REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt vom 1. Dezember 2016 ist fertig

Liebe Leserinnen, liebe Leser, im Alltag ist regional nichts von den Kriegen in der Welt zu spüren. Ab und zu erinnern Kondensstreifen von Militärflugzeugen und die damit verbundene Lärmkulisse an Syrien, Krieg, Flucht, Manöver, Terrorismus und elendes Sterben in erbärmlicher Not. Ansonsten aber spannen sich in Europa bildlich gesprochen immer noch Seidenhemden über Wohlstandsbäuchen. Anders als zwischen Spanischem Bürgerkrieg 1936 bis 39 und dem Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 45 gibt es durch Internetkommunikationsdienste Informationsmöglichkeiten für jeden, die damals bestenfalls von Wochenschauen, Fronturlaubern und Augenzeugen bedient werden konnten. Oder von Lokalspionagekräften. Die Quellen von damals und die von heute haben miteinander gemein, dass sie schwer überprüfbar sind. Durchaus interessante Interviews auf Youtube kann man nicht bewerten, wenn und weil man über die Personen nichts erfährt, die dort argumentieren. Auf Youtube vorgetragene Meinungen mögen ja interessant argumentiert sein, aber man sollte auch wissen, wer der Mensch ist, damit man den Einfluss von dessen Lebenserfahrung auf seine Bewertung der Dinge beurteilen kann. Das gehört zusammen. Sonst passieren solche Dinge wie eine versehentliche Veröffentlichung eines Artikels in einer rechtslastigen Zeitung. Es können ganz komische Missverständnisse auftreten, wenn man zum Beispiel campact mit compact verwechselt. Campact ist eine politische Gruppierung, die per Unterschriftensammlung online versucht, Volksentscheide herbei zu führen, und compact gilt als Zeitung, wo hoch gebildete Geisteswissenschaftler trotz aller Bildung rechtsbräunliche Gedanken publizieren. Dabei müsste es doch ganz einfach sein: Man misst an einem Text, welchen Wert die Menschlichkeit darin hat, und beurteilt dann das Gesagte. „Die Wahrheit muss man akzeptieren, egal aus welcher Quelle sie kommt“, meinte der Philosoph Maimonides. Dann aber muss sie auch jeder äußern dürfen ohne gleich bekämpft zu werden. Denn eine Bekämpfung von Meinungen kann niemals dem Ideal einer Meinungsvielfalt in der Gesellschaft dienen.

„Das Flugblatt“ für Dezember 2016 enthält folgende Beiträge:

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Aproposia: „Friedliches für die weite Welt“

Feuilleton-Rezension: „Schmutzige Demokratie“

Feuilleton-Rezension: „Das getäuschte Gedächtnis“

Feuilleton-Zeitgeist: „Bundeswehr fängt Kanonenfutter mit Youtube“

Feuilleton-Kulturbetriebliches: „Quatsch mit mir“

Baron von Feder: „Wenn Geschichten auf der Straße liegen“

 

Ich wünsche Ihnen allen einen friedlichen Advent und ein kreatives 2017

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BARON VON FEDER: Das Netz

BARON VON FEDER

Das Netz
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Ein Netz ist etwas zum Fangen und Tragen oder ein Bündnis von Knoten. In der Zoologie sind Spinnen als Netzbenutzer bekannt. Sie nutzen Netze zum festhalten lebender Mitglieder der Schöpfung. Die eingenetzten Wesen werden verspeist. Wenn Menschen mittels Netzen Mitglieder der Schöpfung festhalten, so dient das entweder der Ernährung oder der Forschung. Wenn Menschennetze Fische fangen, so dient dies der Ernährung. Wenn Menschennetze Vögel fangen, so dient dies der Forschung. Die Vögel werden kontrolliert, ob sie einen Ring am Fuß haben. Wenn sie einen haben, werden die Merkmale Körpergröße, Gewicht, Ringnummer und auffallende Besonderheiten erkennungsdienstlich behandelt. Manchmal stellen die Menschen fest, dass eine aufgefundene Ringnummer schon einmal im Netz war. Dann vergleichen sie Ort und Datum beider Netzfesthaltungen miteinander. In solchen Momenten nennen Menschen ihr Tun Netzwerk. Dabei ist ein Netz nur eine Verbindung mehrerer Knoten miteinander. Knoten auf nur einer Schnur sind noch kein Netz. Aus einer Schnur wird erst dann ein Netz, wenn sie eine Fläche wird. Aber nicht jedes Netz ist flächendeckend groß. Zwischen vier verbundenen Knoten einer Fläche ist ein Freiraum. Der Freiraum heißt auch Masche. Im Idealfall kann man durch sie aus dem Netz entkommen. Wenn man eine Masche gefunden hat, mit der man einem Netz entgehen kann, ist man bisweilen nur in einem anderen Netz gelandet. Netze sind Konkurrenten, die einander das Fanggut streitig machen. Auf solche Ideen können auch nur Menschen kommen. Nie würden Spinnen Spinnen fangen. Menschen können aber auch merken, dass sie sich in ihren Netzen verheddern. Dann sinnen sie auf Abhilfe. Die Hilfe ist naheliegend. Das Fanggut muss sich nur zu einem Bündnis verknoten.

