Archive for the ‘Rezension’ Category

Rezension Der Kampf um die Tiefsee

Sonntag, August 29th, 2010

Baumlose Wälder, wasserlose Meere, volle Konten

Gerade erst verstummt der Skandal um die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, da bringt der Verlag Hofmann und Campe in zweiter Ankündigung das Buch „Der Kampf um die Tiefsee“ heraus. Untertitel: Wettlauf um die Rohstoffe der Erde. Vefrfasserin: Saraqh Zierul. Ohne die Erdölschweinerei von BP („Deepwater Horizont“) könnten politikverdrossene Menschen und solche mit einer „Was geht mich das an“-Einstellung sagen, das Buch sei mal wieder so ein Unkenruf. Aber die Tatsachen beginnen das Buch zu überschwemmen. Sein Erscheinen war damit zwingend notig. Gefahr im Verzug. Eiliger Handlungsbedarf. Die Meere sind die letzte Schatzkammer der Schöpfung, weil der Mensch sich lieber auf dem Mond und unter der Vegetation der Regenwälder wie auch im Ewigen Eis herumtrieb als im Meer. Eine letzte Scheu hielt ihn ab, seine Begehrlichkeiten frei zu lassen. Jetzt sind sie alle soweit, technologisch betrachtet und und hinsichtlich der kriminellen Energie, die jetzt weitaus größer als als die letzten Hemmnungen von Skrupel, Moral, Ethik, Verantwortung. Die Rohstoffe an Land sind alle schon verteilt. Um die Rohstoffe im Meer ist der Startschuss zum Wettlauf gerade erst gefallen. An Land gibt es keine Fläche, die niemandem gehört, im Meer gibt es noch Exterritorialität. Das macht es so einfach und verlockend: Einfach hin und an sich reißen. Niemanden fragen zu müssen. Aber das kann und wird zu politischen Konflikten führen. Bei der Eroberung der festen Welt führte auch fast jeder Gebietsanspruch mitsamt dem dazugehörigen Rohstoffanspruch zu Krieg und zu Zerstörung von Lebensraum. Es gibt zwar auch Tiefseeforscher mit hehren Ansprüchen und hohen Idealen – Forschung, Humboldt, Wissen, Verstehen – aber auch für die Tiefsee gilt, dass es keine freie Forschung gibt. Krebsezähler am Meeresboden dürfen das nur dann unbeeinflusst tun, wenn sie nebenbei dem Ausrüstungssponsor ein paar Pröbchen von Manganknollen, Ölfeldern und ein bisschen noch von dies und das mitbringen. Die Forscher müssen nach Ansicht der Geldgeber gar nicht so genau wissen, wozu ihre Erfgebnisse dienen. Es sollte nicht immer nach den Ansichten der Geldgeber gehen. Die Ansichten der Autorin über die Kriegspotentiale aus dem Tiefseeraubbau sind etwas sehr verstreut und versteckt. Aber eine Karte liest sich wie eine Zusammenfassung: Wenn alle darin eingezeichneten untermeerischen Rohstofflagerstätten zu nicht-staatlichen militärischen Konflikten führen (umgangssprachlich auch „Krieg“ genannt), dann sind die Artenvielfalt der Meere und die Freiheit der friedlichen Schifffahrt und das globale Klima extrem gefährdet.

Das bestätigen aber auch andere Medienberichte.

Zeigt der Kompass bald nach Süden?“, hieß ein Beitrag auf der Webseite von n-tv. am 30. 6.2010 – zwei Tage, nachdem Sarah Zieruls Buch fertig war. Immerhin lässt sich nicht ausschließen, das metallische Erze und Magnetismus zusammenhängen und ein Abbau der Erze im Meer die Kompasse nervös macht. Oder Spiegel Online, 11. Juni 2010: „Forscher finden große Mengen Manganknollen“, und zwar irgendwo südlich von Los Angeles. Es waren dieselben Forscher, denen Sarah Zierul bei der Arbeit über die Schulter geschaut hatte, um ihre Reportage über den Tiefseeraubbau zu schreiben. Es drängt sich der Eindruck auf, das sich der Mensch in Bergbaukonzessionsinhaber und Umweltbearbeiter einteilen lässt. Die Umweltbearbeiter sind die, die für eine handvoll wertlosen Geldes mit einem Bagger oben auf einem Hügel stehen, unter sich alles wegbaggern und sich dann wundern, wenn der Bagger kippt und im Modder versackt. Früher, als es noch Bäume gab, sagte man: Der Mensch sägt den Ast ab, auf dem er sitzt. Genützt hat ihm schon das nicht.

