werden soll.

Zunächst: in der Tat klingt ja auch Schmidts „Raubtierkapitalismus“ auf Anhieb ganz so, als wolle hier – mit dem Begriffszusatz „Raubtier“ – sogar ein Ex-Politiker der SPD nunmehr das wahre Wesen des „Kapitalismus“ entlarven. Aber sorry, Schmidt war und ist Sozialdemokrat, ergo kein Antikapitalist. Außerdem wäre „Raubtierkapitalismus“ dann so doppeltgemoppelt wie ein „Weißschimmel“ oder ein „fettleibiger Dickwanst“. Nein, Schmidt hat mit diesem Ausdruck etwas ganz anderes gemeint und angreifen wollen: nicht den Kapitalismus an sich, sondern das Ausrasten des gegenwärtigen Kapitalismus als Ausnahmezustand, die Brutalität des Kapitalismus als dessen Extrem- und Entstellungsvariante, die Destruktivität des Kapitalismus als atypischen Fall! Und damit hat auch Schmidt von seiner Seite aus die Sache Kapitalismus als per se destruktive Wirtschafts- und Gesellschaftsform wegformuliert aus der Debatte und zumindest indirekt suggeriert, daß normaler Kapitalismus in Wahrheit etwas viel besseres wäre, etwas durchaus Nettes und Positives, Regulierbares und Bezähmbares. Kurz: qualitative, substantielle Kritik am Kapitalismus wurde damit vom sozialdemokratischen Ex-Kanzler eben gerade nicht geübt, auch Strukturkritik nicht. Es war lediglich graduelle Kritik, Kritik an den ‚Übertreibungen’ des Kapitalismus, ganz so, als ob es einen Normalfall Kapitalismus geben könnte, einen Kapitalismus, der durchaus segensreich ist –; und Schmidt hatte seine Kritik so formuliert, daß typisch sozialdemokratischerweise seiner Ansicht nach ein bißchen Regulierung, ein bißchen mehr Staat, dem Kapitalismus schon wieder zu seiner eigentlichen Menschlichkeit zurückverhelfen würde.

Dieselbe Fantasie, dasselbe Wunschdenken, ist aber auch bei Negts „Beißhemmung“ am Werk: das Wunschbild von einem Kapitalismus, der doch eigentlich, seinem Wesen und seiner Struktur nach, überhaupt nicht böse sei. Das also ist für mich die brav-sozialdemokratische Gemeinsamkeit von Helmut Schmidts „Raubtierkapitalismus“ mit der „Beißhemmung“ von Negt. Ergo: wo bereits in der Begrifflichkeit des elder statesman aus Hamburg das eigentliche Wesen des Kapitalismus nicht als Raubtier, sondern als Kuschelkatze fantasiert worden ist, da geistert auch in Negts Metaphorik von der „Beißhemmung“ des Kapitalismus ein politökonomisches Verständnis im Kopf herum, das ebenfalls diesem Kapitalismus einen ‚von Natur aus’ guten und friedlichen Charakter zuspricht, das Bild von einem Kapitalismus, der sofort und mit Sicherheit innehalten würde, wenn er Schwäche spürt und keinen Widerstand mehr.

Doch leider: in Wirklichkeit ist das genaue Gegenteil richtig. Allein das dem Kapitalismus inhärente Konkurrenzprinzip sowie dessen systemunvermeidbare Gewinnorientierung verhindern diese Güte und Rücksichtnahme, dieses animalische Innehalten bei Aggression, das selbst die Raubtiere zeigen. Und ein homo politicus wie Negt, der die „Demokratie als Lebensform“ befördern will – siehe den Titel seines neuesten Buches! –, sollte das eigentlich wissen, er sollte das wissen wie wir und nicht mit verqueren Metaphern vergessen machen. Nein, Kollege Negt, der Kapitalismus hat nie eine „Beißhemmung“ besessen, die ihn zum Abbruch seiner Aggressionen zwang oder zwingt, wenn das Opfer wehrlos oder besiegt ist. Im Gegenteil: der Kapitalismus hat stets dann und gerade dann, wenn sein Gegner am Boden lag und sozusagen die Kehle zeigte, seine ganze bösartige Aggressivität an den Tag gelegt! Etwas netter formuliert: das relativ „gute Benehmen“ des Kapitalismus für einige Nachkriegsjahrzehnte bei uns war nie etwas anderes gewesen als Resultat seiner Hemmung von außen her, ergo bildlich gesprochen: das Ergebnis der Tatsache, daß es da, für einige bundesrepublikanische Jahrzehnte, so etwas wie eine „Gouvernante“ gab, die auf das einigermaßen sittsame Benehmen des Kapitalismus zu achten verstand. Und – merkwürdig genug! – im Grunde weiß dieses natürlich auch Oskar Negt selbst. Denn wenn man der Darstellung seines Auftritts in Hannover im „Göttinger Tageblatt“ glauben darf, äußerte er auf derselben Veranstaltung auch das Folgende noch: „Nach dem Mauerfall habe das Kapital seine Beißhemmung verloren.“ Sorry, aber das ist Widerlegung dieser Beißhemmungs-These sogar durch deren Urheber selbst: die Aggressivität des Kapitalismus war auch Negts Auffassung nach lediglich von außen her in Schach gehalten worden, nicht aber von einem im Kapitalismus-Innern selber angelegten Friedlichkeitsdrang, sie war in Schach gehalten worden von der Existenz solcher Nachkriegsrealitäten wie DDR und Warschauer Pakt, vor allem aber von der Existenz der Sowjetunion. Was zwischenbilanzierend heißt:

Man sollte dem Kapitalismus keine Friedfertigkeit zuschreiben, die er nie besessen hat – und dies im Kern sogar Oskar Negts eigener Einschätzung nach. Noch jede Safari in die Wildgehege der Kapitalismus-Vergangenheit zeigt dies, noch jede Safari heute – irgendwo draußen in der weiten Welt – führt uns dieses auf blutigste Weise vor Augen: der Kapitalismus war nie etwa anderes gewesen und kann nie etwas anderes sein als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln: des Krieges gegen die Menschen und gegen die Menschlichkeit!