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FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES: „Quatsch mit mir“

FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES

„Quatsch mit mir“

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Julia Kilian scheint von sich selber überrascht zu sein. Jedenfalls liest sich die Ankündigung einer Ausstellungseröffnung im „Atelier Tageswerk“ in Neustrelitz so, als ob sie von der morgendlichen Zeitungslektüre beim Frühstück gerade erst erfahren hat, dass sie, Julia Kilian, am 5. November 2016, Farben auf Stoff und Leinwand in der Begleitung von Musik von Phillip Nespital vorführt und wirken lässt. Tatsächlich ist die Neustrelitzer Vernissage im Moment noch kein Auftakt zu einer Ausstellungsreihe, sagt Kunsttherapeutin Julia Kilian. Sie habe zwar weitere Ausstellungen im Visier, denn Kunst will wahrgenommen werden, aber noch sei die Zukunft relativ vage. Julia Kilian arbeitet hauptberuflich in einem Berliner Krankenhaus. Als Kunsttherapeutin ist es ihre Berufung, mit Patienten zu arbeiten, denen es aufgrund ihrer Erkrankung leichter fällt, ihre Gefühle über die Kunst auszudrücken. „Wo Worte fehlen, sprechen Bilder“, bringt es Julia Kilian auf den Punkt. Auf ihrer Webseite „colorima.de“ macht sie unmißverständlich klar, wie wichtig ihr der Kontakt zu Menschen über die Kunst ist – sowohl für sich selber wie auch für die Menschen, die sich über die Kunsttherapie öffnen können. „Colorima“ ist übrigens ein zusammengesetztes Kunstwort aus Colorit (für Farbumfeld) und Imagination (für Vorstellung und Fantasie.) Und wenn die Fantasie angeregt ist, kommt irgendwie auch Kommunikation zustande. Denn ein bisschen was geht immer.

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FEUILLETON-ZEITGEIST: Bundeswehr fängt Kanonenfutter mit Youtube

Feuilleton-Zeitgeist

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„Bundeswehr fängt Kanonenfutter mit Youtube“