Sarah Zierul

Der Kampf um die Tiefsee“

Hoffmann und Campe, Hamburg 2010

ISBN: 978-3-455-50169-8, 22,00 Euro

Rezension: Das Leben ist von zeitloser Eleganz

Freitag, Juni 18th, 2010

Rezension: Rheinsberger Träume

Montag, 07.Juni 2010

Das Leben ist von zeitloser Eleganz

Autor: Hannes Nagel

Halt mal ein, Du“, ruft eine Stimme zwischen den Zeilen von genau dem Buch, welches sich in den Händen des Rezensenten befindet, um gelesen zu werden. Der Rezensent gehorcht, obwohl er eigentlich niemals einem Befehl gehorcht, seit die Dressurversuche von Schule, Militär und Arbeitsamt eine umfassende Allergie gegen die Anmaßende Tonart jeglicher Form von Befehl und Weisung ausgelöst haben. Wer weiß, vielleicht hat die Stimme einen netten Akzent oder einen höflichen Klang. Jedenfalls gehorcht der Rezensent und hält mal ein. Das Buch präsentiert seinen Titel, „Rheinsberger Träume“ heißt es und fragt nachdrücklich: „Na? Rheinsberg? Klingelts?“. Leise läuten zwei Glöckchen.

Eine Finnhütte am See, rings herum Wald, eine Stubenfliege als Haustier, ein Waschbär als Gast und nette Menschen mit Ex-Berufen und Ex-Biographien in einer Ex-Zeit ist eigentlich schon alles, was in Knut Henßlers Buch vorkommt. Ünüberlesbar ist die Nähe zu Theodor Fontane. Aber die Nähe ist gewollt, wie auch die Nähe zu einer Vielzahl anderer Schriftsteller. Henßlers Buch ist sizusagen ein Assoziationsmedley mit gechickter Moderation. Reichhaltig wachsen Humor und Liebenswürdigkeit aus dem Text heraus wie Pilzen und Beeren in den Wäldern um Rheinsberg. Der Autor ist jemand, der Zeitgeschichte mit wachem Blick begleitet und erlebt hat. Ab und zu taucht er – und des Büchleins Hauptperson taucht mit ihm – in die Geschichte hinab. Wäre die Geschichte ein See, man erreichte den Grund, indem man wie in einem Märchenfilm durch die Oberfläche eines Glases Rotwein gleitet. Wie würden wohl Geschichtsdokumentationen im Fernsehen aussehen, wenn Guido Knopp durch das Glas in die Geschichte tauchte? Milder? Ausgeglichener? Fontanischer?

Rheinsberger Träume“ ist ein weises Buch, in welchem sich die Weisheit schüchtern eine Hand vor den Mund hält. Davon lasst uns alle träumen.

Kurt Henßler „Rheinsberger Träume“, Scheunen-Verlag ( www.scheunen-verlag.de ) , Kückenshagen 2010, rund acht Euro

Rezension: Die klagenden Geldbörsen des Mittelstandes

Montag, Juni 7th, 2010

Rezension: Hurra, wir dürfen zahlen

Montag, 07.Juni 2010

Die klagenden Geldbörsen des Mittelstands

Autor: Hannes Nagel

Hätte die Mittelschicht ein Schichtenbewusstsein wie früher die klassenbewussten Arbeiter, dann würde sie nicht ständig der FDP in die Hände spielen und ihre eigenen legitimen Interessen verraten. FDP und Co sagen sich nämlich, aber nicht ihrem Stimmvieh: „Wer die Interessen einer Minderheit durchsetzen will, muss die Emotionen der Mehrheit berühren“. Dann passiert planmässig das, was in einer Geschichte Bertolt Brechts ein Herr K. Erzählt: Wenn die Haifische Menschen wären ….. dann würden sich die kleinen Fische jubelnd mit Tschingtrara und Fahnen den Haien selbst zum Fraß anbieten. Sie hätten gar kein anderes Lebensziel mehr.

