Foto: Blüte einer Balkongurke

28-06-2016 Blüte wartet auf BestäuberkussBlüte einer auf dem Balkon den Reifegrad erwerbenden Einlegegurke.

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Tagesbemerkung 24.Juni 2016 Britisches Austreten

„Britisches Austreten“

Einige gibt es immer, die eine angespannte Lage nutzen, um Ängste zu schüren. Die Angst vor der Angst geriet in Großbritannien so groß, dass  die Hälfte der Briten das Bedürfnis zum Austreten aus der Europäischen Union verspürten.  Vielleicht sollte Brüssel darauf reagieren, indem die verbliebenen Mitglieder „Austrittskonsultationen“ aufnehmen, bevor der Wunsch endgültig wird.

Am 23. Juni hatten die großbrittanischen Insulaner die Gelegenheit zu einer anderen weitreichenden Entscheidung als die Schweizer, die zum bedingungslosen Grundeinkommen  zum jetzigen Zeitpunkt „Nein, danke“ sagten. Das war relativ einfach. Denn das Nein richtete zumindest keinen Schaden an. Die Briten sollten hingegen darüber entscheiden, ob sie Mitglied der Europäischen Union mit allen Rechten und Pflichten bleiben wollen oder mit ihrer halbherzigen Liebschaft Europa nie wieder Bett und Tisch teilen wollen. „Ich gehe, Darling“ würde bedeuten: Das wars mit uns. Tür zu heißt auch Schlüsselabgabe. Hotel oder Parkbank – Europa ließ schon vorab verlauten: „Wenn Du gehst, ist es mir vollkommen gleichgültig, wie Du zurecht kommst.“ Die Nachbarn im Hause rätseln. Gut, Europa und die Briten hatten während des Mietverhältnisse öfter mal gegen einander gestichelt, aber Zank, Streit und völlige Zerrüttung gabs eigentlich nie. Permanent und einseitig war zuvor  vor den Folgen für die Wirtschaft gewarnt worden. Die Sorgen der Wirtschaft sind aber nicht die Sorgen der Gesellschaft. Bei gegenseitiger Verantwortung würde „Die Wirtschaft“ keine sozialen Einschnitte für „Die Gesellschaft“ in Kauf nehmen. Selbst jetzt wird lang und breit von den Reaktionen der Finanzmärkte gesprochen, aber nicht von den Alltagsfolgen für die Leute. Als nun aber der niederländische Nationalenführer Geert Wilders nach der Abstimmung sagte, sein Land werde als Nächstes austreten, wenigstens da müsste mal die Frage beantwortet werden, ob die Ausnutzung breiter gesellschaftlicher Stimmungen für politische Zwecke von anderen in Europa nicht zu „jugoslawischen Unruhen“ führen kann.

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–Fremdwerbung: Anzeige Gruppe 20 „Sie und ich, wir beide“

Sie und ich, wir beide…

„Nehmen wir einmal an, Sie und ich, wir beide, müssten über den Frieden entscheiden. Ihn herbeiführen und ihn erhalten. Wir könnten uns dieser Aufgabe ja gar nicht entziehen. Wir könnten uns ja nicht einmal damit heraus reden, dass die Befugnisse dazu gar nicht in unserer Hand lägen. Im Gegensatz zu Krieg wird Frieden nämlich nicht von oben verordnet, sondern wächst natürlich von unten heran, wenn Sie und ich ihn zulassen und behutsam gestalten.“

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FEUILLETON-REZENSION: Journalistische Genres

Feuilleton-Rezension

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 „Bote, Herold und Reporter“

19-06-2016 cover rezi journalistische genres

Vor acht Jahren:

„Eines Tages wird es keinen Journalismus mehr geben. Dann werden Redaktionen nur noch Abdruckbüros für Texte und Informationen sein. Recherche wird es dann auch nicht mehr geben. Denn wer muss noch Informationen sammeln, bewerten und überprüfen, wenn das zu Schreibende von den Presse-und Informationsstäben von Konzernen und Behörden vorgegeben wird? Außerdem braucht man dafür keine unabhängigen Schreiber mehr. Die Zukunft Eurer Branche beginnt mit dem Tod des investigativen Journalismus und der Reduktion der Zeitungen auf die Funktion eines amtlichen Mitteilungsblattes. Kein Gehalt mehr, und ihr schreibt um leben zu können, jeden Scheiß“, sagte vor 8 Jahren ein Bekannter, der eigentlich ein gebildeter Mensch mit der Neigung zur empirischen Überprüfung von Informationen ist. „Niemals“, widersprach ich voller Überzeugung, und meine Stimme vibrierte pathetisch wie die von Charles de Gaulle, wenn er „La France“ sagte.

Seit 2014 bin ich davon nicht mehr überzeugt. Seit 2014 möchte ich beinahe sagen, dass aus Blogs, Treppenhaustratsch und Marktplatzgerüchten eine Art „Volksnachrichtendienst“ entstehen kann, soll und müsste.

Wenn dieser „Volksnachrichtendienst“ einmal als Mitspieler in Informationsbeschaffung, Verarbeitung und Verbreitung wahrgenommen wird, dann spielt sich seine Betätigung zwischen Spurenlesen und Datenanalyse ab. Dieser Journalismus sammelt Daten über Datensammler von Tunnel 38 bis Werbewirtschaft. Er zieht solchen Leuten die Hosen runter, die das Volk der kleinen Leute zum gläsernen Bürger machen. Im Idealfall erreicht der Volksnachrichtendienst den Ausgleichstreffer zum Gleichstand. Noch ist es nicht so weit. Aber seit sich der Verdacht bestätigt, dass Journalismus erst dann wieder geistig wirksam und eine ernst zu nehmende Betätigung ist, wenn sich Formen des Schreibens und Erzählens sowie Methoden der Informationsgewinnung und Aufbereitung an die Steilvorlagen der Dateneliten anpassen, ist Bewegung und Unruhe vom kleinsten Autor bis zum größten Medienboss zu spüren. Die Lust auf Journalismus bekommt einen Schub durch die Klärung der Sinnfrage. Man muss ab sofort wieder damit rechnen, dass die üblichen Akteure keine Formulierungshoheit mehr besitzen. Die Elite wird wieder in der ständigen Ungewissheit leben, ob manches nicht doch auch ungewollt rauskommt. Bisher konnte man bei allen Enthüllungen immer resigniert sagen: Es kommt nur raus, was rauskommen soll.

