FEUILLETON-ZEITGEIST: „Terrorthomas, NATO-Gipfel und BND-Gesetz“

Feuilleton-Zeitgeist

===============

„Terrorthomas, NATO-Gipfel und BND-Gesetz“

 Kein Vorbild für Friedensverantwortung in Sicht

Unter den Staatschefs, Regierungschef, Außenpolitikern, Sicherheitspolitikerngibt es derzeit vom Atlantik bis zum Ural und vom Nordkap bis zum Mittelmeer keinen, der als verantwortungsvoller besonnener Friedenswahrer vorbildhaft wäre. Nicht einmal Außenminister Frank-Walter Steinmeier, obwohl der den NATO-Heißspornen „Säbelrasseln“ gegenüber Moskau vorwarf.

In dieser Flugblatt-Ausgabe führt zur Zeit eine fünfspurige Bibliographie vom „Terroristen als Gesetzgeber“ (Heribert Prantl, 2008) über den „Grundrechtereport 2016“ bis hin zu den Texten des Anti-Terror-Gesetzes und des BND-Gesetzes mit der Krönung durch das Weißbuch der Bundeswehr 2016 zu einer Beschreibung ungemütlicher Vorahnungen bezüglich der Fortdauer eines Friedens ohne Mord und Zerstörung durch zwischenstaatliche Kriege, vermischte Kriege, Antiterrorkriege oder einfach nur durch Bandenkriege.

Der NATO-Gipfel: 139 Kriegstöne.

Die NATO ist die Verteidigungsbeauftragte der westlichen Wertegemeinschaft. Das Bündnis ist ein militärischer und politischer Rahmen, in welchem die Mitglieder ihren selbstgestellten Missionen nachgehen. Die selbstgestellten Missionen heißen: kollektive Sicherheit und Verteidigung der Bündnismitglieder gegen äußere Bedrohungen, Angriffe und Gefährdungen der sogenannten „Wertegemeinschaft“. Wertegemeinschaft ist ein schwammiger Begriff zur moralischen  Schmückung der westlichen Demokratien gegenüber repressiven und diktatorischen Geschäftspartnern und Profitkomplizen und den Geschäftspartnern und Profitkomplizen der zwischen Repression und Diktatur liegenden Nationalstaaten in einer Art Grauzone, bei der nicht klar ersichtlich ist, wohin der Staat tendiert.

Ungefähr seit dem Krieg in Syrien und besonders seit dem russisch-ukrainischen Krieg befindet sich die NATO zumindest in Teilen ständig in Manöverlage. Allein im Juli 2016 führte die NATO vier Manöver in Estland, den Niederlanden und Polen durchgeführt. Für September sind noch einmal neun Manöver in Bulgarien, Frankreich, Italien, Deutschland , Belgien , Kosovo, Lettland, Spanien und – jedenfalls laut Plan noch, trotz Erdogans unheimlicher innerer Operationen zum Machterhalt – in der Türkei.

Das offizielle Abschlußerklärung der NATO über ihr Gipfeltreffen in Warschau erfolgte nach dem NATO-Manöver „Anakonda“ im Baltikum unmittelbar vor Russlands Grenzen. Unabhängig davon, was die NATO-Führung und die jeweiligen Militärstäbe der beteiligten Staaten über die Manöveraufgaben und die Manöverauswertung dachten, beginnt die Abschlusserklärung in bekannter rhetorischer Tradition mit der Betonung ihrer Rolle in einem System kollektiver Sicherheit. Die Wahrung der Werte, die Achtung des Völkerrechts und das Zusammenleben der Völker und Staaten in Frieden und Freiheit will sich die NATO weiterhin auf die Fahnen schreiben. Ein Jammer bloß, meint sie, dass Kritiker nicht erkennen, an welche verschlimmerten Bedingungen sie ihr Wirken anpassen muss. das geht so ungefähr von Punkt 1 bis 9. Dann lässt die NATO die Katze aus dem Sack. Die Katze ist der mauzende Ankläger, welcher der Öffentlichkeit sagt, wen die klageführende NATO als Haupttäter hinter Terrorismus, Instabilität und Schwächung der Demokratien sieht: Russland ist’s. wer hätte das gedacht? Russland hat nämlich die NATO-Manöver vor der eigenen Haustür mit Flugzeugen beobachtet, weil man von oben einen besseren Überblick hat. Darf man aber nicht, sagt die NATO. Wörtlich sagt sie:

„Rußlands jüngste Aktivitäten und politische Schritte haben die Stabilität und die Sicherheit verringert. Die Unvorhersagbarkeit hat sich vergrößert und die ganze Sicherheitslandschaft verändert. Während die NATO zu ihren Verpflichtungen steht, hat Russland alle Werte, Prinzipien und Verpflichtungen gebrochen, die die NATO-Russland-Partnerschaft ausmachen. Die Entscheidungen, die wir getroffen haben, stimmen vollkommen mit unseren internationalen Verpflichtungen überein. Daher kann niemand unsere Entscheidungen als Widerspruch zu den Grundlagen der NATO mit Russland betrachten.“

– und zwar nicht einmal dann, wenn es permanente Verstöße der NATO gegen Vereinbarungen gibt. 1990 mit dem Ende der Blockkonfrontation und der deutschen Einheit verpflichtete sich „Der Westen“ gegenüber Russland, dass es keine NATO-Osterweiterung geben werde. Sie ist durch die Mitgliedschaft des Baltikums und Polens vollzogen. Aber nach NATO-Lesart entspricht die Osterweiterung genau dem Geist des Osterweiterungsverbotes. Damit sind Punkt 9 und 10 durch. In Punkt 17 heißt es noch einmal ausdrücklich:

„Rußland trägt die alleinige Verantwortung für die ernsthafte Verschlechterung der Menschenrechtslage auf der Krim“

dass aber insbesondere Amerika eine Destaniliserungstaktik mit dem Namen Special Forces unconventionell warfare“ (unkoventionelle Kriegsführung von Spezialkräften) interessiert die Rechthaber der NATO nicht.