Aber das war Brecht, das war, als es noch Klassenbewusstsein gab. („Nichts hab ich jemals gemeinsam mit der Sache des Klassenfeinds“)

Der Vorspann war jetzt nötig, weil im Westend-Verlag Frankfurt am Main das Buch „Hurra, wir dürfen zahlen“ erschien und weil just zum Zeitpunkt des Schreibens Merkel, Westerwelle, Rösler, Schäuble und Komplizen überlegen, wo sie nun doch noch was einsparen können und wie sie es schaffen können, das man mit dem Sparen bei den kleinen Leuten beginnt. Es wird zwar auch ernsthaft erwogen, beim Militär zu sparen, aber ein Kabarettist merkte an, dass das Militär in Deutschland mangels Masse an Wert bald sowieso nichts mehr zu verteidigen hat, weshalb man es auch reduzieren könne.

Das der Betrug zu Lasten der kleinen Leuten funktioniert, liegt an der Werbung und ihren Methoden. Wenn man jemandem einredet, er sein der Größte, eine Führungskraft, ein Leistungsträger, ein Hochkaräter, dann misst er sich auch bald an Leuten, die so reich und mondän sind, dass sie über die restliche gesellschaftliche Entwicklung trägen Blickes gelangweilte Bemerkungen machen. Einseifen und kahl rasieren. Wer richtig reich ist, braucht sich auch darum nicht zu kümmern.

Gegen so etwas hilft eventuell ein Schichtenbewusstsein.

Ulrike Herrmaqnn „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschichts“, Westend-Verlag ( www.westendverlag.de ) , Frankfurt amm Main 2010, 17,00 Euro

Rezension: Paradies perdu

Donnerstag, April 15th, 2010

Rezension: Paradies perdu. Vom Ende des Schweizer Bankgeheimnisses

Freitag, 16. April 2010

Kollektives Schwarzfahren

Autor: Hannes Nagel

Seit geraumer Zeit schwinden die Hemmungen, welche bisher verhinderten, dass Wirtschaft, Politik und Recht mit dem obersten Attribut „kriminell“ assoziiert wurden. Die vor die Münder gehaltenen Blätter fallen, als wäre es Herbst, und es raunt und wispert, dass „die da oben“ alles Verbrecher sind. Staaten wurden früher als Strukturen gedacht, die eine Gesellschaft braucht, um ihr Zusammenleben zu organisieren. Heute gelten Staaten nicht mehr Gestalter von Politik zur Wahrung des gesellschaftlichen Wohls. Heute ist ein Staat ein Milieu, in welchem Kriminelle von der Bande „Politik“ mit den Kriminellen der Bande „Wirtschaft“ Geschäfte machen. Wenn es der jeweilige Vorteil verlangt, lässt man gerne mal Angehörige der jeweiligen anderen Bande über die Klinge springen. Fassungslos reibt sich das Volk die Augen, wenn es von den bösen Taten der Recht setzenden und Recht sprechenden Gauner liest, zum neuesten Beispiel in dem Buch „Paradies Perdu. Vom Ende des Schweizer Bankgeheimnisses“ von Lukas Hässig.

Die detaillierte Beschreibung der Gaunereien bei Banken, Bürgern und Behörden setzt mehr Wissen über Steuern und Geldanlagen voraus, als ein Inhaber eines Sparbuches haben kann, und auch mit nur einer dünnen Ahnung davon, dass Fiskus, Bank, Bürger und Betrug so eng zusammen gehören wie Wohnungstür und Namensschild möchte man manchmal alles alles „kollektives Schwarzfahren“ bezeichnen. Denn Fiskus, Strafbehörden und Gesetzgeber haben ja gerade die Lücken eingerichtet, die Steuerflüchtlinge und Anlageberater ausnutzen.