Blogtechnik und ihr großer Haken.

Das Internet und die relativ einfache Publikationsmöglichkeit für Texte, die freie Autoren kaum noch in konventionellen Medien gegen Bezahlung unterbringen können ist Ansporn und Verpflichtung, neue oder andere Publikationsformen zu probieren. Die Sache hat nur einen Haken: Blogbetreiber sind der Technik ausgeliefert. So schnell man seine eigene Zeitung entwickeln und publizieren kann, so schnell kann diese auch mit juristischen und technischen Mitteln „dichtgemacht“ werden. Mir ist dafür zwar kein Fall bekannt, ich habe aber gehört, dass vielen Bloggern hin und wieder die Sache mit Damokles und dem Schwert in den Sinn kommt. Die Geschichte ging in drei Sätzen so: Damokles konnte zwar Literatur schreiben, aber nur solange der Tyrann es duldete. Der Tyrann verdeutlichte die Duldung, indem er ein Schwert an einem leicht reißenden Pferdeschweifhaar über Damokles schwingen ließ. Damokles ahnte genau, was ihm beim Reißen des Haares das Schwert antun könnte. Im Idealfall könnte eine Kombination aus Blogzeitung und ihrer Printausgabe eine spannende Erweiterung der Informationsverbreitung sein. Man kann zum Beispiel täglich Themen und Geschichten veröffentlichen und die wichtigsten dann per Newsletter an regelmäßige Leser schicken. Wenn diese Newsletter gestalterisch wie eine Zeitung aussehen, können sie nach Bedarf ausgedruckt, geheftet, gelesen, verteilt, diskutiert und archiviert werden. Vorne lebt die Blogzeitung davon, was ihr Herausgeber in sie hinein gibt und hinten davon, wie sie bei den Empfängern ankommt. Im Idealfall kann nicht einmal die Nahrungsmittelindustrie presserechtlich gegen kritische Artikel über die Nahrungsmittelindustrie vorgehen – und auch sonst keiner, der ein Interesse an der Unterschlagung von Informationen hat, die die Öffentlichkeit etwas angehen. Was ein Blogherausgeber vorne in sein Blog hinein tut, hängt in hohem Maße davon ab, wie er aus herkömmlichen journalistischen Darstellungsformen zeitgemäße und zum Thema passende Textarten schreibt und dazu genau die Mittel der Informationsbeschaffung und Informationsauswertung benutzt und trainiert, die sonst nur in Herrschaftswissen münden.

Freiberufliche Blogjournalisten stehen seit Jahren auf ziemlich einsamen publizistischen Posten. In dieser Situation hat der Deutsche Fachjournalistenverband (DFJV) das rund 422 Seiten starke Buch „Journalistische Genres“ herausgegeben. Etwa 30 Autoren haben zirka 35 Attribute vor das Wort Journalismus gesetzt und dabei die Vielfalt der journalistischen Darstellungsformen von Nachricht-Kommentar-Bericht-Reportage-Interview-Glosse-Rezension erweitert wie eine sich öffnende Samenkapsel einer Feldblume. Zum Teil ist das nur möglich geworden, weil Opfer von Redaktionsausdünnung und Honorarkürzung ihr unveröffentlichtes Zeug in Blogs veröffentlichten. Schreibtagelöhner und Textdiscounter konnten ohne redaktionelle Streichorgien Fontane und Feuilleton, Hemingway und Hauptnachrichten, DAX und Duck und was sich sonst so anbot miteinander kombinieren und eigenen Stilarten entwickeln. Das nun vorliegende Buch ist eine Bestätigung dafür, dass journalistisches Neuland unterm Pflug der Freiberufler zu guten publizistischen Früchten führte. Das Buch kann eine Wende auf dem journalistischen Arbeitsmarkt bedeuten. Der Deutsche Fachjournalistenverband kam nämlich mit der Stärke seiner 30 Autoren den bedrängten Freiberuflern zu Hilfe wie die Preußen unter Gebhard Leberecht von Blücher als Arthur Wellesley Herzog von Wellington im Juni 1815 bei Waterloo klagend rief: „Ich wollte es wäre Nacht oder Die Preußen kommen“. Und die Kombattanten des Herzogs kannten mit den Truppen des Feldmarschalls nur ein Ziel: Napoleons Hosenboden. Und den zogen sie dem Korsen gehörig stramm.

Die 35 Attribute des zeitgemäßen Journalismus.