Bis zum Punkt 25 zieht sich die Verdammung Russlands hin. Dem Land wird überhaupt keine Option gelassen außer der, das zu tun, was die NATO sagt. Wenn „hybrider Krieg“ sich als „unkenntliche Vermischung verschiedener Gewaltformen zu dem gleichen Zweck wie herkömmliche Kriege“, dann ist die NATO-Abschlusserklärung eine Kriegserklärung an Russland und eine Warnung an alle anderen. So kann man nicht in den internationalen Beziehungen herumrüpeln.

 Terrorthomas und BND-Gesetz

Bestimmt wird der schießende Mörder von Münchens Einkaufszentrun am Olympiastadion nachträglich als Bestätigung für die Richtigkeit des Antiterrorgesetzes betrachtet, welches die Bürgerrechtsgruppe „Digital Courage“ nutze, um Innenminister Thomas de Maiziere den Spitznamen „Antiterrorthomas“ zu verpassen. Bei diesem Gesetzentwurf scheint die personelle Aufstockung von Verfassungsschutz, Bundespolizei und des Bundesdatenschutzes interessant. Der Verfassungsschutz soll 2,9 Millionen Euro pro Jaht bekommen, die Bundespolizei 1,4 und die Datenschützer, die sich mit dem Schutz der zusätzlichen Datenberge vor amtlichem Missbrauch befassen müssen, bekommen lediglich 350.000. Das ist eine klare Verteilung von Prioritäten. Beim BND ist es ähnlich. 12 neue Dienststellungen sollen entstehen, un alle Planstellen zusammen kosten pro Jahr 1,6 Millionen. 8 Planstellen sind für die Führungsebene des höheren Dienstes vorgesehen, 3 kommen in den gehobenen Dienst und 1 Staatsdiener kommt in den mittleren Dienst. Das hört sich an, als ob der Eine schnell zu identifizieren wäre. Bundesgerichtshof und Generalbundesanwaltschaft bekommen ihre neuen Planstellen – 9 für den höheren Dienst, eine für den gehobenen Dienst – auch nach dem BND-Gesetz für jährlich 1,5 Millionen Euro. Warum Gericht und Anwaltschaft vom Auslandsnachrichtendienst bezahlt werden sollen, ist irgendwie unergründlich. In den Hintern gekniffen sind jetzt die Telekommunikationsanbieter, die per Gesetz zum aktiven Mitlauscher in der weltweiten Kommunikation und deren inländischen Endstellen dienstverpflichtet sind.

Zum Abschluss: Das Weißbuch der Bundeswehr

Das Harmloseste, was man über das Buch sagen kann, ist die Tatsache, dass es erschienen ist und beim Verteidigungsministerium geordert werden kann. Wer so unverblümt seine Ambitionen äußert, muss sich sehr sicher sein, dass Widersprüche und Einwände nichts mehr ausrichten werden. Wenn die NATO voll auf hybride Kriegsführung setzt und die deutschen inländischen Dienste in Zusammenarbeit mit ausländischen Partnerdiensten ihren Teil leisten, um die geplanten Kriege verdeckt zu halten, muss die Bundeswehr dabei sein. Und das alles lässt die Deutung zu, das sehr Übles im Gange ist.

Veröffentlicht unter Bewegungsmelder | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentare deaktiviert für FEUILLETON-ZEITGEIST: „Terrorthomas, NATO-Gipfel und BND-Gesetz“

FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES: Schach in Apolda, Kunst und Hobby in Schönberg und Literaturförderung in Mecklenburg

FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES

Schach in Apolda, Kunst und Hobby in Schönberg und Literaturförderung in Mecklenburg
================================================================

Apolda. Das Schachspiel feiert in Apolda das 25-jährige Schach-Open. Hell wie Apoldaer Glockenklang vernimmt man auch Apoldas großer Schwester Weimar die jahrelangen Bemühungen der Sektion Schach der Turn-und Sportgemeinschaft TSG Apolda und Deutschen Schachjugend zur Förderung des Schachspiels in Thüringen. Die 25. Apoldaer Schach Open finden vom 25. bis 28. August 2016 in der Stadthalle Apolda statt. Telefonische Anmeldungen sind unter 03644 / 54970136 und 03644 / 651800 möglich.

Schönberg.  Zum 10. Male findet vom 20. bis 27. August 2016 die Ausstellung „Kunst und Hobby“ in der Schönberger Palmberg-Halle statt. Zu sehen und zu kaufen gibt es regionale Kunsterzeugnisse von Malerei und Grafik, Literatur, Schmuck-Design, Fotografie, Kunsthandwerk und Handarbeiten. Täglich von 10 bis 17 Uhr.