Inzwischen haben weltweit Banken ihre Kunden über die Klinge springen lassen, weil die Geldnot der Staaten so groß wurde, das der eine Gauner dem anderen nichts mehr durchgehen lassen konnte. Jetzt werden schon wieder viele Banken frech, indem sie sich an die Regierungen wenden und wie ein Hochstapler im Nobelrestaurant rufen: „Herr Ober, bringen Sie mal etwas Geld, ich möchte zahlen“. Noch etwas ergibt sich aus dem Buch: Es kommen immer nur die Dinge heraus, die herauskommen sollen. Wann immer also etwas „aufgedeckt“ wird, lohnt sich ein Blick darauf, wer da freigelegt wird. Und wem die Nacktheit nützt. In Hässigs Buch ist es ein betrogener Betrüger, der sich rächen will und daher den Behörden Tipps gibt. Moralisch ist auch der betrogene Betrüger nicht das ganz sauber. Der Eindruck, das im Bereich von Banken, Steuern, Tricksen, Reichtum oder wenigstens Vermögen irgendwie alle Dreck am Stecken haben, zieht sich durch das ganze Buch. Früher brachte man sein Geld zur Sparkasse und dachte, man habe dann Ersparnisse, wenn mal was ist. Wenn aber Banken gaunern, machen sie Sparer zum Mittäter. Warum Banken gaunern, erklärt das Buch nicht. Ist aber auch nicht nötig. Hat vor Jahrenden schon Bertolt Brecht gemacht.

Lukas Hässig, „Paradies Perdu. Vom Ende des Schweizer Bankgeheimnisses“, Hofmann und Campe ( www.hoca.de ) , Hamburg 2010, 22,00

Rezension: Die korrupte Republik

Dienstag, März 16th, 2010

Rezension: Die korrupte Republik

Dienstag, 16. März 2010

Durch und durch verlogen

Autor: Hannes Nagel

Durch und durch verlogen

Hans Martin Tillack hat ein ein Buch das Ausmaß des Korruptionsbefalls von Staat und Wirtschaft in Deutschland geschrieben. Schaut man sich die Titelüberschriften im Literaturverzeichnis an, hat man das Gefühl, das im ICE ausliegende Faltblatt „Ihr Zugbegleiter“ zu lesen. Es zeigt, wohin die Reise geht und welche Trends dem vertrauenden Volk am Wegesrande blühen. Die Reise geht in raschem Tempo weg von Anstand und Rechtmäßigkeit der Behörden, weg von ehrlichem kaufmännischen Betragen, hin zu einem Zustand, der sonst mit Geringschätzung Entwicklungs-und Ostblockländern zugeschrieben wurde.

Korruption ist ein Alltagsphänomen. Ihre Merkmale reichen von Machtmissbrauch zu persönlichem Vorteil bis zu einer allgemeinen Kommerzialisierung aller Bereiche des Lebens, damit möglichst jeder in ein System von Abhängigkeiten und Gefälligkeiten hinein gezogen ist. Sie verdirbt den Charakter oder lässt verdorbene Ansätze ungehemmt wuchern. Inzwischen können Politiker ungeniert zu weiterer Korruption aufrufen, oder wie ist der Ausspruch zu erklären: „Der linke Zeitgeist hält Geschäftemachen für fragwürdig. Die Gesellschaft muss sich dran gewöhnen, dass das künftig anders ist“ . Heißt das, vor dem Hintergrund des Buches von Hans Martin Tillack, dass die Gesellschaft sich an Korruption und Korrumpierbarkeit des gesamten Lebens gewöhnen muss? Eine grausliche Vorstellung. Wo sind „Die Unbestechlichen?“ Gibt es so etwas überhaupt noch? Wird die Weigerung zur Korruption Schritt für Schritt ausgemerzt? Durch „herrisches Auftreten des Staates gegenüber den Bürgern“? Das merkt man laut Tillack daran, dass auf die Forderung nach Transparenz sinngemäß kommt: Es herrscht genug Transparenz, wenn ein Beamter hinter verschlossenen Türen die Aktenvermerke eines anderen liest. (Die dann bestimmt – es würde nicht wundern – „nur für den Dienstgebrauch“ sind.

Sponsoring-Korruption. Drittmitteleinwerbung. Gelder werden oft nicht eingeworben, sondern erpresst. Behörden treten vor aller Augen strafrechtlich in Erscheinung und können nicht belangt werden. Das liegt vermutlich an dem Sprichwort mit den Krähen.

Nach der Lektüre des Buches hält man Politik als den höchsten Organisationsgrad krimineller Energien und Handlungen.

Ergänzung: Gut, das Bücher über solche und andere Zustände erscheinen dürfen, während diese Zustände noch andauern. Spätere Veröffentlichungen wirken oft so lasch.