 Die Wegzeichen der Zeit werden auf Krieg umgestellt. Manöver finden statt, beim Katastrophenschutz schleicht sich die Bezeichnung Zivilverteidigung ein, die damals in der DDR üblich war, in Syrien werden die ungeahnten Möglichkeiten des hybriden Krieges für Mord und Profit ausprobiert, und das Verteidigungsministerium teilte im Oktober mit, dass die Bekämpfung von Computern mit Computern nun auch in die Ausbildungsphase der „Cyberkrieger“ übergehen könne. Cyberwar bedeutet, dass militärische Einheiten eines Landes mit sonst üblichen Ganovenmethoden von Hackern in Computersysteme eines andern Staates eindringen. Wenn man sich unerkannt in fremden Netzen tummelt, kann man zum Beispiel ferngesteuert die gesamte vernetzte Technik eines Krankenhauses übernehmen – von der Telefonanlage über die Aufzüge bis hin Aufnahme von Daten und Patienten in der Notaufnahme, der Intensivstation oder in Operationsraum. Man kann aber auch den gesamten Straßenverkehr lahmlegen, in dem man die Steuerung von Ampelanlagen übernimmt oder dasselbe im Schienenverkehr tut, indem man die Fahrpläne und Signale völlig durcheinander bringt. Das alles ist Cyberwar, der noch eine Steigerung kennt: Wenn nämlich die Störung der elektronischen Infrastruktur der vernetzten Computer keine Aussicht auf den Endsieg bietet, nimmt man noch eben die eigenen herkömmlichen Waffensysteme oder auch Drohnen und „schlägt mit der Faust auf den Tisch“. Wenn sich die Cyberkrieger behackern, wird man nicht viel mitbekommen, solange die eigenen Strukturen unangetastet bleiben. Vielleicht lässt man sie unangetastet, damit keiner etwas merkt. Das kann sehr wahrscheinlich sein. In jedem Fall braucht die Bundeswehr Leute, die derlei Aufgaben erledigen können. Das ist schwierig in einer Zeit, in der längst nicht so viele junge Leute wie vom Staat gewünscht trotz Lehrstellenmangels „zum Bund gehen“, um dort ein „attraktives Bildungsangebot“ zu bekommen. „Lerne Deine Grenzen kennen“, heißt ein Programm, ein anderes schlicht „Ja. Dienen“ – und am erste November starteted eine Videoserie der Bundeswehr auf der Internet-Videoplattform „Youtub“ mit dem Titel „Die Rekruten“. Acht Millionen Euro sollen eine Handvoll Filme über 12 Leute kosten, die in die Marineschule Parow bei zwischen Stralsund und Barhöft eine militärische Grundausbildung in der Länge von 12 Wochen absolvieren. Acht Millionen Euro, von denen der gebührenfinanzierte Sender ARD auf seiner Webseite fragte, ob das keine Geldverschwendung sei. An den bishewr gezeigten Folgen gab es im Grunde nichts auszusetzen – wenn man die Gattung Propagandafilm als eigenständiges Merkmal anerkennt. Die Kameraführung ist genau so chaotisch wie die Reihenfolge der einezlnen Folgen, bei denen keine Überleitung zur nächsten Folge erkennbar ist. Propagandafilme der DDR waren zwar auch keine lobenswerten dokumentaristischen Leistungen, aber immerhin konnte man Wissenswertes aus dem gezeigten Bildmaterial ableiten. Diese Sendung hier scheint bislang einfach nur Unsinn zu sein. Sie ist so unsinnig, dass man ihr nicht einmal vorwerfen kann, sie habe ihr Ziel verfehlt, weil sie ihr Ziel gar nicht nennt. Was die Webserie zeigt, hat mit der wahrnehmbaren Realität nichts zu tun. (Siehe Einleitung). Weil sie alles weglässt, was an Wissen und Zusammenhänge denken lässt, scheint sie sich an Menschen zu richten, deren Lebenserfahrung noch keine kritischen Vergleiche erlaubt. Die Serie wendet sich also hauptsächlich an Kinder, deren Berufsorientierung kräftig manipuliert werden soll. Nimmt man dies als Zielsetzung an, erscheint der ganze filmische Unsinn plötzlich logisch. Nämlich Ideo-Logisch.

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BARON VON FEDER: Wenn Geschichten auf der Straße liegen

BARON VON FEDER

Wenn Geschichten auf der Straße liegen

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Jeder einzelne Tag besteht aus einer Vielzahl von Geschichten. Jeder erlebt welche und viele glauben an die Kompetenz, die Geschichten zu bewerten, um die Schicksalsfrage „Verbreitung oder Schublade“ zu entscheiden. An sich erzählt jedes Leben eine Geschichte. Mal ist es eine Geschichte von Einsamkeit, mal eine von enttäuschten Hoffnungen, mal eine von gelungener Karriere bei gleichzeitig misslungener Liebe. Mal erzählt ein Leben vom Gestaltungswillen der Lebensbedingungen des Lebenden, mal erzählt es von der Übermacht der Zwänge, die den eigenen Gestaltungsspielraum beengen. Viele Lebensgeschichten werden gar nicht wahrgenommen. Manche Leben wollen aber wahrgenommen werden. Um diese Geschichten soll es gehen. Geschichten und Geschichten erzählen kann man sammeln und aufschreiben wie seinerzeit die Herren Grimm, die als Märchensammler und Erzähler in der deutschen Literaturgeschichte ihren dauerhaften Platz haben.