Jahrelang wurde Nachwuchsjournalisten eingetrichtert, man dürfe sich mit keiner Sache gemein machen, selbst wenn es eine gute Sache wäre, für die man Partei ergreifen sollte. Viel wichtiger als die Stellungnahme für eine edle Sache sei die objektive Berichterstattung darüber. Objektivität sei für die Berichterstattung oberstes Gebot. Wie alle oberste Gebote ist das Gebot der Objektivität im Journalismus überhaupt nicht einzuhalten. Fürgendwen ergreift man immer Partei. Ansonsten schreibt man einen seelenlosen Text, der keinen Leser anspricht. Leser erwarten ja Antworten. Meist haben sie an diese Antworten schon eine inhaltliche Erwartung. Sie erwarten daher, dass der Autor die Leser in ihren Ahnungen bestätigt. Den Parteiergreifenden Journalismus nannten die Autoren der Einfachheit halber anwaltlichen Journalismus, weil der Begriff bei den Amerikanern Advokacy Journalism heißt. Journalisten als Anwälte. Fürsprecher, Helfer und Berater, Schlichter und Vermittler ist ein sehr edler Berufsanspruch. Ähnlich prägen die Autoren noch weitere Begriffe, deren Attribute dendie jeweilige journalistische Grundform näher bestimmen. Zählt man sie in dem Buch durch, kommt man auf 35 Attribute des zeitgemäßen Journalismus. Sie entdecken neben dem anwaltlichen Journalismus den Gedenkenden Journalismus, der anhand geschichtlicher Parallelen über aktuelle Gefahren in Politik und Zeitgeschichtge schreibt. Hier zählen sie den historischen Rückblick auf 1914, um die Kriegsgefahren seit 2014 zu beschreiben, und hierzu zählen auch immer wieder die Vergleiche mit der Weimarer Republik, um vor den Gefahren eines erneut aufkommenden Faschismusses in Deutschland und Europa zu warnen. Sie erwähnen einen unternehmerischen Journalismus und einen Innovationsjournalismus. Beim unternehmerischen Journalismus „schnüffelt“ ein Reporter wie ein Privatdetektiv im Dunstkreis eines Ereignisses, bis er die Geschichte ohne Vorgaben einer offiziellen Pressestelle oder PR-Abteilung erzählen kann. Für Friedensforscher, Konfliktmanager und Kriegsberichterstatter gleichermaßen interessant ist das Tätigkeitsfeld des Friedensjournalismus.

Richtig wertvoll wird das Buch, weil es die journalistischen Genres nach dieser thematischen Differenzierung auch noch mal nach den dafür angewendeten Recherchemethoden differenziert. Diese reichen von Schmutzmethoden wie Überfalljournalismus, von zweifelhaften Methoden wie Checkbuchjournalismus bis zu der höchstinteressant klingen Methode des Big-Data-Journalismus. Datenjournalismus bedeutet im Grunde nur eins: Herauszufinden, was Unternehmen und Behörden mit den gesammelten Daten über die Bürger herausfinden kann und was man als Journalist durch Datensammeln über verheimlichte Absichten herausfinden kann. Die Geräusche von Kriegsflugzeugen lassen sich nicht verheimlichen, aber bedeuten sie Manöver, Ausbildung oder schon einen verdeckten Aufmarsch am Ostrand des Nordatlantischen Sicherheitsbündnisses NATO?

Hoffnung nach Redaktionsausdünnung und Honorarkürzung.

Das Buch über die zeitgemäßen journalistischen Genres zeigt auf, dass es für Journalisten wieder viel zu tun gibt. Fachleute gibt es genug, und die Themenvielfalt wird wieder größer. Wirtschaftsnachrichten alleine sind nicht mehr die einzige Attraktion für Anzeigen und Inserate. Auch bei reinen Technikthemen gibt es zunehmend Horizonterweiterungen von „Freaks“ und „Nerds“ sowie „Whats-Abbhängigen“, wenn das Wortspiel mit Whats App und Ab-hängig erlaubt ist.

„Journalistische Genres“ ist ein Fachbuch für Autoren und Leser gleichermaßen. Es zeigt, dass beide an dem Punkt sind, wo sie einander brauchen. Leser werden Auftraggeber und Autoren Informationsdienstleister. Schon bald kann auch ein lohntransferunabhängiges bescheidenes Einkommensniveau entstehen.

(Deutscher Fachjournalistenverband, Hrsg., „Journalistische Genres“, UVK Verlagsgesellschaft Konstanz und München, 2016. ISBN:978-3-86764-682-6 bzw. 978-3-7398-0048-6 EPDF)

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FEUILLETON-ZEITGEIST: Ohne Grund kein Einkommen

Feuilleton-Zeitgeist

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„Ohne Grund kein Einkommen“

 Der Wunsch nach der Flasche, die nicht leer wird.
Seit 1990 ist der Sozialismus in Europa zu Ende. Genauso lange werden die Arbeitsmärkte der Nationalwirtschaften in der Europäischen Union unermüdlich nach dem amerikanischen Vorbild der Minilöhne und der minimalen Arbeitnehmerrechte umstrukturiert. Infolge dessen entstand eine neue Klasse der sozial und gesellschaftlich ausgegrenzten Mitbürger. Zwei Attribute kennzeichnen die Lebensverhältnisse der Betroffenen. Sie heißen „heikel“ und „prekär“. Das Leben bei „Heikel & Prekär“ bedeutet nach der Worterklärung des Deutschen Universalwörterbuchs von A-Z, auch genannt „Duden“, dass es schwierig ist und gefährlich. Heikel ist eine Situation auch dann, wenn das Erkennen der Möglichkeiten unscharf bleibt, so dass man nicht sieht, welches Verhalten und welche Handlung ratsam erscheinen, um die Lage zu verbessern. Man sieht vielleicht als Lösung, mit einer Axt ins Jobcenter zu stürmen, um die Schreibtische gerade zu rücken, man weiß auch, dass dies keine gute Lösung ist, aber die richtige in dieser Situation sieht man nicht. (Die Lösung hat damit zu tun, auf unzählig viele Arten eine Form von Partnerschaft zwischen beiden Seiten des Schreibtisches herzustellen. Das KANN funktionieren, funktioniert aber nicht unbedingt unter GARANTIE) Es erscheint völlig klar, dass in solchen heiklen Situationen der Wunsch nach der Flasche entsteht, die nicht leer wird, so dass der Durst nach Leben jederzeit befriedigt werden kann.

Wenn jemand aus der heiklen Lage heraus in eine tiefer liegende Schicht fällt, wird die Lage prekär. Prekär ist eine Situation dem Duden zufolge dann, wenn man aus dieser Lage nicht mehr selber heraus kommen kann, sondern auf die Erfüllung von Bitten durch Dritte angewiesen ist. Wenn dem Sozialverhalten in normalen Situationen das Bitten um Hilfe aufgezwungen wird, kann man dieses Bitten auch Bettelei nennen. Bettelei trifft die Sache im Kern, erregt aber auch Unmut. „Sie können doch einen Antrag auf Sozialleistungen nicht mit Bettelei gleichsetzen“, empört sich die Öffentlichkeit. Unabhängig von der Empörung ist man mit der Gleichsetzung ziemlich dicht am Kern der Dinge dran, wenn man einen Hartz-Vier-Antrag als Bettelei bezeichnet. Es erscheint völlig klar, dass in solchen prekären Situationen der Wunsch nach der Flasche entsteht, die nicht leer wird, so dass der Durst nach Leben jederzeit befriedigt werden kann.