Hans Martin Tillack, „Die korrupte Republik. Über die einträgliche Kungelei von Politik, Bürokratie und Wirtschaft“, Hofmann und Campe ( www.hoca.de ) , Hamburg 2009, 19,95 Euro

Rezension: Deutschland Dritter Klasse

Freitag, März 5th, 2010

Rezension: Deutschland dritter Klasse

Freitag, 05. März 2010

Vom Absturz des Klassenprimus in die Drittklassigkeit

Autor: Hannes Nagel

Vom Absturz des Klassenprimus in die Drittklassigkeit

Eigentlich hatten Karl Marx und andere die Existenz einer klassenlosen Gesellschaft angenommen. „Klassen sind….“ Pscht, jetze keine Definition aus PolÖk. Über die Zugehörigkeit zu einer Klasse entscheidet der Anteil am Wohlstand, der Existenzsicherung, der Annehmlichkeiten. Fast ist man geneigt, auch den Grad der Dekadenz als Klassenzugehörigkeitsmerkmal zu nennen, weil Guido WeWe diesen Stachel in den gesenkten Nacken der abgabengeplagten und belohnungsentwöhnten Gesellschaft gepiekst hat. Die klassische Klassengesellschaft war eine Gesellschaft, wo es eine Arbeiterklasse gab – man nannte sie Proletariat, was heute fast ein Schimpfwort ist, Du Proll, Du, verstehste, – und eine Ausbeuterklasse. Dazwischen gab es Bauern und kleine Krauter, wie ein heute ebenfalls verächtlicher Ausdruck sie nannte. Das waren Schichten, also nicht Fleisch noch Fisch. Das mit den Schichten ist wichtig, da kommt nach was nach.

Bei der Eisenbahn gab es seit der ersten regulären Personenbeförderungsverbindung ebenfalls Klassen. In der ersten Klasse saßen die Reisenden auf rotem Samt, das Abteil war gereinigt und der Schaffner riss sich den Arsch auf, um klassengerecht Kaffee, Baguette, Croissants, J.P.Chenet blanc und L.Mi.Do.A.A. zu servieren. Die zweite Klasse sass auf grünem Leder, wo man im Sommer mit dem Arsch auf der Bank festklebte, wegen der Hitze, und wenn man Lust auf Kaffee und so weiter hatte, riss man den Arsch von der Bank und ging zum Speisewagen. (Lange Schlange, viele Pöbeleien, Kaffee lauwarm und zu teuer: „Fahren Sie doch Erster Klasse, wenn et Sie nich passt“) Ganz zu Anfang gab es auch noch die Klasse, die mit Hühnern, Schweinen, Ziegen im Holzwagon reiste, das war die Dritte Klasse. Die konnten nicht mal bis zum Speisewagen gehen, um Wasser zu bekommen.

Der ICE Deutschland ist ein ICE mit erster, zweiter und dritter Klasse, und damit die Reisenden der Ersten Klasse es erfahren und die Reisenden der Zweiten Klasse sich nicht zu sicher führen, gibt es ein Buch: „Deutschland Dritter Klasse. Leben in der Unterschicht“ heißt es. Es erschien im Verlag Hofmann und Campe ( www.hoca.de ), Hamburg 2009. Verfasser: Julia Friedrichs, Eva Müller und Boris Baumholt.

Im Vorwort erklärt Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung, dass der abgestürzte Klassenprimus nicht verspottet werden darf, denn jahrelang konnte er sich an der Spitze halten. Das er abgestürzt ist, ist traurig, besonders für die Leidtragenden, aber es liegt nicht unbedingt nur am Klassenprimus selbst. Manchmal liegt es auch an den Lehrern, die den Primus fallen gelassen haben. Menschen in Deutschland führen ein Leben dritter Klasse. Es stimmt nicht, wenn behauptet wird, niemand müsse in diesem Land hungern. Hunger ist für viele monatliche Begleiterscheinung. Es berichten Betroffene. Wer den Lebensalltag von H4 kennt, weiß, dass kein Bericht über Hunger, Zahlungsunfähigkeit und barfuß im kalten Regen stehen übertrieben sind. Das ist Klassenalltag. In Deutschland. Einem Land, dessen Sozialsystem mal als Klassenprimus galt. Nur die Skandinavier waren ihm ebenbürtig.

Vielleicht ist es gut, dass die Autoren des Buches keine Empfehlung für Auswege abgeben. Denn dann kann das freie Denken von Vorurteilen frei zur Rückkehr der Menschenwürde führen.