Wen schont die „Beißhemmung“ des „Raubtierkapitalismus“ und wen nicht?

Aber es gibt noch einen allerletzten Punkt, der im Zusammenhang mit Negts „Beißhemmungs“-Theorie anzusprechen ist – ein Irrtum sozusagen hinter dem Irrtum. Ist Negts animalische Naturalisierungsmetapher bereits als solche falsch, so ist sie von ihm auch noch völlig falsch ausgelegt worden. Negt ist das Opfer eines Denkfehlers geworden, dessen Offenlegung die Sache noch schlechter macht, als sie jetzt bereits ist. Denn wem gilt die „Beißhemmung“ im Tierreich eigentlich? Der Nahrungsbeute oder dem Rivalen im eigenen Rudel? Rückübersetzt in unseren Zusammenhang: dem Klassengegner oder dem Klassenkumpan? Der lohnabhängigen Arbeitskraft oder dem Ausbeuterkollegen?

Die Antwort dürfte klar sein, einschränkungslos klar, was das Tierreich betrifft: natürlich greift die „Beißhemmung“ bei den Raubtieren nur, wenn es sich bei dem Gegner um den Rivalen aus dem eigenen Rudel handelt, um einen Artgenossen, der durch Demutsgesten seine Kampfaufgabe signalisiert. Vom fremden Beutetier aber läßt das Raubtier erst ab, wenn sein Hunger gestillt ist. Das bedeutet jedoch für unseren Zusammenhang: bis vor zwei, drei Jahrzehnten hat der Kapitalismus nur Frieden gehalten innerhalb der eigenen Reihen – so einigermaßen jedenfalls -, Frieden gegenüber dem Klassengegner aber aber gab es in Wirklichkeit nie. Nur im Binnenverhältnis mag es beim Kapitalismus so etwas wie relative Friedlichkeit gegeben haben, niemals aber gegenüber seinen Ausbeutungsobjekten. Was den Krieg gegen die Lohnabhängigen betrifft, tobt dieser Krieg des Kapitalismus seit ewigen Zeiten beziehungsweise von Anfang an. Lediglich die Schlachtfelder dieses Krieges wechselten oft ihren Schauplatz, waren mal vorrangig in England, Frankreich und Deutschland zu finden und mal in den Kolonien, mal in den Ländern der sogenannten Ersten und Zweiten Welt, mal vorrangig oder gleichbleibend in den sogenannten ‚Dritt’- und ‚Viert’ländern auf diesem Erdball. Und heute bzw. seit einigen Jahrzehnten? – Nun, je weniger die vormaligen Konjunkturherrlichkeiten aufrechterhalten werden konnten, desto stärker schlug die kapitalismustypische Brutalität auch in den Ursprungsländern des Kapitalismus zu. „Beißhemmung“ gab und gibt es gegenüber Beutetieren nie! Und Negts „Ende der Beißhemmung“ erweist sich im Lichte dieser Erkenntnis noch stärker als ideologischer Verharmlosungsquatsch. Mag hie und da auch zwischen den Kapitalfraktionen Kriegszustand herrschen, ein Ende der „Beißhemmung“ also auch zwischen den Angehörigen des eigenen Rudels, mag es vor allem so sein, daß die kleinen und kleinsten Unternehmen immer häufiger kaputtkonkurriert werden, mag das alles so sein – zeitweilig jedenfalls -: eine „Ende der Beißhemmung“ gegenüber dem Klassengegner gab es in Wirklichkeit nie. Sehr wohl aber gibt es seit Jahren Verschärfung des Kampfes gegen die Lohnabhängigen weltweit. Schlicht deshalb, weil der kapitalistische Mehrwert-Hunger gar nichs anderes erlaubt. Aus Renditesicht zählt der einzelne Mensch, der Lohnabhängige, gar nichts. Er gehört dem Rudel der Kapitaleigner nicht an, sondern hat als Beute deren Hunger zu stillen, bis diese satt sind. Und Ruhe gibt es für bestimmte Lohnabhängige nur dann, wenn das Rudel gerademal woanders seinen Hunger stillt. „Kehle“ zeigen hilft da gar nichts, sondern einzig und allein energischer Widerstand. Oder anders gesagt:

Wer sich da auf „Beißhemmungen“ des Kapitalismus verläßt, wird mit Sicherheit am Ende der „Gebissene“ sein. Einerseits weiß das auch ein Oskar Negt, doch andererseits weiß das ein Oskar Negt offenkundig auch nicht.

Der Regen kann nicht nach aufwärts / Weil ers plötzlich gut mit uns meint / Was er kann, das ist: er kann aufhörn / Nämlich dann, wenn die Sonne scheint

(Bertolt Brecht)