Mit den geringfügigen Löhnen nach amerikanischem Vorbild kann sich kein Mensch mehr absichern, um wenigstens gegen die gröbsten Unwägbarkeiten im Erwerbsleben einer Marktwirtschaft gewappnet zu sein. Darum klingt der Wusch nach einem bedingngslosen Grundeinkommen wie ein Befreiungswunsch im Märchen. Da fällt dann auch ein Sterntaler vom Himmel, und die Fischer haben fortan volle Netze. Aber ohne die Pflicht einer dafür zu erbringenden Gegenleistung funktionierte auch keine Märchenfreiheit. Verlockend am bedingungslosen Grundeinkommen ist nur dies: Das Grundeinkommen würde im Idealfall ausreichen, um Miete, Versicherungen, Kultur, Bildung, Gesundheit, Familie und freie Entfaltung der eigenen Fähigkeiten zu bezahlen. Eventuell würden einige faul werden. Eventuell würden andere aber auch trotzdem fleißig in angestellten Verhältnissen weiter tätig bleiben. Wer aber nicht angestellt ist, wird vermutlich auch nach einem Grundeinkommen nicht angestellt. Es sei denn als Ehrenamtler. Der Widerstand gegen das bedingungslose Grundeinkommen wird immer mit der erzieherischen Pflicht des Staates zur Vermeidung von Müßiggang begründet. Dabei kommt Müßiggang nur bei den Reichen und Schnöseln vor, die so reich sind, dass sie beim Aufstehen nicht wissen, ob sie sich heute die Eier linksrum oder rechtsrum schaukeln sollen. Die Befürwortung eines bedingungslosen Grundeinkommens wird immer mit dem unermesslichen  Reichtum begründet, dessen Aufteilung die ganz Reichen kein bisschen spürbar jucken würde, wenn sie per Gesetz zur Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens verpflichtet wären. Beide Lager versuchen sich ständig zu widerlegen, anstatt die Preill-Herricht-Methode anzuwenden. Sie heißt: Wir spielen das jetzt mal. Die versuchsweise Einführung des Grundeinkommens hat bisher nur Finnland angekündigt. Details dazu sollen im Sommer öffentlich bekannt werden – und noch etwas später können dann die ersten Erfahrungsauswertungen vorliegen. In Deutschland gibt es Analysen und Bewertungen über das Grundeinkommen schon bevor man damit Erfahrungen gemacht hat. Dabei wird bewiesen, dass die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens schon allein deshalb unnötig ist, weil die praktische Möglichkeit einer solchen Sozialversorgung undenkbar ist.

„Bleibt das Wissen im Ungefähren, kann man damit Ängste nähren“
Die finnische Regierung hat 2015 die Möglichkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens in einem praktischen Feldversuch zu prüfen. Es wird vermutlich darauf hinauslaufen, dass verschiedene Modelle eines monatlichen Einkommens OHNE ARBEIT ersonnen werden. Dann kann jeder von einem bedingungslosen Grundeinkommen reden, aber alle etwas anderes meinen. In Deutschland könnte man zum Beispiel sagen, dass die Höhe des Regelsatzes von Hartz-Vier in Verbindung mit den angemessenen Kosten für Miete und Heizung das Grundeinkommen wären. Im Grunde hieße das Hartz Vier ohne Bedürftigkeitsprüfung. Om Oktober 2015 –vor etwa acht Monaten – hielt Helsingin Sanomat die Idee des Grundeinkommens für eine schöne Freiheitsutopie. Nur eben nicht zu Ende durchdacht, meinen Konservative und Sozialwissenschaftler. Grundeinkommen gut uns schön, „aber wenn man mal nachrechnet, ist das gar keine einfache Entscheidung mehr“, zitiert die Zeitung einen Professor für Sozialpolitik der Uni Helsinki. „Das Grundeinkommen ist eine Idee, der man sich aus verschiedenen Richtungen nähern kann. Aber im Kern ist es eine ziemlich ungenau bestimmte Idee“. Nichts Genaues weiß man nicht, und bleibt das Wissen im Ungefähren, kann man damit Ängste nähren. Manche haben Angst, dass der Einfluss des Staates auf die Arbeitlosen sinkt, während deren Freiheitsempfinden wachsen könnte. Für herrschende Eliten ist dies fürwahr eine beängstigende Vorstellung. Ungefähr auf der Basis dieser Überlegung muss die finnische Tageszeitung „Helsingin Sanomat“ am 31. März 2016 zu der Erkenntnis gekommen sein: „Grundeinkommen könnte 550 Euro im Monat sein“. Soweit wie ich Finnland kenne, sind 550 Euro im Monat nicht gerade lebensfreundlich. Im nordischen Winter steigt nun mal der Verbrauch an Strom, um nicht im Dunkeln frieren zu müssen. Das finnische Experiment ist für den Zeitraum 2017 bis 2018 geplant. Es scheint jedenfalls so zu sein, dass sich die Finnen eine Art Sozialfixum mit arbeitsabhängigem Zuverdienst vorstellen. Das würde zumindest das Schreckgespenst der Förderung von Müßiggang und Faulheit im Tageslicht der hellen Zukunft verblassen lassen. 550 Euro pro Person und Monat klingen doch wieder eher nach Sozialhilfe als nach einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Die Idee könnte Liberale und Revolutionäre einigen.
Soziale Utopien werden trotz aller Rückschläge nicht müde beim Nachdenken über eine Gesellschaftsordnung samt dazugehöriger Wirtschaftsordnung, in der für eine menschenwürdige soziale Absicherung Aller gesorgt ist. Erstaunlich war es, dass in Deutschland praktische Forderungen nach einem arbeitsunabhängigen Grundeinkommen aus Unternehmerkreisen kamen. Man könnte sagen: Wenn Kapitalisten es für möglich halten, dass alle Menschen vom Staat bezahlt werden und dann nur noch diejenigen einer Lohnerwerbsarbeit nachgehen, für die die Lohnarbeit Bestandteil ihres Lebenssinns ist, dann ist es auch bezahlbar. Wer, wenn nicht die Kapitalisten, würden schließlich am Besten mit Geld umgehen können? Das bedingungslose Grundeinkommen könnte sowohl für die sozialutopischen Selbstverwirklichungsträume als auch für die liberale Glücksvorstellung der Einheit von Wettbewerb und Leistung ein gemeinsamer Ausgangspunkt sein. Von einem Ausgangspunkt sind ja verschiedene Richtungen möglich. Ebenso sind sehr viele Formen möglich, wie das Grundeinkommen ausgezahlt werden könnte. Sehr einfach könnte es sein, jedem Bürger einen Jahresetat auszuzahlen, mit dem er dann über die Runden kommen muss. Ein „Bissel was Extras“ könnte durchaus jedem selbst überlassen sein – jedenfalls wenn es keinem Unmöglich gemacht wird. Ob das bedingungslose Grundeinkommen aber zu Faulheit oder freier Selbstverwirklichung führt, weiß man nicht. Man wird es auch nicht wissen, wenn es nicht einmal ausprobiert wird. Einigkeit scheint nur darüber zu herrschen, dass keiner weiß, was ein Grundeinkommen mit den Menschen macht, für das sie nicht arbeiten müssen. Es weiß auch keiner so genau, wie hoch es denn sein würde und wie weit man dann damit käme.