Zeitgeist: Steilvorlagen und Missverständnisse

Freitag, März 5th, 2010

Freitag, 05. März. 2010

Autor: Hannes Nagel

Der Steilvorlagenlieferant und das Missvertständnis

Michael Lerchenberg ist widerfahren, was Kabarettisten zuweilen passiert: Das Publikum verwechselt die satirische Überspitzung mit der ihr zugrunde liegenden Steilvorlage, ohne die die Überspitzung nicht zustande gekommen wäre. Das Publikum, darunter teils auch prominente Personen, beanstandete folgende Spitze mit Bezug zu WW: „Alle Hartz-Vier-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein großer Stacheldraht – hamma scho moi ghabt. Dann gibt’s a Wassersuppen und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover, und überm Eingang steht in eisernen Lettern „Leistung muss sich wieder lohnen“. (zitiert nach Sueddeutsche.de)

Die getroffenen Hunde bellten nicht, weil der Grundgedanke der Satire stimmt, sondern weil die Satire eine Verunglimpfung der Opfer ist. Der damaligen Opfer, als ma ois scho gehabt ham. Gleichartige Täter darf man zwar vergleichen, aber Opfer nicht gleichsetzen. Das hat aber eigentlich auch keiner getan. Nur: Die fatale Ähnlichkeit der Haßtiraden gegen die Armen mit den fatalen Haßtiraden gegen die Juden ist nun einmal da. Wissend, dass es ein Tabu ist, Opfer zu verunglimpfen, benutzen die Täter heute die Opfer von damals als Schutzschild gegen die Opfer von heute. Haben Sie schon mal die Ähnlichkeit der Formulare zur Vermögenserfassung der Hartz Vierer mit den nationalsozialistischen Formularen zur Erfassung jüdischen Vermögens gesehen? Gehnse mal nach Berlin- Lichterfelde, da ist ein Archiv, nette Leute übrigens dort, wenn Se da mal inne Akten kieken, wern se sehen, dat dat stümmt, was Se hier lesen.

Also nun mal ohne satirische Übertreibung ein paar tatsächlich gefallene Äusserungen:

„Anstrengungsloser Wohlstand“„Wer arbeitet, soll mehr zum Leben haben, als wer nicht arbeitet“ „Leistung muss sich wieder lohnen“„Arbeitslose sollen Schnee schaufeln“„Wenn man in Deutschland schon dafür angegriffen wird, dass derjenige, der arbeitet, mehr haben muss als derjenige, der nicht arbeitet, dann ist das geistiger Sozialismus.“”Es scheint in Deutschland nur noch Bezieher von Steuergeld zu geben, aber niemanden, der das alles erarbeitet. Empfänger sind in aller Munde, doch die, die alles bezahlen, finden kaum Beachtung.“ Und nu noch ein bisschen Sarrazin: „Weg mit den Geldleistungen, vor allem in der Unterschicht“„Wie kann man es schaffen, dass nur diejenigen Kinder bekommen, die damit fertig werden?“„Hartz Vierer sind erstens mehr zu Hause, zweitens haben sie es gerne warm und drittens regulieren viele die Temperatur mit dem Fenster“

Soweit teils sinngemäße, teils wörtliche Zitate. Von WW und von Sarrazin. Alles Steilvorlagen, und nur zum Teil verwandelt. Machs noch mal, Herr Lerchenberg.

Kultur: Das Lachen blieb im Halse stecken – beim Derblecken

Mittwoch, März 3rd, 2010

Kultur

Donnerstag, 04.März 2010

Autor: Hannes Nagel

Das Lachen blieb im Halse stecken – beim derblecken

Gestern Fernsehen. Nockherberg. Sie wissen schon. Lachen kam lange nicht so richtig auf, un einmal blieb es richtig im Halse stecken, beim derblecken. Da ging es an einer Stelle um den unvermeidlichen Guido. Kennen Sie Guido? Na, also um den ging es einmal. Der Bruder Barnabas – das ist der, der vom Leder zieht – der watschte die Fdp-Bengels ab. Als er Dirk Niebel vom selbst abgeschafften Entwicklungshilfeministerium als „Afrikakorpsminister“ bezeichnete, sank die Temperatur wie im Saale, so auch vorm Bildschirm, um ein paar scharfe Grade runter. Als es dann so richtig frostig war, kam das, was eigentlich befreiend hätte sein sollen, aber das Publikum – ach, das Publikum, es konnte doch nicht wissen, was es bewirkte, als es FDP wählte. Aber Bruder Barnabas hat es ihnen gesagt: Die Arbeitslosen, hinter Stacheldraht, bei Wasser und Brot, und am Lagertor steht „Leistung muss sich wieder lohnen“.