Rostock. Etwa 18 aktive Literaturinteressenten vom Schriftsteller bis zum Verleger besprachen am 22. Juli in Rostock Schritte zur Förderung der Literatur in Mecklenburg-Vorpommern. Um das Bundesland zum Leseland zu gestalten, nimmt der Literaturrat Mecklenburg –Vorpommern die Erschaffung einer umfassenden Literaturdatenbank in Angriff, in der dann alle Schriftsteller, Ajutoren ud unbekannte Textkünstler sowie Kleinverlage mit einer Orts-und einer Namenssuchfunktion erforscht werden können. Vorbild dafür soll eine bereits besehende Literaturdatgenbank des Freistaates Thüringen sein. Wenn es gelingt, dass gegeneinander gerichtete Konkurrenzdenken abzulegen, kann ein literarisches Band von der blauen Ostsee zur grünen Lunge Thüringen flattern.

Veröffentlicht unter Baron von Feder | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentare deaktiviert für FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES: Schach in Apolda, Kunst und Hobby in Schönberg und Literaturförderung in Mecklenburg

FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES: Kunst ohne Barrieren von Künstlern mit Hindernissen

FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES

Kunst ohne Barrieren von Künstlern mit Hindernissen

Seit Juni 2016 betreiben Jana Banschus und Enrico Bach in der Strelitzer Straße in Neustrelitz das Atelier Tageswerk. Es ist ein vollkommen barrierefreies Atelier für Künstler mit und ohne Behinderungen. Auf 580 Quadratmetern Grundfläche haben die Fachkrankenschwester Jana Banschus und der Sozialtherapeut Enrico Bach Werkstätten, Küche, sanitäre Einrichtungen und Ruheräume für ihre zuweilen ganz spezielle Klientel geschaffen. „Wir wollen eine Plattform sein für Menschen mit Hilfsbedarf und ohne Hilfsbedarf. Hier können physisch und psychisch schwer und schwerstbehinderte Menschen zusammenkommen und auf dem Weg der Kunst miteinander kommunizieren. Und nicht nur die: Auch Arbeitslose mit künstlerischer Ader, denen im Hartz-Vier-Bezug die Decke auf den Kopf fällt, sind hier willkommen. Jeder kann kommen, wir unterstützen nur da, wo es nötig ist, und geben soziales Assistenz“, sagt Sozialtherapeut Bach. „Ich glaube, wir sind mit unserer Einrichtung völlig neue Wege in der Konzipierung von Behindertenwerkstätten gegangen. Das Atelier Tageswerk ist sozusagen ein Pilotprojekt mitten in der Stadt.“ Einer dieser neuen Wege ist das Finanzierungskonzept des Ateliers. Die Betreiber kommen anders als in vergleichbaren herkömmlichen sozialen Projekten ohne Trägergesellschaft aus. Bach und Banschus haben sich als gemeinnützige Unternehmensgesellschaft (gUG) gegründet. Diese Unternehmensform ist auch als Anspar-Gmbh bekannt. Sie braucht daher ihr Haftungskapital nicht schon bei der Unternehmensgründung vorzuweisen, sondern kann es durch die tägliche Arbeit erwirtschaften. Die Gemeinnützigkeit nach Paragraph 51 der Abgabenordnung ergibt sich für die beiden Betreiber sowie für die Behörden aus dem Unternehmenszweck: Förderung von Kunst und Kultur, des Wohlfahrtswesens sowie mildtätiger Zwecke. „Was wir hier machen, ist im Grunde genommen gelebte Inklusion“, sagt Bach. Inklusion ist nichts anderes als die Förderung der Zugehörigkeit und die Überwindung der Ausgrenzung, auf die behinderte Menschen sonst allzu oft stoßen. Und wenn nichts dazwischen kommt, wird Mitte August aus einem Teil der Kunstgalerie ein Einzelhandelsangebot für das kunstinteressierte Publikum.

DSCN403411-07-2016 Galerie im Atelier Tageswerk11-07-2016 Detai aus dem Freien Aterlier Tageswerk

Veröffentlicht unter Baron von Feder | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentare deaktiviert für FEUILLETON-KULTURBETRIEBLICHES: Kunst ohne Barrieren von Künstlern mit Hindernissen

REZENSION: „Grundrechte-Report 2016“

Rezension „Grundrechtereport 2016

„Das Schmunzeln des Staates über den Verfassungsernst seiner Bürger“

Staat und Bürger lesen die Verfassung unterschiedlich

Wenn der Staat mit dem gleichen Verfassungsernst wie die Bürger am grundrechtlichen Wohlergehen interessiert wäre, wäre ein Buch wie der seit 1997 erscheinende jährliche Grundrechtereport nicht nötig. Der Schutz der Verfassung wäre mit dem Namen der hierfür beauftragten Behörde identisch. „Die wirklichen Gefährdungen unserer freiheitliche demokratischen Grundordnung und damit der Grundrechte und des Rechtsstaates gehen im Wesentlichen von staatlichen Institutionen aus“, steht daher in der Inhaltsbeschreibenden Kurzzusammenfassung auf der Einbandrückseite des aktuellen Grundrechtereports 2016. Mehrere herausgebende Bürgerrechtsgruppierungen mit etwa 30 Autoren von redaktionellen Beiträgen haben sich für die Erarbeitung des Textes eingesetzt. Die Autoren untersuchen mit bürgerlichem Verfassungsernst den Zustand der Grundrechte, und der Staat schmunzelt über die fleißigen Landes-Kinder.