Das Zaudern der Schweiz.
Am Sonntag, dem 05. Juni 2016, stimmte das schweizer Volk mehrheitlich gegen die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle Erwachsenen. In konservativen Beobachterkreisen herrschte die pure Erleichterung. Die Süddeutsche Zeitung titelte „Nein zum Grundeinkommen – jetzt wieder an die Arbeit“. Das Zaudern der Schweiz vor einer gesetzlichen Regelung eines Grundeinkommens ohne Wenn und Aber dürfte all jene Beobachter in Deutschland erstaunen, die kein oder nur ein geringes Einkommen erzielen. Kein Einkommen bedeutet Leben von Sozialleistungen – geringes Einkommen bedeutet Leben mit auch nicht viel mehr als dem Almosen, welches die Armen vom Staat beziehen. Entweder sind die Bürger der Schweiz einsichtig genug, um zu erkennen, dass die  monatliche Auszahlung eines Einkommens ohne jeglichen Grund dafür zur Faulheit verleiten könnte. Sagen die Schweizer wirklich von sich selbst: „Wir sind noch nichtg so weit“? Immerhin kam das Nein per Volksabstimmung zustande. Das wäre in Deutschland undenkbar. „Eine bedingungslose Existenzsicherung kann man nicht mißbrauchen“ hieß ein Interview des Onlinemagazins Telepolis mit einem der Mitinitiatoren der schweizer Volksabstimmung. Der sagte, ein  Grundeeinkommen ließe sich gar nicht mißbrauchen, aber wie man damit umgehen wolle, müsse sich erst durch Erfahrungen und Gewohnheiten zeigen. das heißt: Nach dem Signal kommt nun eine Sammlungsphase von Einzelerfahrungen, auf denen man aufbauen kann. Denn als Schweiz als erster ins Unbekannte vorzustoßen und Vergleichsmöglichkeiten zu kennen, beunruhigt.

Dabei köpnnte es doch vielleicht ganz einfach sein: man braucht statt eines bedingungslosen Grundeinkommens nur ein unbedingtes Arbeitseinkommen. Dafür müsste nur alles, was ein Mensch für seinen Lebensunterhalt tut, als Arbeit anerkannt werden. (Außer Raub, Mord, Betrug und Vorteilswahrnehmung zum Nachteil anderer)

Materialien:

„Nein zum Grundeinkommen – jetzt wieder an die Arbeit“, Süddeutsche Online, 05.06.2016

„Grundeinkommen abgelehnt – Diskussion geht weiter“, Spiegel-Online, 05.06.2016

„Perustulo ei ratkaise tulo-ongelmaa”, Helsingin Sanomat, 20.01.2016

“Perustulo on kaunis utopia vapaudesta” , Helsingin Sanomat, 15.10. 2015

„Perustulo voisi olla 550 euroa kuukaudessa“, Helsingin Sanomat, 31.03.2016

„Geld für gar nichts”, FAZ, 15.05.2016

„Eine bedingungslose Existenzsicherung kann man nicht missbrauchen“, Telepolis, 04.06.2016

„Das ist keine Belohnung fürs Nichtstun“, N-TV, 04.06.2016

„Es geht nicht um Geld, sondern um Macht“, N-TV, 05.06.2016

„Die Idee ist gut, aber…”, Tagesspiegel, 07.06.2016

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FEUILLETON-REZENSION: Weißbuch 2016 der Bundeswehr

FEUILLETON-REZENSION
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Rezension „Weißbuch Bundeswehr“