Am Lagertor steht „Leistung muss sich wieder lohnen“. Buchenwald. Dachau. Lagertore. Leistung muss sich wieder lohnen. Mehr sog i net.

Rezension: Schachfiguren contra Schachspieler

Mittwoch, März 3rd, 2010

Rezension: Aufstand der Unterschicht


Mittwoch, 03. März 2010

Schachfiguren contra Schachspieler

Autor: Hannes Nagel

Schachfiguren contra Schachspieler

Trends sind wie viele Kräfte, die auf einen Körper wirken. Am Ende reagiert der Körper auf die so genannte resultierende Kraft, die das Ergebnis in Richtung und Größe aller Einzelkräfte und deren jeweilige Richtungen und Größen ist. Der resultierende Trend aller derzeitigen sozialen, ökonomischen und rechtlichen Trends, denen die Gesellschaft ausgesetzt ist, ahnt man dunkel. Die Hartz-Vier-Gesellschaft ist ein Simulationsmodell der zu erwartenden Kraftwirkungen.

Die meisten Trends sind unbehaglich, und unbehaglich ist auch das Buch „Der Aufstand der Unterschicht“ von Inge Kloepfer. Düstere Szenarien lassen ahnen, dass eine weitere Verschärfung von H4 keine rhetorische Kraftmeierei eines einzelnen jungen Mannes aus Berlin ist, dessen Beruf es zu sein scheint, kraftmeiernd auf sich aufmerksam zu machen, weil man ihn sonst übersehen würde, was vielleicht nicht das Schlechteste wäre. H4 kann und wird schlimmer werden, schlimmer und totaler, als man es sich bis jetzt überhaupt vorstellen kann. Falls es nicht zu einem Stopp der zerstörerischen Trends kommt. „Aufstand der Unterschicht“, steht auf der Titelseite von Inge Kloepfers Buch, aber es wird keine Revolution, Rebellion oder Reformation geplant oder konzipiert. Es wird auch nicht zu den Waffen gerufen, weil das Vaterland, das teure, in Gefahr ist, nämlich in Gefahr von Innen.

Während die sehr präzise Analyse der Trends: – Demographie, Bildung, Leistungsdenken, Kriminalität, Entwicklungsbedingungen von Persönlichkeiten – etwa 273 Seiten umfasst, kommen die Ideenanregungen mit vergleichsweise dünnen 20 Seiten aus. Das könnte ein Missverhältnis sein. Die schiefe Bahn der gesellschaftlichen Entwicklung wird durch die schiefe Bahn des Verhältnisses von Problem und Lösungsvorschlag abgebildet. Die Abbildung entspricht dem Vorbild. Das zeigt, dass sie Beobachtungen richtig sind. Wo aber, wie aber und wann denn findet der Aufstand statt, der die Machenschaften der Sozialstaatstäter ins leere laufen lässt? Abtropfen lässt von der schon zu Lebzeiten gegerbten Haut der Sozialstaatsopfer? Schmerz vergeht, Arsch besteht, sagt ein Sprichwort. Es sagt, auf die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland angewendet, dass „die da oben“ noch so lange auf „uns hier unten“ prügeln können, am Ende triumphieren die Schachfiguren über die Schachspieler. Und wenn die Schachspieler begreifen, dass die kleinen Schritte der Bauern auch mal den Schachspieler in den Hintern treten können, dann hat das Buch „Aufstand der Unterschichten“ sein Ziel erreicht. Ich wünsche es ihm.

nge Kloepfer, „Aufstand der Unterschicht. Was auf uns zukommt“, Hofmann und Campe, ( www.hoca.de ) Hamburg 2008, ISBN: 978-3-455-50052-3