Nacheinander beleuchten die Autoren die Lage der Grundrechte von der Unantastbarkeit der Menschenwürde über folgende weitere Rechtsgüter: freie Entfaltung der Persönlichkeit, Freiheit der Person und Recht auf Unverletzlichkeit des Lebens, Gleichheit vor dem Gesetz, besonderer Schutz von Ehe und Familie, Aufsicht des Staates über das Schulwesen, Versammlungsfreiheit, Vereinsfreiheit, Briefgeheimnis, Unverletzlichkeit der Wohnung, Asylrecht für politisch Verfolgte, Nutzunng von Rechtswegen, Unterordnung der Exekutive unter Recht und Gesetz, und die Beschränkung der Freiheit unter selbst gesetzlich beschränkten Bedingungen. Mit anderen Worten: 15 vom Grundgesetz, also der Verfassung, benannte Grundregeln werden dahingehend untersucht, ob und wer gegen sie verstößt. Die kritischen Blicke betreffen Grundrechtebeschränkung von Hartz-Vier-Opfern, insbesondere die permanente Verletzung deren Menschenwürde durch den Ausschluss aus der Gesellschaft einfach durch den Mangel an finanziellen Mitteln für Theater, Bildungsreisen, Klassenfahrten für die Kinder und Bildung. Übrigens: Wussten Sie, dass Kinder von Flüchtlingen, wenn sie auf deutschem Boden von ihren Eltern getrennt werden, „UmF“ genannt werden? Die Abkürzung heit unbeglleiteter minderjähriger Flüchtling, und um ihn wird sich dann durch eine GU gekümmert. GU heißt „Geschlossene Unterbringung“, also ein Heim ohne Ausgang. Schon klar, dass man bei solcherlei Wortbedeutung lieber eine Abkürzung benutzt. Perversion und Würdelosigkeit eines zum Gegenteil verpflichteten Staates werden an solchen Beispielen deutlich. Wobei man- und das ist die große Schwäche des Grundrechteports – den Einzeltaten der Grundrechtsverletzungen nicht die die Fülle der kleinen Beispiele entgegensetzt, in denen die Würde des Menschen auch von Menschen geachtet wird, die siuch beim Achten nicht bewusst sind, eine Verfassungspflicht zu erfüllen.

Fazit: Die Verletzung der Grundrechte geht von staatlichen Institutionen aus, die Wahrung der Rechte aber von Dir und Mir, von einfachen Leuten, von Bürgern und solidarische  Armen, also vom Volk.

Hrsg: Humanistische Union, Komitee für Grundrechte und Demokratie, Pro Asyl, Internationale Liga für Menschenrechte

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentare deaktiviert für REZENSION: „Grundrechte-Report 2016“

REZENSION: „Der Terrorist als Gesetzgeber“

Rezension „Der Terrorist als Gesetzgeber“

„Der Rechtsstaat gilt nur bei schönem Wetter“

Antiterrorthomas und NATO-Gipfel

Terrorismus, Säbelrasseln und gesetzliche Einschränkungen der Freiheitsrechte bestimmten im Juli die Tragödien auf den Politikbühnen in Europa und außerhalb Europas. Auf den Medienbühnen hingegen kam Europa im Zusammenhang mit der Europameisterschaft im Fußball vor. Das sportliche Europa bestimmte thematisch die Nachrichtenlage in Europa, das politische Europa kam hauptsächlich als Spekulation über Folgen und Reaktionen auf den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union vor. Die Themen NATO-Gipfel in Warschau, neue Anti-Terrorgesetze der Bundesregierung und ein neues BND-Gesetz kamen zwar auch vor, aber sie gingen im Fußballbegleitgeräuschpegel unter. Gesagt ist gesagt, mögen sich die Zuständigen gedacht haben, wer es nicht hört, ist selber schuld. Sprechen in der Hoffnung nicht gehört zu werden, um sagen zu können, man habe nichts verschwiegen, könnte man als eine neue Form der Unredlichkeit auffassen. Wenn man das Stimmenwirrwarr ein wenig ordnet, dringt ein Wechselgesang ans Ohr zwischen Regierungsgemurmel und der dem Versuch der Bürgerinitiative „Digitalcourage“, die versucht, das Gemurmel von „Antiterrorthomas“ an die interessierten Ohren der Adressaten zu bringen. „Antiterrorthomas“ hat die Initiative zum Spitznamen von Bundesinnenminister Thomas de Maiziere gemacht. Am 8. Juli 2016 hatte die Initiative eine Demonstration in Berlin gegen Anti-Terror-Gesetze und BND-Gesetz in Bewegung gesetzt. (Anmerkung Redaktion: Auf beide bezieht sich die Rubrik Zeitgeist in der Ausgabe 106 sowie in der Online-Version von „Das Flugblatt“)

Digitalcourage erhält Unterstützung von dem Journalisten und Rechtsexperten Heribert Prantl. Prantl kommt mit seinem Buch „Der Terrorist als Gesetzgeber“ den Menschenrechtlern von Digitalcourage zu  Hilfe wie weiland Feldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher dem Herzog von Wellington, als sie zum Schluss Napoleon, dem korsischen Bedränger Europas, bei Waterloo den Hintern versohlten.

Die Rechte an dem Buch „Der Terrorist als Gesetzgeber“ liegen dem Impressum zufolge seit 2008 bei dem herausgebenden Verlag Droemer. Merkwürdig, das in all den Jahren nichts von dem Buch bekannt wurde. Oder zu wenig. Auf jeden Fall trifft es den Zeitgeist von 2016 so präzise, als habe sich der bemüht, Thesen und Schlussfolgerungen des Autors zu bestätigen. Der Untertitel des Buches heißt „Wie man mit Angst Politik macht“. Dieser Untertitel meldet Anspruch auf zeitlose Gültigkeit an.