„Militärische Programmankündigung bis 2026“

Im Wettlauf um eine komfortable Ausgangsposition in den kommenden Kriegen will scheinbar kein Land Abseits stehen. Auch Deutschland nicht und nicht das Verteidigungsministerium und nicht die von der Leyen geführte Bundeswehr. Ministerium und Militärführung sind seit 1969 im 10-Jahres-Takt mit ihrer verteidigungspolitischen Orientierungsanpassung beschäftigt. Die daraus entstehende Drucksache trägt seit 1969 den Namen „Weißbuch“. Warum sich das Militär die Farbe weiß für ihr Buch gewählt hat, ist unbekannt. Bekannt aber ist, dass es auch ein „Schwarzbuch“, ein „Braunbuch“ und ein „Rotbuch“ gibt. (Rotbuche gibt es auch, ist aber im Vergleich zu dem namensähnlichen Buch etwas Schönes. Und Rotbuch ist der Name eines Verlages, welcher Rotbuch-Verlag heißt).  Weißbuch ist also im Grunde der Versuch, einer langperiodischen Publikation die Ausstrahlung einer historisch bedeutenden Dokumentensammlung zu geben. Dafür kann man den Gattungsnamen „Weißbuch“ benutzen. Man kann aber auch darauf warten, dass dieser Gattungsname von einer unabhängigen Stelle vergeben wird. In jedem Fall stellt der 10-Jahres-Plan eine Programmankündigung über die Entwicklung der Bundeswehr und die „verteidigungspolitischen Richtlinien“ der BRD bis 2026 dar. „Verteidigungspolitische Richtlinie“ ist seit dem ersten unter dem Gattungsnamen „Weißbuch“ verfassten Bundeswehr-Programmheft eine politiksprachliche Floskel, die nicht weiter in einzelne Sprachelemente zerlegt wird.
Ende Mai, Anfang Juni war das Weißbuch noch nicht veröffentlicht. Aber es gab bereits ein Interview eines Journalisten von der Mainstreamlobby „Atlantikbrücke“ mit einem General, der an der Ausarbeitung des Weißbuches federführend beteiligt war. Angeregt plauderten die Herren über die verteidungspolitischen Richtlinien und die neuen Herausforderungen an eine moderne Armee, zu welchen sie die Bundeswehr zählen. Der Brigadegeneral heißt Carsten Breuer. Der Mann auf der Atlantikbrücke heißt Burkhard Schwenker. Die Herren sangen ein feuriges Duett zur für die innere Zustimmungsbereitschaft des Volkes zu militärischen Einsätzen der Bundeswehr im Innern. Burkhard Schwenkers Eröffnungsarie begann mit einem Klagevers über die jüngsten NATO-Militärmanöver, die spätestens seit dem russisch-ukrainischen Krimkrieg seit 2015  zunehmen.

„Ich erinnere mich an eine Übung auf einer Fregatte, an der ich vor einigen Jahren teilnehmen durfte. Das Szenario war: Es finden Bedrohungen statt, die man nicht genau erkennen kann. Immer mehr Flugzeuge flogen über das Schiff, einige identifizierbar, andere nicht, neue Schiffe kamen hinzu, nicht alle antworteten auf Funksprüche, Meldungen widersprachen sich. Kurz: Es wurde Konfusion erzeugt.“

Oder anders ausgedrückt: Die NATO übte zu dem nicht genannten Zeitpunkt etwas, was in dem russisch-ukrainischen Krimkrieg als neue Kriegsform auch außerhalb einer Manöverlage praktiziert wurde. Die neue Kriegsform wird inzwischen als „hybrider krieg“ bezeichnet. Darauf der General:

„Die Besonderheit der Hybridität ist es, dass man plötzlich ein Ereignis, eine Störung feststellt, die nicht mehr klar auf den wirtschaftlichen, den militärischen oder den sozialen Sektor eingrenzbar ist. Es ist kennzeichnend für hybride Bedrohungen, dass Angriffe bewusst auf den staatlichen und gesellschaftlichen Bereich zielen.“

Man hätte auch „nicht mehr klar erkennbarer Krieg“ sagen können, dann hätte man das Wort „hybrid“ nicht gebraucht. Dann wäre allerdings ein Stück weit klar geworden, was zur Zeit eigentlich passiert. Dann nimmt der General selbst das Beispiel Ukraine, um den hybriden Krieg zu erläutern.

„Wenn  man sich die Ukraine anschaut: Was hat uns daran eigentlich so verblüfft? Ich glaube, es war neben den wirklichen Gefechtshandlungen vor allem die Art der Propaganda, die dort angewendet wurde. Hybridität beinhaltet aber nicht nur verschiedene Elemente. sondern eine ganz bewusste Verwischung der Grenze zwischen Krieg und Frieden . Ist es schon Krieg? Oder ist es noch Frieden?“

Wenn die Menschen zur Zeit vielfach eine diffuse Kriegsdrohung spüren und nicht wissen, was die NATO damit zu tun hat und ob sie ihr sicherheitspolitisch vertrauen können, dann hat der General der Gesellschaft mit diesen Worten geholfen, „den Teufel beim Kacken“ zu erwischen. Früher, sagt der General, war es einfach. Egal was geschah: Krieg war, wenn die Akteure Beziehungen zu anderen Staaten hatten oder von anderen Staaten beauftragt worden waren. „Plötzlich haben sie diese staatliche Bindung nicht mehr immer mit dabei“, beklagt der General, und nun weiß er gar nicht, ob offensichtlich kriegsähnliche Geschehnisse nun von Spezialkräften eines Staates zum Zwecke des Regimewechsels in einem anderen Land verursacht werden oder ob es einfach nur allgemeine Terroristen ohne politischen Auftrag oder politisches Ziel sind, die eigenen Interessen folgen, zum Beispiel Piraten vor Somalia, die mit Lösegeldforderungen ihre armselige soziale Lage aufbessern wollen. Solche und ähnliche Szenarien erörtern die Herren noch ein Weilchen,  bis sie dann auf den Punkt kommen, vor dem die Bundeswehr in den nächsten zehn Jahren steht:

„Wir haben eigentlich eine Fülle von Instrumenten, mit denen wir Krisenfrüherkennung betreiben können. In der Analyse und in der Vernetzung sind wir aber noch nicht da, wo wir sein wollen, nämlich so gut, dass wir wirklich erkennen können, was am Horizont auftaucht. Dieser Vernetzung der Instrumente zur Krisenfrüherkennung kommt besondere Bedeutung zu – und das über alle Politikbereiche hinweg.“

So werden Firmen der Internetsicherheit natürlicher Partner der Polizei, die ihrerseits auf nachrichtendienstliche Erkenntnisse und militärstrategische Analysen des Weltgeschehens angewiesen sind. Der Einsatz der Bundeswehr im Innern wird dann hybrid sein. Oder mit den Worten des Generals bei de3r Erklärung von hybrid: Man erkennt gar nicht mehr, ob man es mit wachdiensten oder Bundeswehr zu tun hat.