Manche Geschichten möchte man gar nicht kennen, manche sollte man kennen, an manche erinnert man sich, und jede Geschichte könnte eigentlich ihren Hörer finden, wenn Erzähler, auftretende Person und mögliche Zuhörer zusammen kommen. Um sich zu finden, braucht man Gelegenheiten: Lesungen, Quasselabende oder die Suche nach Menschen, deren Erfahrungen mit einer konkreten ähnlichen Situation helfen können. Auch weltbewegende Geschichten können ihren Ursprung in dem Augenblick einer Beobachtung haben. Die Dauer eines Wimpernschlags kann die Länge einer abendfüllenden Geschichte erreichen. Einmal malte ein kleines Kind beim Eisessen irgendwas aufs Papier. „Kuck mal“, sprach das Kind zu der es begleitenden weiblichen Persönlichkeit, ich hab de Mann da gemalt.“ „Aber so sieht der Mann doch gar nicht aus“, sagte die begleitende Persönlichkeit. „Doch“, beharrte das Kind. „Aber von innen“. Die von dem Kind gemalte Innenseite des Mannes sah aus wie das Blatt einer Buche. Sowas kann man nicht ersinnen. Solches erlebt man in echt auf der Straße. Und fast alles andere auch.

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FEUILLETON-REZENSION: Schmutzige Demokratie. Ausgehöhlt Ausgenutzt Ausgelöscht

Rezension „Schmutzige Demokratie“

„Wenn Ideale zum Kotzen sind“

Irgendwann schwanken alle Heilsversprechen. Es schwankt die Marktwirtschaft, die viele meinten, wenn sie Demokratie und De-Mark sagten. Das war zwischen 1949 und 1989. Die Marktwirtschaft schwankt unter dem Marschtritt der neoliberalen Kapitalkohorten. Es schwankt der Glaube an die Demokratie, weil der Glaube an den Rechtsstaat durch das für Recht befundene dauerhafte Ausharren in Armut, Minilohn und Lohnersatzleistungsabhängigkeit abgelöst wurde. Es schwankt das Vertrauen in die Privatheit des Privaten, weil Arbeitsämter mit Zoll, Sparkasse und Finanzamt fröhlich Daten abgleichen, um aus unterschiedlichen Angaben über Einnahmen den Versuch abzuleiten, dass die auszuquetschenden Zitronen sich der gesetzlichen Fruchtpresse entziehen. Dabei ist doch völlig klar, dass ein ganzjahreszeitraum für das Finanzamt im Idealfall höhere Zahlungen ausweist als ein halbjahreszeitraum für das Arbeitsamt über eventuelle Zuverdienste. Sachverhalte werden nicht mehr geklärt, sondern als Gesetzverstoß deklariert und mit dem Entzug des Existenzminimums bestraft.

Das alles findet der Journalist und Buchautor Jürgen Roth zum Kotzen und schrieb gerade das Buch „Schmutzige Demokratie“. Es beginnt mit einer Kotztirade. Der Autor leitet mehrere aufeinander folgende Sinnabschnitte mit einander ähnelnden Formulierungen ein. Das klingt so:
Ich ertrage nicht…
Ich weigere mich…
Mir wird speiübel…
Ich kann die Lügen nicht mehr hören…
Ich will nicht schwermütig werden…

Das Buch ist aber genau das: eine penible Auflistung von undemokratischen Politikern, von Elitenformung und Verschwörungstheoretikern, von offenem nationalistischen Gesellschaftsidealen und eine lähmende Ohnmacht aller anderen, die nachher wegen der Kriegsvorbereitungen leiden müssen. Dabei wäre es so einfach, die Migration als Mittel zur Bewahrung des Friedens und der Schaffung sozialer Gerechtigkeit zu betrachten. Aber am Ende bleibt auch dieses Buch im Stadium eines Aufrufs stehen. Unter Aufruf verstehen viele heute, es reiche, eine Unterschrift unter eine Petition zu setzen. Aber es gibt da noch die Mühen der Ebenen. Niemand weiß, wieviel Zeit noch ist, aber es scheint die Ahnung zu knospen, das Politik und Gesellschaft es jetzt und sofort mit Kultur, Bildung und Geist probieren sollten. Sonst wird es unmöglich, Rassisten selbst in der Europäischen Union auf den Status „wirkungsloser Schreihals“ zurückzuführen. NATO, CETA, FPÖ, AfD und Bayern – man sieht schon in der ganzen Welt die Neolieralen feiern.