Der Rechtsstaat gilt nur bei schönem Wetter.

Beinahe durchgehend wiederholt Heribert an unterschiedlichen historischen Beispielen und dem aktuellen Geschehen zum Erscheinungszeitpunkt des Buches die stets gleichbleibende Feststellung, dass das Recht nicht mehr gilt, wenn es gefährdet wird. Der Rechtstaat und seine Vorgänger, sofern diese in friedlichen Zeitabschnitten ihres Bestehens Handlungsfreiheit, Schaffensfreiheit oder unantastbare „verbriefte Rechtsgarantien“ für die Bürger hatten waren immer nur bei schönem Wetter Grundlage für das Zusammenleben der jeweiligen Gesellschaften. Und immer waren es die Garanten des Rechts – also die staatlichen Organe – die es als erste außer Kraft setzten, wenn vor den Toren der Stadt oder an den Grenzen des Landes eine Gefahr, eine Bedrohung oder nur etwas Fremdes auftauchte oder wenn die versprochenen Rechtsgarantien ein paar Entfaltungsmöglichkeiten der Macht behinderten. Von da an ist es nicht mehr weit zu der Vermutung, dass mancherlei Vorkommnis den Staaten ins eigne „Befreiungskonzept“ von den Fesseln verpönter Handlungsmöglichkeiten passte. Der internationale Terrorismus oder was man dafür hielt passte der deutschen Politik recht gut ins Konzept, verpönte Auslandseinsätze der Bundeswehr mit auch bereits gefechtstätigen Befugnissen durchzusetzen. Wenn es wirklich nur eine vorübergehende Begrenzung der rechtsstaatlichen Vertrauengrundsätze bis zur Wiederkehr einer neuen Schönwetterlage wäre, könnte die Vernunft fähig sein, einiges Freiheitsbeschränkungen zu akzeptieren –aber die Freiheitsbeschränkungen unter dem Vorwand von Terror, Kriegsgefahr oder subversiven Untergrabern der freiheitlich-demokratischen Grundordnung (FDGO) blieben ja immer beschränkt wenn sie mal beschränkt worden waren.

Scheinbar gibt es keine „vorübergehenden Freiheitsbeschränkungen“. „Vorübergehende Steuererhöhungen“ wurden ja auch nie wieder rückgängig gemacht. Im Ganzen ist das Buch moralisierend, klagend, mahnend – aber es bietet keine Lösung des Trend zur Freiheitsbeschränkung an.

(Heribert Prantl, „Der Terrorist als Gesetzgeber. Wie man mit Angst Politik macht“, Droemer-Verlag, München 2008)

 

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für REZENSION: „Der Terrorist als Gesetzgeber“

REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für Juli ist da

Das ganze Flugblatt gibt es hier: Das Flugblatt 105-01-07-2016 neues Layout

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wieder gingen vier Wochen ins Land. Viel Regen gab es und die Gurken im Garten jubelten. Gurken sind sehr intelligent. Wenn es ihnen zu heiß wird, nehmen sie einfach eines von den großen grünen Blättern und halten es wie einen Sonnenschutzschirm über ihre geometrisch schönen Blüten. Wirklich war – ich konnte es beobachten. Ich glaube, ich werde mir eine Kamera zulegen oder ausleihen, mit der ich dieses Verhalten mal filmen kann. Das glaubt einem ja kein Mensch.
Leider ist nicht alles so einfach zu regeln wie die Beschattung von Gurkenblüten. Ein Weißbuch der Bundeswehr gibt zum Beispiel Auskunft darüber, mit welchen militärischen Prognosen der Staat rechnet und welche Maßnahmen er dagegen zu treffen gedenkt. Das werden keine schönen Zeiten für den friedlichen Anbau von Gurken. Der Rezensionsteil befasst sich daher mit einem Interview des verfassenden Generals des Weißbuchs und einem Journalisten von der Atlantikbrücke, welches viel aufschlussreicher ist als die ungenaue Medienformulierung, die Bundeswehr solle künftig auch im Innern eingesetzt werden. Wenn es man bloß das wäre. Die Aufgabe, darüber zu schreiben, haben im Allgemeinen Journalisten, und daher gibt es im Rezensionsteil nach dem Weißbuchthema noch flugs eine Rezension über das Fachbuch „Journalistische Genres“, welches der Deutsche Fachjournalistenverband wie ein gemeinsames Lehrbuch für Leser und Autoren gleichermaßen konzipiert hat. Falls uns mal Zweifel an den Meldungen von der Brücke kommen.
Den Zeitgeist prägten im Juni eine Volksabstimmung der Schweizer über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, welches sie ablehnten, und eine Abstimmung der Briten über den Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union. Oft war dabei vom Zerfall der europäischen Union zu hören. Sollte man an dieser Stelle nicht eventuell aufpassen, dass ein Zerfall der EU nicht so hochkocht, wie der Zerfall Jugoslawiens 1991? Das begann mit „Tumultus violenti in Albaniae“ und war mit dem Massaker von Srebrenica noch längst nicht an seinem grauenvollen Ende angelangt. Wenigstens weiß die Gruppe 20, was zu tun ist, und sie sagt uns, was Sie und Ich, wir beide, in unserer heutigen zeit zu tun haben. Denn dies ist auch unser Land und unsere Zukunft, um die es hier geht, und sie kann schön und verantwortlich sein, wie Baron von Feder in Mirow beobachtet hat und worauf der Automobilclub ADAC zum Ansommern in Neustrelitz aufmerksam machte.