Rezension: Allmähliche Revolution

Mittwoch, Februar 3rd, 2010

REZENSION: „Allmähliche Revolution“

Mittwoch, 03. Februar 2010

Von Marx und Hegel zu Hartz mit Menschenwürde

Vielleicht nützt es Herrn Koch oder Frau von der Leyen, Rainer Thiels Buch „Allmähliche Revolution“ zu lesen, bevor die eine von Arbeitsmarktreform spricht und der andere von Zwangsarbeit für Hartz-Vier-Opfer. Denn das Buch hat Tiefgang und ist dennoch in einen unterhaltsamen Stil gewandet. (www.thiel-dialektik.de) Rainer Thiel denkt quer zum angelernten gesellschaftlichen Schubladen-Wissen. Darum gelangt er am Ende seines Denkprozesses auf bislang unbeschrittenem Weg von Marx und Hegel zu Hartz Vier mit Menschenwürde (zur Zeit Utopie). Marx hatte das Ende der Arbeit voraus gesehen, was eigentlich gar nicht so schwer war. Mit dem Verschwinden der Arbeit ist aber auch die Menschenwürde verschwunden. Da fehlte wohl dem Kapitalismus die Folgenabschätzung, die er bis heute nicht gelernt hat: Erderwärmung, Abholzung von Wäldern, noch mehr Straßen und aller Orten wabert das Trugbild Wachstum, Wachstum, Wachstum. Wenn also keine Arbeitsplätze entstehen können, muss das Ziel politischer und auch gesellschaftlicher Tätigkeit in der Rückkehr der Menschenwürde bestehen. Genial. Lasst uns mal innehalten.

Der Querdenker Thiel geht von zwei Punkten los: von der philosophischen Vorstellung, dass aus Quantität eine neue Qualität entsteht. Mit eigenen Worten ausgedrückt ist diese Vorstellung in dem Vorgang der Entstehung von Braunkohle enthalten. Es bedarf einer ausreichenden Menge abgestorbener Pflanzenteile (Quantität), hohen Druck und zigtausende Jahre Zeit (Prozess) und dann auf einmal ist Braunkohle da. Hat einen viel höheren Heizwert als im Walde gesammelte Hölzgen (neue Qualität). Und dann nähert sich Thiel seinem Thema aus der Sicht des Sprachgebrauches und der Kommunikation. Verschiedene Gruppen von Menschen meinen mit ein und demselben Wort verschiedene Bedeutungen. Das ist die Grundlage von Meinungsvielfalt. Angehörige verschiedener Gruppen, zum Beispiel Bürger und Behördenvertreter, können zwar den gleichen Begriff benutzen, aber etwas völlig verschiedenes meinen. Fragen Sie mal ein Hartz-Vier-Opfer, was es unter Menschenwürde versteht, und dann einen Vertreter des Staates, am besten einen Juristen, denn das Land hat den Qualitätssprung vom Rechtsstaat zum Juristenstaat schon geschafft. Im Idealfall führt vielseitige Sprache dann auch zu vielfältigen Meinungen, diese zu Kommunikation und was hätten wir, wenn die Menschen sich verständigen würden, statt übereinander zu reden oder aneinander vorbei? Bildung, Kultur, „gelöste“ soziale Probleme – bis dann das nächste kommt, aber das ist normal. Nicht normal aber ist es, dass sich die Wirtschaft wissentlich neu verschuldet, Menschen gegen ihren Willen verschuldet werden, dass Armut zunimmt und die Mitglieder der Gesellschaft zu Pflichtabonnenten der Werbewirtschaft degradiert werden. Es ist nicht normal, wenn Menschen, die sich dieser Mühle entziehen wollen, dem Staat suspekt sind. Man kann nicht einerseits versuchen, sein Leben ohne Abhängigkeit von Transferleistungen des Staates zu gestalten und dann gezwungen werden, soziale Leistungen zu beanspruchen, um dann vom Staat drangsaliert und beschimpft zu werden, weil man Leistungsempfänger ist. Nun wissen Sie auch, wieso hier im Blog fast durchgehend von Hartz-Vier-Opfern die Rede ist. Unnormal ist es, wenn die Beteiligten alle so weitermachen wie bisher.

Obwohl: Eines Tages schlägt das um. Dann erreicht die Gesellschaft eine neue Qualität. Möge sie etwas geistreicher sein als derzeit.

Bis dahin lasset uns lachen. Über Koch und Co. und alle die.

Titel: Allmähliche Revolution Autor: Rainer Thiel www.thiel-dialektik.de ISBN: 978-3-897006-657-1 Preis: 22,00 Euro