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BARON VON FEDER: Bahnremmidemmi in Mirow

BARON VON FEDER

Bahnremmidemmi in Mirow
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Sonntag Mittag, 05. Juni. Herrliches Wetter, aber mein kaputter Fuß schmerzt. Der Bewegungsdrang ist größer als das Ruhebedürfnis. Der Drang und das Bedürfnis schließen ein Abkommen: Wenn ich rechtzeitig zum Bus komme, fahre ich zum Bahnhof und von dort nach Mirow. Wenn nicht, verbringe ich den Nachmittag auf dem Balkon und schreibe wütende, aufmüpfige politische Texte, damit sich auch Hartz-Vier-Opfer ihre wohlverdiente Naherholung leisten können. An der Bushaltestelle hat der Bus bis zu seiner fahrplanmäßigen Ankunftszeit noch zwei Minuten. Ich verschiebe daher die aufmüpfigen Texte auf die kühlen Abend-und Nachtstunden, wenn ich mich selbst genug naherholt haben werde, um dem neoliberalen Kapitalismus ein paar Hände voll Sand ins Getriebe werfen zu können.

Am Bahnhof greift der wilde Trotz mich an. Kein Einkommen, keine Anstellung, Gesundheit derangiert, aber mit dem bedingungslosen Anspruch auf ein Leben, dass nicht für jede kleine Freude das Portemonnaie um Erlaubnis fragen muss. Immerhin habe ich die Qualifikation zu einer soliden Mitarbeit an Tätigkeiten, bei der meine akribisch-detektivische Arbeitsweise gefragt ist. Ich weiß inzwischen, dass der Trotz einem berechtigten Triumph weicht, wenn man ihn mit einem kräftigen „Alledem“ begrüßt. „Habe nun, doch“, rufe ich und genehmige mir ein Eis für 2,00 Euro. Ich bezahle es mit zwei Ein-Euro-Münzen, die seit einer Woche unzertrennlich in meinem Portemonnaie wohnen. Ich habe sie schon als paar übernommen, so dass ich gar nicht weiß, wie lange sie schon unzertrennlich sind. Ich wünsche ihnen, dass sie es bleiben werden, egal in wessen Börse. Denn Einigkeit macht stark.

Am Bahnsteig stehen zwei Männer und eine Frau in DDR-Uniformen. Die Frau in blau mit ihrem rotlackierten Koppelzeug stellt offenbar eine Schaffnerin dar. Die Männer tragen Polizeiuniformen, mit denen etwas nicht stimmt. Die Hosen weisen nämlich auf Transportpolizei hin und die Hemden auf Abschnittsbevollmächtigte. Die Aufgaben der Transportpolizei der DDR hat mach der Wende der Bundesgrenzschutz übernommen. Aus dem Begriff Abschnittsbevollmächtigter wurde der Begriff Kontaktbereichsbeamter.

Als die Passagiere des Quassow-Expresses der Hanseatischen Eisenbahngesellschaft Potsdam in Mirow aussteigen, beginnt eine Schalmeienkapelle aus Wokuhl diverse Oldies, Schlager, Evergreens und Schnulzen zu intonieren. Schlagartig wird auch klar, dass der ganze Remmidemmi eine Veranstaltung der Eisenbahngesellschaft ist. Die beiden Transportpolizei-Hosenträger sind inzwischen auch da. Sie sind zu jung, um die diese Uniformen früher dienstlich getragen zu haben. Sie bestätigen auch, dass sie nur Darsteller sind. Die Darsteller sind Mitglieder der am 18. September 2004 gegründeten Interessengemeinschaft „IG VEB Schwellenschutz. Die Transportpolizei“. Ihren Standort hat die IG in Klink bei Waren an der Müritz. Eines Tages soll aus der IG ein Museum der Geschichte der Transportpolizei der DDR entstehen. Dazu passt auch ein Stand vom „Eisenbahn-Sammlershop“ Berlin. Zu sehen sind kuriose, befremdliche und dokumentarische Reichsbahnschilder, zum Beispiel „Bitte nicht in den Wagen spucken“, „Feind hört mit“ oder „Behelfsabort“. Auch längst vergriffene Bücher hat der Shop im Angebot. Davon kann das „Antiquariat im Speicher“ in Neustrelitz nur Träumen. Allerdings unterscheiden sich die Preise der Berliner („gepfeffert“) und Neustrelitzer („symbolisch“) beträchtlich voneinander.

Wenn die Schalmeienkapelle mal schweigt, pausiert sie. Ansonsten reicht ihr Repertoire von „Die Fischer von San Juan“ über „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ bis „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Bei „Haselnuss“ singt die Trapo mit. Bei „Weine nicht, wenn der Regen fällt“ bläht sich der Sommertag mit Lebenslust prall auf und benimmt sich wie eine rollige Katze. Es besteht kein Zweifel, dass eine Region mit solch aktiven Menschen aus allen Zeiten das Beste für Land, Leute und Gäste machen kann. Egal wie lange sie bleiben.