Veröffentlicht unter Redaktionsmitteilungen | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentare deaktiviert für REDAKTIONSMITTEILUNGEN: Das Flugblatt für Juli ist da

Foto: Blüte einer Balkongurke

28-06-2016 Blüte wartet auf BestäuberkussBlüte einer auf dem Balkon den Reifegrad erwerbenden Einlegegurke.

Veröffentlicht unter Baron von Feder | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentare deaktiviert für Foto: Blüte einer Balkongurke

Tagesbemerkung 24.Juni 2016 Britisches Austreten

„Britisches Austreten“

Einige gibt es immer, die eine angespannte Lage nutzen, um Ängste zu schüren. Die Angst vor der Angst geriet in Großbritannien so groß, dass  die Hälfte der Briten das Bedürfnis zum Austreten aus der Europäischen Union verspürten.  Vielleicht sollte Brüssel darauf reagieren, indem die verbliebenen Mitglieder „Austrittskonsultationen“ aufnehmen, bevor der Wunsch endgültig wird.

Am 23. Juni hatten die großbrittanischen Insulaner die Gelegenheit zu einer anderen weitreichenden Entscheidung als die Schweizer, die zum bedingungslosen Grundeinkommen  zum jetzigen Zeitpunkt „Nein, danke“ sagten. Das war relativ einfach. Denn das Nein richtete zumindest keinen Schaden an. Die Briten sollten hingegen darüber entscheiden, ob sie Mitglied der Europäischen Union mit allen Rechten und Pflichten bleiben wollen oder mit ihrer halbherzigen Liebschaft Europa nie wieder Bett und Tisch teilen wollen. „Ich gehe, Darling“ würde bedeuten: Das wars mit uns. Tür zu heißt auch Schlüsselabgabe. Hotel oder Parkbank – Europa ließ schon vorab verlauten: „Wenn Du gehst, ist es mir vollkommen gleichgültig, wie Du zurecht kommst.“ Die Nachbarn im Hause rätseln. Gut, Europa und die Briten hatten während des Mietverhältnisse öfter mal gegen einander gestichelt, aber Zank, Streit und völlige Zerrüttung gabs eigentlich nie. Permanent und einseitig war zuvor  vor den Folgen für die Wirtschaft gewarnt worden. Die Sorgen der Wirtschaft sind aber nicht die Sorgen der Gesellschaft. Bei gegenseitiger Verantwortung würde „Die Wirtschaft“ keine sozialen Einschnitte für „Die Gesellschaft“ in Kauf nehmen. Selbst jetzt wird lang und breit von den Reaktionen der Finanzmärkte gesprochen, aber nicht von den Alltagsfolgen für die Leute. Als nun aber der niederländische Nationalenführer Geert Wilders nach der Abstimmung sagte, sein Land werde als Nächstes austreten, wenigstens da müsste mal die Frage beantwortet werden, ob die Ausnutzung breiter gesellschaftlicher Stimmungen für politische Zwecke von anderen in Europa nicht zu „jugoslawischen Unruhen“ führen kann.

Veröffentlicht unter Bewegungsmelder | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentare deaktiviert für Tagesbemerkung 24.Juni 2016 Britisches Austreten

–Fremdwerbung: Anzeige Gruppe 20 „Sie und ich, wir beide“

Sie und ich, wir beide…

„Nehmen wir einmal an, Sie und ich, wir beide, müssten über den Frieden entscheiden. Ihn herbeiführen und ihn erhalten. Wir könnten uns dieser Aufgabe ja gar nicht entziehen. Wir könnten uns ja nicht einmal damit heraus reden, dass die Befugnisse dazu gar nicht in unserer Hand lägen. Im Gegensatz zu Krieg wird Frieden nämlich nicht von oben verordnet, sondern wächst natürlich von unten heran, wenn Sie und ich ihn zulassen und behutsam gestalten.“

Veröffentlicht unter --(Fremdwerbung) | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentare deaktiviert für –Fremdwerbung: Anzeige Gruppe 20 „Sie und ich, wir beide“

FEUILLETON-REZENSION: Journalistische Genres

Feuilleton-Rezension

================

 „Bote, Herold und Reporter“

19-06-2016 cover rezi journalistische genres

Vor acht Jahren:

„Eines Tages wird es keinen Journalismus mehr geben. Dann werden Redaktionen nur noch Abdruckbüros für Texte und Informationen sein. Recherche wird es dann auch nicht mehr geben. Denn wer muss noch Informationen sammeln, bewerten und überprüfen, wenn das zu Schreibende von den Presse-und Informationsstäben von Konzernen und Behörden vorgegeben wird? Außerdem braucht man dafür keine unabhängigen Schreiber mehr. Die Zukunft Eurer Branche beginnt mit dem Tod des investigativen Journalismus und der Reduktion der Zeitungen auf die Funktion eines amtlichen Mitteilungsblattes. Kein Gehalt mehr, und ihr schreibt um leben zu können, jeden Scheiß“, sagte vor 8 Jahren ein Bekannter, der eigentlich ein gebildeter Mensch mit der Neigung zur empirischen Überprüfung von Informationen ist. „Niemals“, widersprach ich voller Überzeugung, und meine Stimme vibrierte pathetisch wie die von Charles de Gaulle, wenn er „La France“ sagte.