(Jürgen Roth, „Schmutzige Demokratie“, ecowin, Salzburg 2016)

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TAGESBEMERKUNG: CETA Pfoten weg von Geist, Bildung und Kultur

Tagesbemerkung
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Am 30. Oktober 2016 haben die Europäische Union und Kanada das Freihandelsabkommen CETA unterzeichnet. Fehlt nur noch TTIP und die Welt ist endgültig aufgeteilt.

Ich weiß nicht, was CETA für Folgen hat. Ich weiß nicht, ob wir hier unten das, was wir demnächst spüren wereden, als Folge von CETA nachweisen können. Ich weiß nicht, an welchen Zeichen wir den Einfluß von CETA auf unser Leben erkennen können. Aber mir schmeckt kein Essen mehr wegen der Monsantierung. Ich fürchte die restlose Privatisierung von Natur, Wasser und Luft. Ich fürchte das Ende der verbliebenden Privatheit. Ich ahne, dass wir unser eigenes Leben erst dann wieder in die eigenen Hände nehmen können, wenn wir dem Geist, der Bildung und der Kultur Freiräume vor der unsittlichen Antastbarkeit durch die neoliberale Diktatur des Kapitals verschaffen.

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FEUILLETON-REZENSION: Das trügerische Gedächtnis

Rezension „Das trügerische Gedächtnis“

„Wegen Erinnerungsfehlern kein Lernen aus der Geschichte“

Als kleiner Junge hatte ich manchmal das Gefühl, ich könnte meinen Gedankenblitzen beim Tanzen und Hüpfen zuschauen. Ich fand das faszinierend und fragte die Menschen in meiner Umgebung, ob es ihnen bei sich selbst auch so gehe. Die Reaktionen auf meine Fragen waren für mich befremdlich. Sie sagten nicht, aber sie kuckten mich immer komisch an. Mit sooo einem Blick, von dem ich ohne jegliche Erfahrungsgrundlage annahm, er würde nichts Gutes bedeuten. „Nichts Gutes“ war bei mir damals fast gleichbedeutend mit „Gefahr.“ Ich bemerkte, dass die Umgebung manchmal mit einander tuschelte, aber schwieg, wenn ich dazu kam und fragte: „Wovon redet Ihr?“. Ich hielt es daraufhin für ein Mittel der Eigensicherung in einer unbekannten Situation, wenn ich mich mit Fragen auf Gelesenes bezog. Wenn jemals einer überprüft hätte, wieviel Bücher ich auf Grundlage der Floskel „Ich hab mal gelesen“ schon hätte gelesen haben müssen, als ich mit dem Lesen meiner ersten Bücher anfing, hätte da ein unlogischer Widerspruch auffallen müssen. Aber aus „Ich hab mal gelesen“ und „Ich hab wirklich mal gelesen“ sammelten sich dann Scherben, Bruchstücke, Fetzen und Ähnliches an, die insgesamt wie unvollständige angefangene Antworten aussahen. Ich dachte mir, eines tages werden die Bilder vielleicht vollständig zusammengesetzt sein, und dann hätte ich die Antworten. Aber davon bin ich immer noch weit entfernt. Ständig kam mir das Leben dazwischen. Seit 2010 etwa befinden sich im Lektürestapel öfter mal Aufsätze von Hirnforschern oder Rezensionen von Aufsätzen von Hirnforschern. Rezensionen wissenschaftlicher Aufsätze müssen wohl sein, um die wissenschaftlichen Aufsätze verstehen zu können. Ich hab aus diesem Lektürestapel gelesen, dass sich nun auf einmal Leute mit meinen Fragen über Gedankenblitze befassten, die mich, als ich ein kleiner Junge war, immer so komisch angekuckt hatten, wenn ich mal was fragte. Im Oktober 2016 kam „Das trügerische Gedächtnis“ von Julia Shaw in meinen Lektürestapel. Das Buch muss so sehr begehrt sein, dass der Carl Hanser Verlag in München kein Rezensionsexemplar mehr übrig hatte. Aber sie hatten noch die Druckfahnen im Regal. Die Rezension des Textes erfolgt also auf der Basis der Rohfassung.Das Buch scheint nicht ganz genau zu wissen, ob es lieber von populärinteressierte Lesern verschlungen werden möchte oder doch lieber als elitäre Fachliteratur für Neurologen, Hirnforscher und Biochemiker gelten wollte. Es hätte ein richtig gutes Buch werden können, wenn es von Johannes Mario Simmel geschrieben worden wäre. Aber Simmel schreibt nicht mehr. Und Julia Shaw ist dem Ausdruck nach geschätzte 30 Lenze. Sie ist forensische Psychologin und erwähnt mehrfach, sie habe es vermocht, Menschen Erinnerungen an von ihnen nicht begangene Straftaten zu suggerieren. Wahrscheinlich war dies die Information, die mich hellhörig werden ließ. Wer Menschen einreden kann, sie hätten eine Straftat begangen, kann sie auch zu einem juristisch völlig unangreifbaren Geständnis bringen, ohne sie dafür foltern zu müssen. Ich bin bedeutend älter als Frau Shaw. Wenn ein Historiker ein Mensch ist, der sich erinnert, dann bin ich so gesehen ein Historiker. Und mich bewegt schon seit Jahrzehnten die Frage, warum die Menschheit insbesondere in der Entscheidungssituation „Krieg oder Frieden“ nicht aus der Geschichte lernt. Und wenn man ein Gedächtnis so manipulieren kann, dann interessiert mich die Missbrauchsgefahr der Gedächtnisforschung in hohem Maße.