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Baron von Feder: Vernunft allein ist auch keine Sicherheitsgarantie

FEUILLETON KULTURBETRIEBLICHES

Straßenverkehr, Urlaubsreisen: Vernunft allein ist auch keine Sicherheitsgarantie
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Urlaubszeit, Reisezeit, Unfallzeit. Die dreifache Selbstgefährdung im Straßenverkehr hat wieder Saison. Wie jedes Jahr weiß man. dass man auch trotz vernünftiger besonnener und defensiver Fahrweise von der Straße abkommen kann. Manchmal rutschen Autos einfach so auf ein Feld, manchmal überschlagen sie sich und landen auf dem Dach. Was soll man tun, wenn es passiert? Als Neustrelitz am 4 Juni die Sommersasison mit dem „Ansommern“ eröffnete, hatte der ADAC am Hubschrauberlandeplatz für den ihre Hubschrauber zur Besichtigung geöffnet. Hinter einem flachen Dienstgebäude wurde, quasi beim Um-die-Ecke-Schauen, hatten sie einen Überschlagsimulator aufgestellt. Er bestand aus einer Fahrzeugkarosse, die die drehbar gelagert war wie ein Broiler am Bratspieß. Man konnte damit simulieren, wie der Orientierungssinn keine Chance mehr hat, zwischen oben und unten zu unterscheiden. Ausserdem bekam man bei einer Geschwindigkeit von drei Kilometern pro Stunde einen Eindruck von den Kräften, die auf die Fahrzeuginsassen wirken, wenn sich das Auto überschlägt. „Die Faustregel für die Größe der wirkenden Kraft heißt Geschwindigkeit mal Körpergewicht“, erklärte  ADAC-Teamleiter Hans-Jürgen Maier. Erster Eindruck: Der Gurt entsprach nicht der Standardausrüstung herkömmlicher PKWs. Es war mehr so wie ein Pilot im Kampfflugzeug. Dann kam die Drehung. Mit der Drehung kamen Druck und Angst. Als das Auto auf dem Kopf lag, kam die Panik. Ich wollte nur noch raus. In Echt wäre jetzt der Moment gekommen, wo man mit dem Kopf nach unten hängt wie eine Fledermaus, sich selbst nicht befreien kann und man ahnt schon, wie das Blut in den Kopf steigt. Gott sei Dank ließ mich Teamleiter Maier nicht hängen. Als sich das Auto wieder aufrichtete, fasste ich Mut. „Jugendliche hätte ich vielleicht einen Moment länger hängen lassen“, sagte er nachdem ich ausgestiegen war. Mein Fazit: selbstaufrichtende Autos, fixierende Gurte und mehrere Hämmerchen im Auto, um notfalls die Scheiben zu zerdeppern täten Not. Zumal Kraft Masse mal Beschleunigung ist und als Faustregel gilt: Kraft ist Körpergewicht mal Geschwindigkeit. Eine Frau, 60 Kilo, erlebt dann bei 30 Kilometer pro Stunde 1,8 Tonnen. ich wiege 130 Kilo. Macht theoretisch 3,9 Tonnen. Da könnte ich mich ja gleich unter einem Elefanten schlafen legen. Meine Angst wurde nicht kleiner. Aber meine Vorsicht größer.

 

04-06-2016 Was passiert beim Überschlag

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Redaktionsmitteilungen: Das Flugblatt für Juni 2016 ist fertig

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wie gewünscht so geliefert: das Flugblatt für den Juni 2016 ist. Mein Gott, schon wieder ein halbes Jahr beinahe um. Manchmal kommt es vor, dass man gut in der Zeit liegt, aber seinem Ziel nicht erkennbar näher gekommen ist.

Das Flugblatt für Juni 2016 ist fertig. Das Flugblatt 104-01-06-2016 neues Layout

 

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Baron von Feder

Feuilleton-Zeitgeist
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 „Entfühlte Sprache: Letale Entnahme“

In einem Tierpark sah ich mal einen ummauerten Sandkasten, in dem Erdmännchen untergebracht waren. Sie schauten auf die Menschen, die an der mauer lehnten und die Erdmännchen anschauten. In Zoos erklärt meistens eine Tafel, was für ein Tier da zu sehen ist. Auf dem Schild bei den Erdmännchen gab es Informationen zum Paarungsverhalten. Icch amüsierte mich über den Begriff „Erdmännchenweibchen“. Überkorrekte Ausdrücke bringen zuweilen niedliche Formulierungen zustande. Manchmal entstehen sogenannte „Unwörter des Jahres“, wenn Wörter ihre Gegenstände empfindungsneutral benennen oder die böse Absicht beschönigend verharmlosen sollen. Im Dezember 1998 hatte der damalige Präsident der Ärztekammer vom „sozialverträglichen Frühableben“ gesprochen, welches die Rentenkassen entlasten sollte, weil Rentner, wenn sie früher sterben, nicht so lange Renten beziehen, als wenn sie sehr alt werden. Im Grunde hieß der Satz, dass Tote die Gesellschaft entlasten und daher eine schnell zu erfüllende Alterspflicht sei. Am besten wäre es, so die zynische Verachtung der Menschenwürde, wenn dies gleich nachdem keine Arbeitsleistung mehr erbracht wird geschähe. Ende April wurde in Niedersachsen ein Wolf erschossen. Die Pressemeldung Nummer 105/2016 fand für den ersten Satz der Meldung genau folgende Formulierung:

„Der Niedersächsische Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz Stefan Wenzel hat heute (Donnerstag) auf einer Pressekonferenz in Hannover darüber informiert, dass der besenderte Wolf aus dem Münsteraner Rudel (MT 6) am Mittwochabend im Landkreis Heidekreis im Rahmen einer Maßnahme zur Gefahrenabwehr letal entnommen wurde.“

So kam eine grausliche Formulierung in Umlauf: „Letale Entnahme“. Worin die Gefahr bestand, wird aus der Pressemitteilung über die Pressekonferenz nicht klar. Die Größe des Rudels blieb unbekannt und die Stellung des Wolfes im Rudel auch. Es soll sich um einen Rudelangehörigen mit „zeitweise auffälligem Verhalten“ gehandelt haben. Ob so etwas auch auf Rudelführer zutrifft? Im Polizeijargon soll es ja für den Schusswaffengebrauch bei Geiselnahmen den Ausdruck „finaler Rettungschuss“ geben. Finale Rettungsschüsse und letale Entnahmen enden für einen der Beteiligten tödlich, nämlich für den mit mit dem „zeitweise auffälligen verhalten“. Ist es bald denkbar, dass Geiselnehmer „letal entnommen“ werden? War die Erschießung von Osama bin Laden auch nur eine letale Entnahme? Für sprachliche Ausdrücke braucht man die Zunge. Die Zunge ist ein Ort mit Geschmacksnerven. Manche Formulierungen hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack.

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