Seit 2014 bin ich davon nicht mehr überzeugt. Seit 2014 möchte ich beinahe sagen, dass aus Blogs, Treppenhaustratsch und Marktplatzgerüchten eine Art „Volksnachrichtendienst“ entstehen kann, soll und müsste.

Wenn dieser „Volksnachrichtendienst“ einmal als Mitspieler in Informationsbeschaffung, Verarbeitung und Verbreitung wahrgenommen wird, dann spielt sich seine Betätigung zwischen Spurenlesen und Datenanalyse ab. Dieser Journalismus sammelt Daten über Datensammler von Tunnel 38 bis Werbewirtschaft. Er zieht solchen Leuten die Hosen runter, die das Volk der kleinen Leute zum gläsernen Bürger machen. Im Idealfall erreicht der Volksnachrichtendienst den Ausgleichstreffer zum Gleichstand. Noch ist es nicht so weit. Aber seit sich der Verdacht bestätigt, dass Journalismus erst dann wieder geistig wirksam und eine ernst zu nehmende Betätigung ist, wenn sich Formen des Schreibens und Erzählens sowie Methoden der Informationsgewinnung und Aufbereitung an die Steilvorlagen der Dateneliten anpassen, ist Bewegung und Unruhe vom kleinsten Autor bis zum größten Medienboss zu spüren. Die Lust auf Journalismus bekommt einen Schub durch die Klärung der Sinnfrage. Man muss ab sofort wieder damit rechnen, dass die üblichen Akteure keine Formulierungshoheit mehr besitzen. Die Elite wird wieder in der ständigen Ungewissheit leben, ob manches nicht doch auch ungewollt rauskommt. Bisher konnte man bei allen Enthüllungen immer resigniert sagen: Es kommt nur raus, was rauskommen soll.

Blogtechnik und ihr großer Haken.

Das Internet und die relativ einfache Publikationsmöglichkeit für Texte, die freie Autoren kaum noch in konventionellen Medien gegen Bezahlung unterbringen können ist Ansporn und Verpflichtung, neue oder andere Publikationsformen zu probieren. Die Sache hat nur einen Haken: Blogbetreiber sind der Technik ausgeliefert. So schnell man seine eigene Zeitung entwickeln und publizieren kann, so schnell kann diese auch mit juristischen und technischen Mitteln „dichtgemacht“ werden. Mir ist dafür zwar kein Fall bekannt, ich habe aber gehört, dass vielen Bloggern hin und wieder die Sache mit Damokles und dem Schwert in den Sinn kommt. Die Geschichte ging in drei Sätzen so: Damokles konnte zwar Literatur schreiben, aber nur solange der Tyrann es duldete. Der Tyrann verdeutlichte die Duldung, indem er ein Schwert an einem leicht reißenden Pferdeschweifhaar über Damokles schwingen ließ. Damokles ahnte genau, was ihm beim Reißen des Haares das Schwert antun könnte. Im Idealfall könnte eine Kombination aus Blogzeitung und ihrer Printausgabe eine spannende Erweiterung der Informationsverbreitung sein. Man kann zum Beispiel täglich Themen und Geschichten veröffentlichen und die wichtigsten dann per Newsletter an regelmäßige Leser schicken. Wenn diese Newsletter gestalterisch wie eine Zeitung aussehen, können sie nach Bedarf ausgedruckt, geheftet, gelesen, verteilt, diskutiert und archiviert werden. Vorne lebt die Blogzeitung davon, was ihr Herausgeber in sie hinein gibt und hinten davon, wie sie bei den Empfängern ankommt. Im Idealfall kann nicht einmal die Nahrungsmittelindustrie presserechtlich gegen kritische Artikel über die Nahrungsmittelindustrie vorgehen – und auch sonst keiner, der ein Interesse an der Unterschlagung von Informationen hat, die die Öffentlichkeit etwas angehen. Was ein Blogherausgeber vorne in sein Blog hinein tut, hängt in hohem Maße davon ab, wie er aus herkömmlichen journalistischen Darstellungsformen zeitgemäße und zum Thema passende Textarten schreibt und dazu genau die Mittel der Informationsbeschaffung und Informationsauswertung benutzt und trainiert, die sonst nur in Herrschaftswissen münden.

Freiberufliche Blogjournalisten stehen seit Jahren auf ziemlich einsamen publizistischen Posten. In dieser Situation hat der Deutsche Fachjournalistenverband (DFJV) das rund 422 Seiten starke Buch „Journalistische Genres“ herausgegeben. Etwa 30 Autoren haben zirka 35 Attribute vor das Wort Journalismus gesetzt und dabei die Vielfalt der journalistischen Darstellungsformen von Nachricht-Kommentar-Bericht-Reportage-Interview-Glosse-Rezension erweitert wie eine sich öffnende Samenkapsel einer Feldblume. Zum Teil ist das nur möglich geworden, weil Opfer von Redaktionsausdünnung und Honorarkürzung ihr unveröffentlichtes Zeug in Blogs veröffentlichten. Schreibtagelöhner und Textdiscounter konnten ohne redaktionelle Streichorgien Fontane und Feuilleton, Hemingway und Hauptnachrichten, DAX und Duck und was sich sonst so anbot miteinander kombinieren und eigenen Stilarten entwickeln. Das nun vorliegende Buch ist eine Bestätigung dafür, dass journalistisches Neuland unterm Pflug der Freiberufler zu guten publizistischen Früchten führte. Das Buch kann eine Wende auf dem journalistischen Arbeitsmarkt bedeuten. Der Deutsche Fachjournalistenverband kam nämlich mit der Stärke seiner 30 Autoren den bedrängten Freiberuflern zu Hilfe wie die Preußen unter Gebhard Leberecht von Blücher als Arthur Wellesley Herzog von Wellington im Juni 1815 bei Waterloo klagend rief: „Ich wollte es wäre Nacht oder Die Preußen kommen“. Und die Kombattanten des Herzogs kannten mit den Truppen des Feldmarschalls nur ein Ziel: Napoleons Hosenboden. Und den zogen sie dem Korsen gehörig stramm.