Beim ersten Lesen stößt man auf unerwartet auf oberflächliche Modeausdrück der Autorin. Im Vorwort, worin Autoren üblicherweise erklären, warum sie meinen, den Lesern etwas mitteilen zu müssen, will Frau Shaw sich entschuldigen, dass die Behandlung des Stoffes zum Teil am Thema vorbei geht, aber dennoch auf seine Art spannend ist. „Ich kann Ihnen zwar nicht versprechen, das wissenschaftliche Gesamtbild einzufangen, aber ich hoffe, einen Frageprozeß einzuleiten.“ Natürlich kann sie das nicht versprechen. Es wäre auch sehr anmaßend, dieses Versprechen abzugeben. Seit tausenden Jahren können denkende Menschen nicht das wissenschaftliche Gesamtbild einfangen, das ihres Stoffes Thema ist. Weiter schreibt sie am Anfang der Einleitung noch: „Man kann selbst über die größten Errungenschaften der Menschheit in verständlicher Sprache berichten“. Aber sie tut es nicht. Denn schon der nächste Satz heißt: „Der Frageprozess nagt an uns, seit wir gelernt haben, die Geste der Introspektion zu nutzen.“ Da wird man schon am Anfang eines Buches genötigt, das Buch wegzulegen und sich ein Wörterbuch zu holen, um zu erkunden, was eine Introspektion sein könnte. Die Autorin erklärt das nicht. Selbstbeobachtung klingt wahrscheinlich zu unwichtig. Einige Male benutzt sie ausgerechnet das Wort Facebook , um eine Metapher auf Algorhitmus zu finden. Das ist so ähnlich wie die Nutzung des Wortes Monsanto für verantwortungsvolle Lebensmittelerzeugung. Aber nach einem Drittel des Gesamtbuches sind die Anfangsschwierigkeiten überwunden. Von einer lobenswert großen Beobachtungsvielfalt aus beschreibt Frau Shaw, wie das Gedächtnis funktioniert sowie auch die Vielfalt der Faktoren, die auf Erinnerungen negativ einwirken. Der Witz ist der, dass ausgerechnet juristische oder kriminalistische Befragungen und Verhöre sowie als Krönung beider auch geheimdienstliche und behördliche Befragungen alle Forschungsergebnisse über Erinnern, Erinnerungsbedingungen und Erinnerungsfehler ignorieren. Wenn nun einmal wissenschaftlich anerkannt ist, dass Erinnerungsfehler natürlich sind und auf Druck keine Erinnerungen abrufbar sind, so kann man nicht Irrtümer als Lügen bezeichnen. Es gibt keine Lügen und es gibt keine Antworten auff die Frage, warum man sich bei mehrfachem Wiedergeben von Ereignissen mal an dies zuerst erinnert, mal an jenes. Nur eines scheint sicher: Wenn Erinnerungen wiederkommen, so kommen sie genauso zuverläassig wieder wie die Erde nach dem Winter wieder auf die sommernahen Lichtverhältnisse ihrer Umlaufbahn ankommt.

(Julia Shaw, „Das trügerische Gedächtnis“, Carl Hanser Verlag, München 2016)

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BARON VON FEDER: Angesichts leerer Kassen

BARON VON FEDER

Angesichts leerer Kassen

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Angesichts leerer Kassen wird jede Rechnung zum Hohn. Der GEZ kann man in Folge der nahezu gleich unverschämt hohen Fernsehgebühren im Prinzip auch einen Dauerauftrag als Zahlungsmethode auflegen. Wenn aber ein Internetunternehmen für Speicherung und Betrieb von Webseiten die freie Auswahl der Zahlungsmethode für Kunden einschränkt, so grenzt das an Nötigung und bei fehlender Deckung des Buchungskontos wie Hohn. Wenn jemand eine Rechnung stellt, so hat er dem Zahler auch die Möglichkeit zu geben, notfalls bei Fälligkeit das Geld zunächst fristgemäß auftreiben zu können, bevor es abgebucht wird. Abbuchen ohne Vorwarnung und ohne Reaktionszeit hehört nicht zu den guten Sitten. Denn man kann ja bei variablen Rechnungsbeträgen zu Recht beanspruchen, die Rechnung auf Richtigkeit zu prüfen, bevor sie gezahlt wird. Die hierzu benötigte Prüfungszeit ist zu akzeptieren.

Angesichts leerer Kassen ist die Forderungsmoral sittenwidriger als die Zahlungsmoral. In nahezu allen Fällen sind Zahlungsgeber willig, berechtigte Forderungen zu zahlen. Sie möchten aber mit Zahlungsterminen und Zahlungsarten eine zuverlässige Geschäftsablaufbasis haben. Das Vertrauen aber zerstören einzig solche Zahlungsempfänger, die zu früh oder zu tief in die Taschen der Zahler greifen.

Angesichts leerer Kassen scheint die Erzeugung von Furcht vor Zahlungsschwierigkeiten und den einschlägigen traumatischen Folgen der tiefere Sinn der Zwangsbeglückung mit Abbuchungsverfahren zu sein. Wer einmal Opfer einer unrechten Zwangsvollstreckung in Tateinheit mit Mandantenverrat seitens des hinzugezogenen Anwalts war, leidet noch lange Zeit nach dem Vorfall unter möglichen posttraumatischen Belastungsstörungen. Wenn das Herz rast und die Bettwäsche aus Angst vor den erneuten Schikanen naß geschwitzt ist, dann sind Belastungsrechnungen bei gleichzeitigem Entzug der Zahlungsmöglichkeiten lebenszeitverkürzende Akte von Körperverletzungen. Aber auch von Verletzungen der Seele.

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TAGESBEMERKUNGEN: Süddeutsche Zeitung belästigt Online-Leser

Seit geraumer Zeit folgt die Süddeutsche Zeitung dem Trend, unwichtige Artikel lesbar zu halten, interessante hingegen nür gegen Zahlung eines Lösegeldes lesbar zu machen. SZ Plus nennt sich das, und heute toppte die SZ ihre Erpressungsversuche damit,  dass sie die komplette Seite wegen  des Vorwurfs der Verwendung von Adblockern auf nicht lesbar schaltet. Das Perverse an dieser Handlung ist, dass sogar Lesern ohne Adblockern vorgeworgen wird, adblocker zu verwenden. Natürlich können diese Leser dann keine Adblocker ausschalten, weil sie keine eingeschaltet haben. Nur Lesen können sie die Süddeutsche dann auch nicht. Für eine ehemalige Zeitung des Qualitätsjournalismus ist dies der traurige Trotz eines rüpelnden Rotzlöffels.

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