Die 35 Attribute des zeitgemäßen Journalismus.

Jahrelang wurde Nachwuchsjournalisten eingetrichtert, man dürfe sich mit keiner Sache gemein machen, selbst wenn es eine gute Sache wäre, für die man Partei ergreifen sollte. Viel wichtiger als die Stellungnahme für eine edle Sache sei die objektive Berichterstattung darüber. Objektivität sei für die Berichterstattung oberstes Gebot. Wie alle oberste Gebote ist das Gebot der Objektivität im Journalismus überhaupt nicht einzuhalten. Fürgendwen ergreift man immer Partei. Ansonsten schreibt man einen seelenlosen Text, der keinen Leser anspricht. Leser erwarten ja Antworten. Meist haben sie an diese Antworten schon eine inhaltliche Erwartung. Sie erwarten daher, dass der Autor die Leser in ihren Ahnungen bestätigt. Den Parteiergreifenden Journalismus nannten die Autoren der Einfachheit halber anwaltlichen Journalismus, weil der Begriff bei den Amerikanern Advokacy Journalism heißt. Journalisten als Anwälte. Fürsprecher, Helfer und Berater, Schlichter und Vermittler ist ein sehr edler Berufsanspruch. Ähnlich prägen die Autoren noch weitere Begriffe, deren Attribute dendie jeweilige journalistische Grundform näher bestimmen. Zählt man sie in dem Buch durch, kommt man auf 35 Attribute des zeitgemäßen Journalismus. Sie entdecken neben dem anwaltlichen Journalismus den Gedenkenden Journalismus, der anhand geschichtlicher Parallelen über aktuelle Gefahren in Politik und Zeitgeschichtge schreibt. Hier zählen sie den historischen Rückblick auf 1914, um die Kriegsgefahren seit 2014 zu beschreiben, und hierzu zählen auch immer wieder die Vergleiche mit der Weimarer Republik, um vor den Gefahren eines erneut aufkommenden Faschismusses in Deutschland und Europa zu warnen. Sie erwähnen einen unternehmerischen Journalismus und einen Innovationsjournalismus. Beim unternehmerischen Journalismus „schnüffelt“ ein Reporter wie ein Privatdetektiv im Dunstkreis eines Ereignisses, bis er die Geschichte ohne Vorgaben einer offiziellen Pressestelle oder PR-Abteilung erzählen kann. Für Friedensforscher, Konfliktmanager und Kriegsberichterstatter gleichermaßen interessant ist das Tätigkeitsfeld des Friedensjournalismus.

Richtig wertvoll wird das Buch, weil es die journalistischen Genres nach dieser thematischen Differenzierung auch noch mal nach den dafür angewendeten Recherchemethoden differenziert. Diese reichen von Schmutzmethoden wie Überfalljournalismus, von zweifelhaften Methoden wie Checkbuchjournalismus bis zu der höchstinteressant klingen Methode des Big-Data-Journalismus. Datenjournalismus bedeutet im Grunde nur eins: Herauszufinden, was Unternehmen und Behörden mit den gesammelten Daten über die Bürger herausfinden kann und was man als Journalist durch Datensammeln über verheimlichte Absichten herausfinden kann. Die Geräusche von Kriegsflugzeugen lassen sich nicht verheimlichen, aber bedeuten sie Manöver, Ausbildung oder schon einen verdeckten Aufmarsch am Ostrand des Nordatlantischen Sicherheitsbündnisses NATO?

Hoffnung nach Redaktionsausdünnung und Honorarkürzung.

Das Buch über die zeitgemäßen journalistischen Genres zeigt auf, dass es für Journalisten wieder viel zu tun gibt. Fachleute gibt es genug, und die Themenvielfalt wird wieder größer. Wirtschaftsnachrichten alleine sind nicht mehr die einzige Attraktion für Anzeigen und Inserate. Auch bei reinen Technikthemen gibt es zunehmend Horizonterweiterungen von „Freaks“ und „Nerds“ sowie „Whats-Abbhängigen“, wenn das Wortspiel mit Whats App und Ab-hängig erlaubt ist.

„Journalistische Genres“ ist ein Fachbuch für Autoren und Leser gleichermaßen. Es zeigt, dass beide an dem Punkt sind, wo sie einander brauchen. Leser werden Auftraggeber und Autoren Informationsdienstleister. Schon bald kann auch ein lohntransferunabhängiges bescheidenes Einkommensniveau entstehen.

(Deutscher Fachjournalistenverband, Hrsg., „Journalistische Genres“, UVK Verlagsgesellschaft Konstanz und München, 2016. ISBN:978-3-86764-682-6 bzw. 978-3-7398-0048-6 EPDF)

Veröffentlicht unter Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Kommentare deaktiviert für FEUILLETON-REZENSION: Journalistische Genres